Neues aus der Arena der Finanzoptimierer

On 6. August 2010 by gialloblu

Grauer Grabschmuck für den grauen Verein aus der grauen Stadt: Graunover 96!Während der wahre Fußball bereits seit zwei Wochen rollt, langweilt man sich in der glamourösen Glitzerwelt der höchsten Spielklasse noch dem Ende der Sommerpause entgegen. Zwei Wochen vor Beginn der Bundesliga kriegt man fast schon Mitleid mit jenen Journalisten, die sich täglich Geschichten über Trainingsrückstände, über gescheiterte Transfers oder die Frage, welche Spielerfrau gerade ein Kind vom Ballack erwartet, aus den Fingern saugen müssen. Außer man hat den Jackpot geknackt. Außer man darf vom aufregendsten Ort der Liga berichten: aus Hannover. Was gibt’s dort denn Neues? Ein Blick auf die Homepage der Bild-Zeitung. Da leider keiner der sonst so eifrigen Leserreporter vom folgenden Vorfall, der sich offensichtlich zwischen einem 96-Freund und einer 96-Freundin abspielte, ein Handyvideo hochgeladen hat, muss man jetzt etwas Text lesen:

Der erste Höhepunkt der Saison in der AWD-Arena hatte wenig mit Fußball zu tun…

Unglaublich, was Claus Brune (60) in den Sommerferien erlebte, als er eine Besucher-Gruppe führte. Der Ex-Profi (62 Bundesliga-Spiele für Hannover und Wuppertal) überraschte ein ins Stadion eingedrungens [sic!] Fan-Pärchen – beim Sex im Mittelkreis!

Wer weiterliest stellt fest, dass in Hannover nicht nur der Präsident, sportliche Leitung, Spieler und Arenakunden immer tiefer sinken, sondern auch journalistische Standards. Denn es interessiert den Leser nicht wirklich, ob das Pärchen nach dem Quickie im Mittelkreis unerkannt entkommen konnte. Viel interessanter sind stattdessen folgende drei Fragen: Erstens – wer zwingt Besuchergruppen eine leere AWD-Arena zu besichtigen? Ist die Arena bei Bundesligaspielen nicht leer genug? Ist es bei Bundesligaspielen dort nicht auch genauso leise? Zweitens: Woran denkt man zuerst, wenn Hannover und Wuppertal im selben Atemzug genannt werden? Denkt man an Kosta Rodrigues oder denkt man einfach nur an Viertklassigkeit? Drittens: Wann wurde zuletzt mal der Mittelkreis der AWD-Arena bis zum Abwinken in allen Medien erwähnt… nein, nicht vorsagen… ich hab’s gleich… na klar, jetzt hab ich’s, war doch einfach:

Sonntag, 15. November 2009 – Ein Stadion voller Tränen und Trauer – und im Mittelkreis der Sarg von Robert Enke. (www.n-tv.de)

Anspruchsvoller Journalismus hätte an genau diesem Punkt angesetzt: Was bewegt das Fan-Pärchen dazu, sich an jener Stelle zu vereinen, wo vor wenigen Monaten noch der Sarg ihres Idols, ihrer so viel beweinten Integrationsfigur stand? Eine Theorie könnte lauten: Es handelt sich hier um einen Totenkult, wie man ihn auch von anderen primitiven Völkern kennt. Der heilige Stammesort ist jener zentrale Flecken, an dem man die aufgespießten Köpfe der Feinde ausstellt, an dem man die Toten den Geiern oder Hyänen überlässt, an dem man neue Krieger zeugt.

Die andere Theorie: Es gibt nun mal verwirrte Menschen, die für ihre intimen Momente gruftige Orte wie Friedhöfe oder Trauerhallen wählen. Der Gedanke an Leichen und Särge stimuliert die sich Liebenden. In diesem Fall also der Gedanke an den toten Robert Enke in seinem Sarg? Handelt es sich hier also um einen Fall von Nekrophilie? Eine mögliche Antwort findet man bei wikipedia:

Symbole des Nekrophilen sind Fassaden aus Beton und Stahl, die Megamaschine (Technophilie), die Vergeudung von Ressourcen im Konsumismus und die Art, wie der Bürokratismus Menschen als Dinge behandelt.

Fassaden aus Beton und Stahl, Vergeudung von Ressourcen, Menschen werden als Dinge behandelt – nein, besser kann man das Kundendasein bei 96 kaum beschreiben. Deshalb: Habt einander lieb – zur Not auch auf dem Friedhof, in der Gruft oder im Mittelkreis der AWD-Arena!

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