Ich bin ein Fan, holt mich hier raus!

Diese Winterpause findet einfach kein Ende. Noch zehn lange Tage, bis Eintracht Braunschweig in Frankfurt endlich wieder Ball und Gegner laufen lässt. Was macht der Mensch, wenn er sich langweilt? Er macht die Glotze an. Was sieht er dort? Zur falschen Zeit auf dem falschen Sender das Dschungelcamp: Eine Gruppe von Menschen, von denen man wenige vor vielen Jahren irgendwo mal gesehen hat. Menschen, die zu wenig Schlaf finden und sich zu einseitig ernähren. Menschen, die in einem fremden Land bei unwürdigen sanitären Verhältnissen unappetitliche Abenteuer erleben. Menschen, die alle stets die gleichen Klamotten tragen. Und wenn sie Pech haben ist auch das Wetter unter aller Sau. Doch die Hoffnung gibt ihnen Kraft: Am Ende, am Tag des Finales, hoffen sie den Sieg zu feiern.

Vielreisende Fans der Nationalmannschaft sind mit der eben beschriebenen Situation eigentlich bestens vertraut – bloß mit dem Unterschied, dass solch ein Erlebnis in ihrer Erinnerung nicht unter dem Begriff Dschungelcamp, sondern unter Europameisterschaft abgespeichert ist: Nerviger Dauerregen? Den gibts nicht nur in Australien, den gabs auch bei der letzten EM bei den beiden kleinen Bergvölkern. Müffelnde Reste toter Fische, die in trüber Brühe treiben? Sowas gibts nicht nur bei der Sternesuche in der Dschungelprüfung, den gabs als “Caldeirada de Peixe” auch in dieser unglaublich günstigen Taberna in dieser Seitenstraße während der EM in Portugal. Auch im kommenden Sommer sind Parallelen zwischen australischem Dschungel und ukrainischer Steppe vorstellbar: Vielleicht werden EM-Reisende sich ebenfalls zu zehnt ein Plumsklo teilen. Anders als in Australien werden als Mahlzeit zwar keine Geschlechtsteile von wehrlosen Beuteltieren serviert, doch auch eine Soljanka kann für Brechreiz sorgen – zum Beispiel, falls die Dose, aus der sie auf den Teller gekippt wurde, den vergilbten Aufdruck “VEB Feinkost Leipzig – mindestens haltbar bis Ende 1998″ trug. Als humanitäre Hilfe getarnt wurde diese Dose vielleicht erst kürzlich den Bewohnern jenseits der Wolga gespendet.

Statt also bis zum nächsten Januar zu warten, wenn die nächste Gruppe abgebrannter Ex-Promis Down Under in den Regenwald geschickt wird, könnte RTL schon in wenigen Wochen Fans des Nationalteams in der endlosen Walachei zwischen Deutschlands Spielorten Charkow und Lwiw aussetzen: Natürlich dürfen die Kandidaten “weder Russisch noch Ukrainisch sprechen”. Erreichen sie mal eine Stadt könnten sie prüfen, ob “öffentliche Toiletten, Nachtleben usw.” dem internationalen Standard entsprechen. Vielleicht unterteilt man sie sogar in eine reiche Gruppe, “die in Nachtklubs die schönsten und reichsten Damen sucht”, und in eine arme Gruppe, “die mit öffentlichen Verkehrsmitteln reist, im Hostel wohnt und Sandwichs isst”. Wäre doch eine super Idee, oder?

Das einzige Problem: Der ukrainische Sender 1+1 hatte bereits genau diese Idee. Wer es in diesem Jahr also tatsächlich bis nach Charkov oder Lwiw schaffen möchte – Kartenkontigente bei der EM werden recht klein, Flüge und Unterkünfte extrem teuer sein – kann sich auf dieser Webseite als Teilnehmer bei der Reality Show “Euro 2012: Are they ready?” bewerben. Also: Anmelden und hinfahren! Land und Leute, öffentliche Toiletten und Nachtleben kennenlernen! Ich sehe schon die Glückstränen der Teilnehmer, wenn sie völlig ausgehungert am Ende der Serie erfahren, dass sie als Lohn für alle Qualen ein Ticket für Griechenland gegen Tschechien gewonnen haben!

Nach dem zu erwartenden Erfolg dieses Formats wird dem letzten Trottel klar sein, dass Reality TV mit Fußballfans der Quotengarant der Zunkunft ist. Wie wäre es also, statt Dschungelcamp, mit einem Eintracht-Fan-Camp? Zehn Fans der Blau-Gelben reisen zu allen Auswärtsspielen der Rückrunde: Es gibt Schatzsuchen (“Finde in Frankfurt einen FSV-Fan”). Es gibt Prüfungen, in denen der Kandidat ekelresistent (“Trinke ein lauwarmes Altbier in Düsseldorf”), oder einfach nur lebensmüde sein muss (“Stehe in blau-gelber Kleidung zwei Minuten an einer Kreuzung in Dresden”). Und nicht vergessen: Immer schön auf die Tips von Doctor Bob achten!

Och nöö, höre ich jetzt viele Leser denken. Leuten zuzugucken, die zwischen toten Fischen tauchen und Snacks mit tierischen Pimmeln und Muschis essen, ist – ganz ehrlich – viel lustiger. Stimmt! Es lebe das Dschungelcamp! Doch vielleicht kann man das Konzept der Sendung aufwerten, indem man auf die abgebrannten und teilweise unbekannten Ex-Promis einfach verzichtet. Wie wäre es, um das Thema Fußball mit einzubinden, wenn man stattdessen zehn Kunden eines niedersächsischen Erstligisten in den Dschungel schickt? Die als Einheitskleidung jeden Tag das Trikot ihres Vereins tragen? Die sich in der täglichen Prüfung unter Fischlaich und Kakerlaken begraben lassen, damit es abends ausnahmsweise mal etwas mehr als immer nur Reis und Bohnen zu essen gibt? Ganz ehrlich, sowas könnte ich jeden Abend gucken. RTL sollte sich schnell die Rechte sichern, denn das 95+1-Camp wäre allein schon wegen des ‘plus eins’ im Namen für den ukrainischen Sender 1+1 ein äußerst interessantes Konzept. Das 95+1-Camp kann man auch mal über zwei Monate oder Jahre statt nur über zwei Wochen laufen lassen. Wäre aufgrund der längeren Laufzeit in der Produktion natürlich ein wenig teurer, aber man kann ja an anderer Stelle sparen.

Kein Problem: Streicht einfach die Stelle von Doctor Bob!

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Repräsentative Umfrage

Juten Tach, ick bin der Leopold. Meen Nachbar nennt mich imma Leop-Old, und dit hier is de Leop-Edia, und hier soll ick ma erzähln, wie ick neulich am Telefon zu Ballerei und Böllerei beim Fußball befragt wurde. Dit mitte Technik hier is ooch keen Problem, denn meen Nachbar hat mir dit allet erklärt: Compjuta, kleenet Mikrofon, Sprach’akennung. Leop-Old, dit schaffste, hatt’a zu mir jesagt.

So unjefähr vor nem Monat, und dit is ooch der Grund wieso ausjerechnet icke euch wat zum Thema Böllerei erzähl, klingelte bei mir nämlich et Telefon. Zuerst dacht ick: Dit wird meen Nachbar sein. Dem seine Lieblingsmannschaft, Eintracht Braunschweig, war inne letzte Zeit für ihre Vahältnisse relativ erfolgreich und is im Somma inne zweete Lija uffjestiejen. Zweete Lija Gruppe Nord müsste dit sein wenn ick nich irre. Und nach jedem Punktspiel inne zweete Lija ruft’a mir an und erzählt, wie seine Braunschweija soeben jejen Düsseldorf, Union, Wacker 04 oda weeß der Kuckuck wen jespielt ham. Ick also ran ans klingelnde Telefon – doch da war jar nich meen Nachbar anne Leitung, sondern ick hörte ne mir unbekannte weibliche Stimme!

Da stellte sich de Dame erstmal janz brav vor: Anne sei ihr Name, sie wär vonne Firma sowieso, und sie würden ne repräsentative Umfraje machen, und ob ick ma eene Minute Zeit für sie hätte. Na, da stockte mir ers’ma kurz der Atem, denn de Anne hörte sich sehr jung an – die Kleene war bestimmt noch keene vierzig! “Na klar, ha’ ick für Sie Zeit, Anne”, sa’ ick. Da fragt se mir als erstet, ob ick mir für Fußball int’ressier. “Ja wat mein’ Se wohl”, sa’ ick zu ihr. “Frü’a, als ick noch jünga war, bin ick imma zu ‘e Heimspiele von Tasmania hinne, zum Stadion inne Oderstraße, gleich hinterm Flughafen Tempelhof.” Dann erzählt’ ick ihr kurz de Jeschichte, wieso der Flughafen inzwischen jeschlossen is, wat sich da auffem Jelände inzwischen für ‘nen asozjalet Jesindel tummelt, wie ick in Tempelhof und Neukölln jahrelang Droschke jefahrn bin, dass de Tasmania aus Neukölln vor fuffzich Jahrn de Numma eins in Berlin war, wie de Hertha sich damals de Lizenz für de Bundeslija uff Kosten von Tasmania ergaunerte und dass der damalije Bundestrainer Herberjer als Ex-TeBeler aus Prinzip nie nen Tasmanen zur Natjonalelf berufen hätte. Als ick ihr wenig späta alle Namen vonne Helden von Bern uffzählte, untabrach mich Anne: “Gut, Sie interessieren sich also für Fußball. Meine nächste Frage: ‘Das Abbrennen von Pyrotechnik (z.B. Bengalische Feuer) in deutschen Stadien ist derzeit verboten. Ist dieses Verbot richtig?’”

Als ick dit hörte fiel ma fast ‘a Hörer ausse Hand. “Wat is dit denn für ne bescheuate Fraje!?” Da wollt ick von Anne doch gleich ma wissen, wat se sonst imma so für Frajen stellt, wenn se da von ihr’m Büro aus de Leute anruft: “Jestern villeicht ‘Dit Abbrennen von Autos in Berlin is vaboten. Is dit Vabot richtig?’ Und morjen villeicht ‘Dit Anzünden von Kindawajen im Hauseinjang is vaboten. Is dit Vabot richtig?’ Kieken Se ma inne Zeitung, Anne. Jeden Tach brenn’ irjendwelche Bekloppte irjendwat ab. Die jehörn alle inne Anstalt. Wer kommt denn jetze uffe bekloppte Idee, dass bloß weil et viele machen, man gleich ‘et janze Jesetz abschaffen soll?!”

“Ähm, ich bin mir nicht ganz sicher, ob Sie die Frage richtig verstanden haben”, antwortete Anne. “Soll das Abbrennen von Pyrotechnik in deutschen Stadien verboten bleiben?” – “Ick hab Se hunnatprozentig vastanden, junge Frau”, sa’ ick. “Ick kenn diese vamummten Typen, die im Stadion Knalla schmeißen und Rauch machen. Ick hab se doch alle im Fernsehn jesehn. Wenn Se mich frajen sind ‘et exakt de gleichen Typen, die ooch nachts im U-Bahnhof de Leute zusammenschlajen und am ersten Mai Steine inne Fensta schmeißen. Statt im Leben wat zu leisten wolln se imma nur allet kaputt machen. Ick versteh sowat nich. Und ick sach Ihn’ wat: Frü’a, als Tasmania noch inne Bundeslija spielte, da hats nur een eenz’jet mal Fußball und Pyrotechnik am selben Tach jejeben: Dit war, als Tasmania im Olympiastadion jejen Eintracht Braunschweig spielte. Dit Spiel war nämlich Nammittags an Silvester, und nachts um zwölwe sind wa dann runta uffe Straße und ham jeknallt. Da kam damals aba keen Mensch uffe bekloppte Idee im Stadion wat mit Pyrotechnik zu machen. Und Ultras jab et damals ooch noch keene. Da warn villeicht zweetausend Männekes im Olympiastadion und keena hat irgendwat jesungen, jetrommelt oda abjebrannt.”

“Zum Abschluss hätte ich noch eine Frage”, sagte Anne dann. “Stimmen Sie der folgenden Aussage zu? Das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion ist gefährlich, schadet dem Fußball und sollte daher hart bestraft werden.” – “Ja, absolut. Hart bestrafen. Imma. Grundsätzlich. Dit is doch ne Katastrophe, watte Jerichte heutzutaje imma de Täter loofen lassen.” Wat folgte war een kleena Exkurs meinaseits, in dem ick mit Anne meen Wissen üba de KaDeWe-Räuber, jugendliche Serienstraftäter und S-Bahnschläjer teilte. Ick war grad beim Thema freiloofende Triebtäter, als Anne mir untabrach: “Hallo… ‘tschuldigung… Wie ich schon sagte, vielen Dank für Ihre Antworten. Auf Wieder…”

Nee, noch nich ufflejen, Anne! “Stopp!” rief ick. – “Ja?” – “Anne, wolln Se noch en paar Telefonnummern für Ihre Befrajung? Ick kenn da ‘n paar Leute ausse Kleinjartenanlaje, die kieken ooch jeden Sonnahmd Sportschau und die würden sich bestimmt ooch jerne mit Ihnen üba Pyromanie und Fußball untahalten…” – “Nein, vielen Dank, nicht nötig…” – “Anne, jetze ham Se ja meene Numma. Rufen Se eenfach wieda an, wenn Se mal wieda janz repräsentativ wat wissen wolln. Kann ooch vormittags oda abends sein. Denken Se dran, dass unsre Jesellschaft imma älter wird. Und ooch ick werd imma älta. Dit bedeutet, ick werd imma repräsentativa für Ihre Umfrajen! Und wissen Se noch wat, Anne? Wenn Se wieda anrufen, sajen Se eenfach ‘Hier is Anne anne Leitung’, dit wär lustig, wa? Anne anne Leitung!” – “Tut-tut-tut…”

Verdammt, dacht ick mir und kiekte uffe Uhr. So schnell kann ne viertel Stunde rumjehn, wenn man nett mit ner jungen Dame plaudert. Ick versteh dit nich, wieso meen Nachbar sich nich befrajen lassen wollte: Bei ihm klingelte im Dezember nämlich ooch et Telefon, und da war de gleiche Firma am Apparat. Aba er sachte sofort: “Nee, vielen Dank, keine Lust auf irgendwelche Befragungen, auf Wiederhören”. Tja, schön blöd.

Bald wird sich de Anne bei mir jedenfalls wieda melden. Denn letzte Woche va’öffentlichte der Deutsche Fußball Verband dit Erjebnis von den ihre repräsentative Umfraje. Seitdem weeß ick, dass ick alle Frajen richtig beantwortet hab: Ick hatte nämlich jenau dit jeantwortet, wat am Ende 80 beziehungsweise 84% von alle anjeruf’nen Leute sachten. Dit is wie beim Jauch mit ‘em Publikumsjoker: Allet üba 70% is de richt’je Antwort, da kannste een druff lassen. In Zukunft reicht dit also, wenn de Anne nur noch mich anruft. Ick bin nämlich sowat von repräsentativ, da broochen die jar keen’ andern im janzen Land mehr anzurufen!

Und ick kann ma ooch schon denken, wat Anne als nächstet frajen wird. Denn habt’a zufällig ooch dit am Freitag inne Zeitung jelesen? Dass Pyromanen in Griechenland jetze als behindert jelten, dasse deshalb Rabatt uff Strom kriejen und umsonst mitte Bahn fahrn dürfen? Da is et ja keen Wunda, dass de Ultras in Griechenland alle rumfackeln wie de Bekloppten. So wie die hier – dit is nen Film aus Saloniki, den hat mir meen Nachbar letzte Woche da in seinem Eintracht-Intanet jezeigt. Dit Feuer machen de griechischen Ultras natüllich nur deswejen, damit se als Pyromanen Staatsknete kriejen. Wenn et Telefon also demnächst denn klingelt, de Anne is wieda dran und sagt: “Das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion erfüllt für Fans einen wichtigen Zweck, den viele Fernsehzuschauer gar nicht begreifen. Stimmen Sie dieser Aussage zu?”, dann sa’ ick: “Ja! Jenau so isset! Und Se broochen jar keen’ mehr anrufen. 84% sajen Ja!” Und dann erklär ick ihr dit mit ‘em neuen Jesetz in Griechenland, mit ‘em billijen Strom und dem Wochenend-Ticket uff Staatskosten… aba bis dahin hat se bestimmt schon wieder den Hörer uffjehängt.

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2012 wird super!

Gestern, gleich nach dem Frühstück, also bei Einbruch der Dunkelheit, gingen mein Hund und ich mal kurz vor die Tür. Was erblickten wir? Scherben von kaputten Sektpullen; feuchte Pappreste von Böller-Stalinorgeln; ein halb aus der Verankerung gesprengtes Parkverbotsschild. Und ich erinnerte mich: Es ist der erste Januar, es ist ein neues Jahr! Was bedeutet dieses neue Jahr eigentlich für den gelangweilten Durchschnittsbürger? Für ihn bedeutet es, dass vieles schlechter wird: der Strompreis geht rauf, der Mindestzins bei Lebensversicherungen geht runter, das Renteneintrittsalter geht rauf und im Fernsehen geht Ailton ins Jungelcamp. Doch was bedeutet ein neues Jahr für uns Eintracht-Fans? Dasselbe, wie schon vor einem Jahr: Das neue Jahr wird noch besser als das alte Jahr. Hurra, willkommen im Jahr 2012!

Viele Blau-Gelbe mag dieser Optimismus stutzig machen, denn 2011 erlebten wir das beste Jahr seit Jahrzehnten: Zuerst gewannen wir die Meisterschaft in Liga drei mit neuem Tor- und Punktrekord, danach verbrachten wir die gesamte Hinrunde der zweiten Liga in der oberen Tabellenhälfte. Erst gewannen wir die Bürgerbefragung zur Stadionmodernisierung, danach begannen die Umbauarbeiten. Was kann 2012 für den Eintracht-Fan überhaupt noch besser werden?

Die Antwort auf diese Frage findet man in jenem Land, dessen Bewohner in den letzten Jahren so viele Innovationen entwickelten, die unser tägliches Leben erträglicher und einfacher machen: Erst erfanden sie das Binge Drinking; dann brachten sie der Welt bei, wie man mit etwas Panade, einem Marsriegel und einer Fritteuse eine warme Mahlzeit zubereitet; in spanischen Ferienanlagen lehren sie uns im Sommer, dass eine Arschbombe vom eigenen Balkon der kürzeste Weg in den Swimmingpool ist; und in ihrem Heimatland, in Großbritannien, hat sich 2011 eine Neuerung etabliert, die 2012 hoffentlich flächendeckende Nachahmung in Deutschland finden wird: Wer beim Thema Fußball dem Internet- oder Fernsehnutzer deutlich machen will, dass etwas unerhört Skandalöses passiert ist, muss Bilder verpixeln!

Einen ersten Gehversuch in der fußballbezogenen Verpixelung in Deutschland erlebten wir im August 2011, nach Eintrachts Pokalspiel gegen den FC Bayern: Der Ringkampf zwischen Thilo und dem eifrigen Ordner an der Torlinie wurde in vielen Medien mit einem Foto gewürdigt. Bei bild.de waren die Gesichter beider Kontrahenten zunächst unverpixelt, einen Tag später jedoch verpixelt. Bei spiegel.de sind beide unverpixelt, in der Fotostrecke von newsclick.de ist lediglich Thilos Gesicht verpixelt. Was wäre wohl losgewesen, wenn ein newsclick-lesender Eintracht-Fan beim Anblick des Fotos den jungen Mann mit der Bernd Franke-Fahne identifiziert hätte? Das hätte bestimmt schlimmen Ärger gegeben!

Um in Sachen Verpixelung nun endlich eine einheitliche, klare Linie einzuführen, sollten deutsche Medien sich eine Scheibe bei den Engländern abschneiden – und die besagt, dass im Zweifelsfall verpixelt wird. Nehmen wir als Beispiel Liverpools Stinkefinger Luis Sanchez. Kicker.de zeigte am Freitag in der Spieltagsvorschau für die Premier League diese unverpixelte Wahrheit. Pfui, sowas will die schweigende Mehrheit nicht sehen! Selbst wenn der kicker mit Suarez’ Foto vielleicht nur daran erinnern wollte, dass es noch genau ein Tag bis Silvester ist. Ästhetisch viel gelungener, gleichzeitig geheimnisvoll und rätselhaft, ist diese Variante auf der Webseite der BBC. Bravo!

Auch dieser Stinkefinger, präsentiert von Karim Bellarabi nach Eintrachts Heimspiel gegen Heidenheim, blieb in deutschen Medien skandalöserweise unverpixelt. Dieses war längst nicht das einzige unschöne Bild, das sich 2011 im Pressekonferenzraum des Eintracht-Stadions bot. Auch ein Trainer kann Samstags optisch ein wenig neben der Spur sein. Zum Beispiel, wenn es – wie böse Menschen munkeln – in Wollitz’ Heimat, in Kuhstall-Country, immer erst am Sonntag einen frischen Trog voll Wasser für die Haar- und Bartpflege gibt. Man muss ja auch nicht erwarten, dass jeder Mensch jederzeit perfekt aussieht! Dennoch können wir im Fall Wollitz erneut von den Engländern lernen: Bei Sky News werden gelegentlich – zum Beispiel wenn John Terry einen schwarzen Gegenspieler beleidigt oder Wayne Rooney vor der Kamera am Spielfeldrand flucht – Gesichter zwischen Nase und Kinn verpixelt. So hätte Cottbus’ damaliger Trainer beim Erklären der Niederlage beim BTSV auf Sky News aussehen können. Sein Barbier und sein Frisör wären möglicherweise dankbar gewesen.

Spontan fallen viele weitere Bilder des abgelaufenen Jahres ein, in denen jeder vernünftige Blau-Gelbe den hemmungslosen Einsatz von Verpixelung begrüßt hätte. Sei es in der Tabelle bei den Namen der siebzehn unwichtigen Vereine, die doch nur als Statisten das Teilnehmerfeld auffüllen. Sei es bei solchen Bildern gegnerischer Sportfreunde, bei deren ungeschützten Anblick aus normalen Menschen Vegetarier werden können. Sei es, was 2011 zum Glück nur selten vorkam, beim Anblick eines Horror-Spielstands auf der Anzeigentafel. Sei es beim Anblick bestialischer Finger- und Zungenspiele, mit denen ein paar Kilometer östlich von Braunschweig Spieler feiern, dass sie nicht schon vor der Halbzeitpause ausgewechselt, suspendiert und mit Medizinball unterm Arm zum Straftraining geprügelt wurden.

Aus all diesen Gründen stellen wir zusammenfassend fest, dass 2012 noch besser wird als das alte Jahr. Denn wenn uns irgendwas im neuen Jahr nicht gefallen sollte – dann pixeln wir es ab sofort einfach weg!

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