Wie der DFB den Ostfußball abwickelt

On 19. Juli 2010 by togo

Hansa Rostock: Der letzte DDR-Meister spielt jetzt in der Dritten Liga

Erinnern Sie sich noch an die DDR? Diesen netten, kleinen Safaripark vor der Haustür, in dem man trotz horrenden Eintrittsgeldes (“Zwangsumtausch”) nicht mal echten Kontakt mit Eingeborenen hatte, sondern stattdessen immer nur Musterexemplare zugewiesen bekam? Der Spielgeld aus Aluminium verwendete? Wo zwar alles irgendwie billiger war als in der Bundesrepublik, aber haben wollte man es trotzdem nicht? Wo jeder eine gesetzlich zugesicherte Arbeitsstelle hatte, auch wenn die nicht unbedingt seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprach – und auch, wenn die Stelle längst doppelt und dreifach besetzt war? Und um den man Mauern und Zäune baute, damit bloß niemand ohne Eintritt rein kam – leider sind dann die Exponate selbst stiften gegangen?

Es wird Sie sicherlich nicht überraschen, wenn ich Ihnen jetzt mitteile, dass es die DDR in dieser Form nicht mehr gibt. Okay, die Ampelmännchen haben manchenorts überlebt. Das Ost-Sandmännchen war eh viel witziger als unseres im Westen. Der beste Sekt Deutschlands kommt von Rotkäppchen, da brauchen sich die Jungs im Süden gar nicht aufregen. Und ihre Lieblingspartei haben die DDR-Bürger auch noch über die Wende hinweg gerettet. Jetzt heißt sie zwar anders, der Inhalt ist aber der gleiche.

Dass diese Partei ohne Programm und Ideen, dafür aber mit viel Ideologie, uns in den gesamtdeutschen Parlamenten mit ihrer penetranten Anwesenheit und ihrer billigen Stimmungsmache nervt, haben wir Wessis uns allerdings redlich verdient. Denn, so richtig ernst genommen haben wir den Osten doch nie. Was wir Wessis aber nicht nur nicht zu schätzen wussten, sondern aktiv kaputt gemacht haben, ist die Fußballszene zwischen Rügen und Chemnitz! Als die DDR-Oberliga 1991 ihre Pforten schloss, standen die Vereine vor einer komplett unbekannten Zukunft. Plötzlich war man keine staatlich geschützte BSG mehr, sondern musste sich als Proficlub mit den West-Vereinen messen – auf einem Feld also, auf dem der Gegner unendlich viel Vorsprung hatte.

Damit es nicht zu einfach mit dem Eingewöhnen geht, hatte sich der DFB damals eine witzige Regelung ausgedacht: Von den 14 Erstligisten des ehemaligen FIFA-Mitglieds DDR wurden ganze zwei (Dynamo Dresden, Hansa Rostock) in die Erste Bundesliga eingereiht – sechs weitere Clubs durften sich in der dann zweigeteilten Zweiten Bundesliga versuchen. Für die letzten sechs (ist das eigentlich weltweiter Rekord?) blieb nur der Gang in die Drittklassigkeit. Ein Absturz ohne Netz und doppelten Boden. Erholt hat sich davon bis heute kaum einer der Vereine.

Wie tief der Sturz für die meisten war, zeigt der Blick auf die Abschlusstabelle der Saison 1990/91, ergänzt um die aktuellen Spielklassen der Teams:

1. Hansa Rostock (3.Liga)
2. Dynamo Dresden (3.Liga)
3. FC Rot-Weiß Erfurt (3.Liga)
4. Hallescher FC Chemie (4. Liga)
5. Chemnitzer FC (4.Liga)
6. FC Carl Zeiss Jena (3. Liga)
7. 1. FC Lokomotive Leipzig (5.Liga)
8. BSV Stahl Brandenburg (6.Liga)
9. Eisenhüttenstädter FC Stahl (6.Liga)
10. 1. FC Magdeburg (4. Liga)
11. FC Berlin (4. Liga)
12. FC Sachsen Leipzig (5. Liga)
13. FC Energie Cottbus (2.BL)
14. FC Victoria 91 Frankfurt (Oder) (6.Liga)

Im Vergleich dazu sieht die Gegenwart für die 18 Bundesligisten des gleichen Jahres doch viel freundlicher aus:

1. 1. FC K’lautern (1.BL)
2. FC Bayern München (1.BL)
3. SV Werder Bremen (1.BL)
4. Eintracht Frankfurt (1.BL)
5. Hamburger SV (1.BL)
6. VfB Stuttgart (1.BL)
7. 1. FC Köln (1.BL)
8. Bayer Leverkusen (1.BL)
9. Borussia M’gladbach (1.BL)
10. Borussia Dortmund (1.BL)
11. SG Wattenscheid 09 (5.Liga)
12. Fortuna Düsseldorf (2.BL)
13. Karlsruher SC (2.BL)
14. VfL Bochum (2.BL)
15. 1. FC Nürnberg (1.BL)
16. FC St. Pauli (1.BL)
17. Bayer Uerdingen (6.Liga)
18. Hertha BSC Berlin (2.BL)

Was sofort auffällt: Kein einziger der damaligen DDR-Erstligisten spielt heute in der Bundesliga, dafür aber zwölf der Westvereine.

Doch es kam noch schlimmer für den Ostfußball: In einem Anfall reinster Reformwut machte sich der DFB jetzt daran, sein bis dahin hervorragend funktionierendes Drittligasystem umzugraben. Über Jahre hatte sich der breite Unterbau in Form der Amateur-Oberligen bewährt, als erste Bewährungsprobe für Talente ebenso wie als Auffangbecken für Zweitligaabsteiger. Durch die vielen regionalen Derbies waren die Stadien ordentlich gefüllt, dazu waren die Anreisen nie zu groß. Mit Ausnahme der Oberliga Nord vielleicht, denn hier spielten die Clubs aus Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Aber dieser Besonderheit hatte man beim DFB in besonneneren Zeiten Rechnung getragen: Aus der Oberliga Nord durfte nicht nur der Meister, sondern auch der Zweitplatzierte an der Aufstiegsrelegation teilnehmen.

Mit dieser realistischen Einschätzung der Gegebenheiten war Schluss, als sich die Süd- und Westlobbyisten im DFB mit ihren Plänen für die neue dreigeteilte Regionalliga durchsetzen konnten. Denn plötzlich sollten nicht mehr regionale Verteilungsschwerpunkte (Vermeidung von weißen Flecken auf der Fußballkarte) ausschlaggebend sein, sondern schnöde Zahlen. Genauer: Die Anzahl der Mitgliedsvereine in den jeweiligen Landesverbänden. Denn da hatten Süd und West die Nase vorn. Der Norden, der nicht so dicht besiedelt ist, wurde da schon merklich abgehängt. Ganz schlimm traf es aber auch hier wieder den Osten: Über Jahrzehnte konnte hier nach dem Willen der volkseigenen Partei SED keine Sportvereinsstruktur entstehen. Jetzt präsentierte ausgerechnet der DFB den Clubs dafür die Rechnung. Geht es noch ignoranter?

Nord- und Ostvereine sollten also eine gemeinsame Regionalliga bekommen, der Süden und der Westen jeweils eine eigene. Doch zwischen Emden und Cottbus formierte sich Widerstand: Die weiten Fahrten wurden mokiert, gleichzeitig merkten einige Clubs an, dass Spiele gegen Vereine aus einem derart entfernten Teil Deutschlands für ihre Sponsoren nicht attraktiv seien. Der DFB zeigte sich teilweise einsichtig. Den geschossenen Bock mit der Bevorteilung des Westens und Südens konnte man nicht mehr zurücknehmen. Also durften Norden und Osten eine eigene Staffel ihrer gemeinsamen Regionalliga betreiben. Mit bizarren Folgen wie Relegationsspielen zum Aufstieg zwischen Nord und Ost (daraus resultierte unter anderem die noch heute andauernde Feindschaft zwischen Hannover 96 und Energie Cottbus), während aus dem Süden oder Westen abwechselnd mal nur der Meister, mal auch der Zweitplatzierte aufsteigen durfte. Die Halbe-Liga-Regelung lähmte den Fußball im Norden und Osten gleichermaßen. Die verlorenen Aufstiegsspiele von Hannover 96 gegen Tennis Borussia Berlin 1997 zum Beispiel hatten fatale Auswirkungen auf die eigene Staffel, denn die Roten saßen wie ein Stöpsel auf der Regionalliga Nord- nach oben konnte niemand entweichen. Bitter war das besonders für Eintracht Braunschweig, 1900 Gründungsmitglied des DFB und der Bundesliga 1963. Denn die Löwen wurden zwei Mal nacheinander Vizemeister, mit einer Punktequote, die sie im Westen und Süden zum direkten Aufstieg berechtigt hätte. In der Nordstaffel aber bedeutete diese Energieleistung nichts, lediglich verschwendete Zeit und verbranntes Geld.

(Nicht nur) Für die traditionsreichen Ostvereine wurde der Weg zurück in die oberen Ligen immer schwerer: Im Jahr 2000 wurden die bisherigen vier Regionaligen zusammengefasst in zwei: Die Regionalliga Nord und die Regionalliga Süd. Und um seine Abkehr von der breiten Basis komplett zu manifestieren, schuf der DFB zur Saison 2008/09 sogar eine eingleisige Dritte Liga! Der gehörten zum Auftakt übrigens ganze fünf Teams aus dem Osten an. Zeitgleich spielten in den beiden Bundesligen lediglich Hansa Rostock (2.BL) und Energie Cottbus (1.BL) als Ostteams mit. Man muss kein großer Mathematiker sein, um nachrechnen zu können, dass hier einiges nicht stimmt. Seine Fürsorgepflicht hat der DFB mindestens bei den Vereinen aus dem ehemaligen DFV-Gebiet jedenfalls nicht erfüllt.

Tja, und kürzlich hat sich auch noch Kunstbrausehersteller Red Bull dazu entschieden, im Ostfußball mitzumischen. Dem Fünftligisten SSV Markranstädt, unmittelbar vor den Toren Leipzigs gelegen, hatten die Österreicher kurzerhand das Startrecht für die Liga abgekauft. Nach dem Salzburger Vorbild (hier hat Red Bull erst den SV Austria aufgekauft, dann komplett umgekrempelt, sämtliche Traditionen hinweg gewischt und letztendlich die ursprünglichen Fans rausgeekelt) soll hier ein Bundesligist entstehen. Direkt vor den Augen der Fans des 1.FC Lok und von Chemie (Sachsen) Leipzig!

Die PR-Maschinerie der roten Bullen läuft seit Übernahme des Startrechts des SSV Markranstädt auf Hochtouren. Man wird nicht müde, seine guten Absichten zu betonen (“Leipzig aus dem Fußballschlaf wecken”, “Lokale Fußballtalente fördern”) und sich als Opfer unverständlicher Aggressionen zu präsentieren. Da wird dann schonmal ein Freundschaftsspiel abgesagt, weil es angeblich Drohungen gegeben habe. Beste Werbung für die Chemiebrause!?

Aber das scheint die Zukunft des Fußballs zu sein – geklonte Plastiktruppen, direkt aus den Reagenzgläsern der Fußballindustrie. Was in Wolfsburg und Hoffenheim so gut funktionierte, wird auch in Leipzig aufgehen. Leider.

3 Responses to “Wie der DFB den Ostfußball abwickelt”

  • Danke für die Korrektur! Der Text selbst ist ein wenig älter, ich hatte die Ligenzugehörigkeiten noch nicht vollständig auf den neuesten Stand gebracht. Wer ist noch unter- oder überbewertet?

  • Ich möchte nicht ohne Schadenfreude berichtigen, dass der damalige FC Berlin nur fünftklassig ist.

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