Pichelsteiner Krug

On 14. September 2010 by gialloblu

In Berlin gibt es viele schöne Ecken.Es muss nicht immer der ganz große Fußball sein. Es muss nicht immer die rappelvolle Kurve sein. Auch die familiäre Atmosphäre eines Spiels vor vielleicht 200 Zuschauern hat ihren besonderen Charme. Je beschaulicher der Rahmen, desto leichter kommt man am Rande eines Spiels auch mal mit fremden Menschen ins Gespräch. Zum Glück, lernt man so doch ihre durchweg positiven Ansichten zum BTSV oder zur Stadt Braunschweig kennen. So war es auch am letzten Freitag, beim Spiel Hertha II gegen Eintracht II.

Selbst die zahlreich zu unserem Schutz erschienenen Bundespolizisten waren fröhlich kommunikativ. „Is ma wat anderes als imma nur eutawarme Milch, wa?“ rief mir einer zu, als ich ein paar Becher Schultheiss Richtung Gästeblock trug. Nein, natürlich halten die alteingesessenen Berliner uns Blau-Gelbe keineswegs für zurückgebliebene Alm-Öhis. Wer sein halbes Leben lang auf eine Mauer geglotzt hat, idealisiert halt die grüne Idylle außerhalb der Millionenstadt. „Keine Ahnung, wie warm ein Euter ist“, antwortete ich. „Fragen Sie am Sonntag die Bielefelder. Die fummeln nachts im Stall an ihren Kühen rum.“

Nach dem Spiel führte unser Weg zurück in eine Kneipe direkt an der S-Bahn, nennen wir sie den Pichelsteiner Krug. Nachdem ich blasenwarmes Berliner Kindl auf die letzte Reise geschickt hatte, stellte sich bei der Klotür ein Blau-Weißer in meinen Weg, der mich an Neolith erinnerte, den kugelrunden Steinzeitmenschen aus dem Rolf Kauka Comic ‚Pichelsteiner‘. Neolith grapschte nach dem Eintracht-Emblem auf meinem Sweatshirt, guckte böse und sagte: „Ick war schon oft in Braunschweig. Ick fanns imma scheiße.“

Nein, natürlich finden Herthaner Braunschweig nicht wirklich scheiße. Doch wer könnte schon zugeben, eine Stadt zu lieben, in der man immer nur verliert? Also half ich ihm bei der Verarbeitung der für ihn wohl traumatischen Erlebnisse. Ich fragte ihn, ob der Grund für sein Empfinden Herthas Pokalklatsche 2004 sei. Vielleicht das späte 2:1 in der Aufstiegsrunde 1988? Etwa das 4:1 in der Saison, als Hertha Winkewinke Richtung Oberliga Berlin machte? Neolith sollte verstehen, dass ich seine Gefühle verstehe. Ich gab Neolith die Chance, sich über Herthas Niederlagen in Braunschweig auszuweinen. Anschließend würde es ihm viel leichter fallen, seine Liebe zur Löwenstadt zu gestehen.

Doch Neolith war noch nicht so weit, er suchte und fand einen anderen Weg: Der Aufdruck ‚Berliner Löwen‘ auf der Rückseite meines Sweatshirts hatte seine Aufmerksamkeit geweckt. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass ich aus dem Regierungsbezirk Braunschweig stamme, fragte Neolith, warum lauter so ’ne Penner wie Scheiß-Braunschweiger nach Berlin ziehen. „Und jetze sach mir domma, watte gloobst, wieso keen Berlina uff so ’ne bekloppte Idee kommt, in so ’ne Stadt wie Braunschweig zu ziehn.“

Nein, natürlich unterliegen Herthaner nicht dem Irrglauben, dass Berlin der Mittelpunkt der Welt sei. Sie wenden sich bei Zukunftsthemen wie Mobilität und Arbeitsmigration halt gerne an einen Sohn der Region der Zukunft, dem Braunschweiger Land. Ich erklärte ihm, dass gut bezahlte Jobs in Berlin neuerdings, also seit dem Mauerfall, an gut qualifizierte Leute vergeben werden. Und dass man in Braunschweig einfach keinen Bedarf an Arbeitskräften aus der Hartz IV-Hauptstadt habe, da die meisten zu besetzenden Positionen Skills verlangen, die vielen alteingesessenen Berlinern fremd sind: morgens früh aufstehen, sich rasieren, sich waschen. Kaum hatte ich den letzten Satz beendet, bemerkte ich einen zweiten blau-weißen Höhlenmenschen an Neoliths Seite. Nennen wir seinen Kumpel Theolith, so wie den zweiten Dicken im ‚Pichelsteiner‘ Comic. Theolith guckte, als hätte ich sein Mammut geklaut: „Ey wat für ’ne Scheiße hör ick dir da labern?“

Nein, natürlich sind Berliner nicht wirklich unfreundliche Menschen. Sie tun sich einfach etwas schwer, ihre Zuneigung uns gegenüber zu offenbaren. Theolith trug einen Kapuzenpullover, einen ranzigen Lappen aus einem blau-weißen Fan-Shop, der mit Aufnähern des Hertha-Gründungsjahres 1892 übersät war. Als Freund der Versöhnung deutete ich auf eine von Mäusen hinten angefressene 1892 und sagte: „Ist das eine 1895? Find ich gut. Bist also auch ein Eintracht-Fan, stimmt’s?“ Theolith setzte einen finsteren Blick auf: „Erstens is dit achzehn zween neunzig, du Opfa. Und zweetens is dit orijinal Thor Steinar.“

Nein, natürlich versuchen Herthaner nicht, als vermeintliche Hools oder Nazis einen auf dicke Hose zu machen. Außerdem hatte ich Theoliths Zeichen verstanden, dass er die 1895, also die Eintracht, liebt. Als höflicher Mensch erwiderte ich seine Zuneigung, indem ich ein paar Nettigkeiten über Berlin sagte. Welch offene, lässige Stadt, aus der man nie wieder wegziehen möchte. „Nee, jetze schleimta“, meinte Theolith enttäuscht, weil ihm plötzlich der Vorwand für ein bisschen Fratzengeballer am Freitag Abend flöten ging. Was er nicht kapierte war, dass ich das neue, also mein Berlin meinte. Nicht sein piefiges Hertha-Berlin, in dem man Harald Juhnke und Frank Zander verehrt. Wo Herthaner sich seit dem Mauerfall wundern, dass zwei Drittel der Einwohner Hertha nicht abkönnen. „Ey komm, wir jehn“, meinte Neolith schließlich zu Theolith und verabschiedete sich von mir mit den Worten: „Wär ick nich so besoffn hättste längst schon‘ paar inne Fresse jekricht.“

Nein, niemals. Denn während unseres gesamten Gesprächs hatte ich jederzeit gespürt, wie sehr Herthaner uns tief in ihrem Herzen lieben. Dass sie auch ein wenig neidisch sind auf die Stadt Braunschweig mit ihren grünen Auen, in der kluge Menschen wohnen, die mehrheitlich in wahrer Eintracht zu ihrem traditionsreichen blau-gelben Verein halten.

Beim Verlassen des Lokals guckten die beiden Höhlenmenschen etwas blöd, als sie acht weitere Berliner Löwen draußen sitzen sahen. Wütend grölten sie noch ein paar Hertha-Parolen in den Abend. Dann verschwanden sie schnell die Treppe hinunter zum S-Bahnhof, nennen wir ihn S-Bahnhof Pichelstein, aus dem sie wohl eines Tages, zum nächsten Heimspiel von Hertha II, wieder auftauchen werden.

One Response to “Pichelsteiner Krug”

  • Du warst leider im falschen Teil Berlins unterwegs. Da, wo ich manchmal rumlaufe, kann man sich mit rotem Löwen sehr gut blicken lassen. Mir wurde zwar auch schon offenbart, dass ,wenn unsere Teams sich jemals zu Pflichtspielen träfen, man sich wohl vor dem gemeinsamen Biertrinken erst noch dem gepflegten Aktivsport widmen müsse. Aber das wäre nichts Persönliches. Und da wir uns bisher nicht in Pflichtspielen über den Weg liefen, blieb es immer beim Bier – ohne Aktivsport.

    Hertha… ungeliebt in der eigenen Stadt, heimatlos, blass, überflüssig. Glaube, Berlin ginge es ohne Hertha besser.

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