Derby-Wahn

On 24. September 2010 by gialloblu

Deutschland-Derby!Vorgestern Abend, das letzte Spiel der Sky-Konferenz wurde abgepfiffen, der Kommentator sagte: „Nürnberg gewinnt das Derby gegen Stuttgart.“ Derby? Schon wieder ein Derby? Hatte es in der Bundesliga unter der Woche nicht schon zwei „Nord-Derbys“ gegeben, und am Samstag folgt bereits das nächste? Inzwischen ist scheinbar alles Derby, egal ob Nürnberg gegen Stuttgart (200 km Entfernung) oder Real gegen Barcelona („El gran derbi“, wie es in Spanien heißt, 600 km). Vielleicht ist das moderne Derby geographisch ungebunden. Derby ist, wenn eine spezielle Rivalität entweder bereits besteht oder zumindest konstruiert werden kann. Real gegen Barcelona ist ein Derby, weil es jedes Jahr um den Titel geht. Nürnberg gegen Stuttgart ist ein Derby, weil… weil… weil in einem aktuellen Ranking die Weihnachtsmärkte von Nürnberg und Stuttgart die beliebtesten in Deutschland sind. Bei Nürnberg gegen Stuttgart geht’s nicht bloß um drei Punkte, sondern es geht um den Meistertitel am Glühweinstand. Es ist Deutschlands „Weihnachtsmarkt-Derby“!

FC Bremerhaven gegen OSC Bremerhaven - zu nah für ein Derby?

FC Bremerhaven gegen OSC Bremerhaven - zu nah für ein Derby?

Eine weitere Derbyniederlage erlitt der VfB am letzten Sonntag im August, gegen Dortmund. Die Städte Stuttgart und Dortmund waren bekanntlich die beiden Ausrichter des diesjährigen Veggie Street Day. Wer hat denn nun die längste Theke der Welt für tierleidfreie Tofu-Burger? Es gibt Dinge, die kann man in Form eines „Veggie Street Day-Derbys“ ruhig mal Elf gegen Elf auf dem Fußballplatz auskämpfen. Am selben Wochenende war auch Derbyzeit in Liga zwei: RWO empfing den FSV Frankfurt. Sicherlich wären mehr als jene mickrigen 4.000 Zuschauer erschienen, wenn sie gewusst hätten, dass es sich hier um das „Rihanna-Derby“ handelt. Die R&B Queen gab im Frühjahr zwei Konzerte in Deutschland – eines in Oberhausen, eines in Frankfurt. Doch welche Stadt wird Rihannas Herz gewinnen? Dem Sieger winkt vielleicht eine neue Einlauf-Ballade: Don’t know why, don’t know how, but I love you, FSV.

Selbstverständlich herrschte am gleichen Wochenende auch Derbyfieber in Liga drei: Wer ist denn nun der Schönste der Liga – der Regensburger Dom oder der Braunschweiger Dom? Gut, dass neben sportlichen auch bauhistorische Fragen mit einem klaren 3:0 im „Dom-Derby“ zugunsten der Löwenstadt beantwortet wurden. Ansonsten bleibt jedoch leider festzuhalten, dass sämtliche Niederlagen Eintrachts in dieser Saison gleichzeitig auch Derby-Niederlagen waren: Nachdem dort vor gut zehn Jahren beim Umbau des Ronhofs ebenfalls reichlich Weidengewächse der Axt zum Opfer fielen, verlor die Eintracht im Pokal das prestigeträchtige „Bei uns standen bis in die 90er Pappeln am Stadion-Derby“ gegen Fürth. Und wo trinkt der kultigste Reporter des Landes am liebsten mal ein Bier oder einen Strohrum? In Braunschweig oder bei seinem Niedersachsen-Stammtisch in Wiesbaden? Autsch, Eintracht verlor „Töpperwiens Lieblingsstammtisch-Derby“ gegen Wehen, so wie auch eine Woche später das stets heiß umkämpfte „Shell-Tanke ganz nah am Stadion-Derby“ an der Grünwalder Straße gegen Bayern II.

Dominick Kumbela gab im Niedersachsen-Derby gegen den TuS Heeslingen (gleichzeitig das Halbfinale im NFV-Pokal) alles!

Dominick Kumbela gab im Niedersachsen-Derby gegen den TuS Heeslingen (gleichzeitig das Halbfinale im NFV-Pokal) alles!

Glücklicherweise bestehen in den nächsten Tagen und Wochen viele Gelegenheiten, Derbysiege einzufahren: Nach Angaben des NDR ist Hansa – BTSV ein weiteres „Nord-Derby“, wobei mir einfällt, dass der BTSV zwischen den Heimspielen gegen Augsburg (Juni 1994) und Verl (August 2000) einschließlich NFV-Pokal über 180 „Nord-Derbys“ in Folge spielte. Nach Rostock folgt Braunschweigs „Feuersturm im Herbst 1944-Derby“ in Koblenz. Wer kann vergessen, dass der BTSV am Morgen des Saisonfinales 2008, vor dem Spiel gegen BVB II, hinter RWE nur auf Platz 11 der Tabelle stand? Daher die Bezeichnung „Platz 11-Derby“ für den Klassiker bei Werder II nach der Länderspielpause.

Puristen finden eine so häufige Verwendung des Wortes Derby inflationär. Vor dem letzten Samstag, als das Aufeinandertreffen von zwei unbedeutenden Vereinen im „Niedersachsen-Derby“ bzw. „Leere Plätze in der Arena-Derby“ bevorstand, sprach einer der beteiligten Spieler endlich ein Machtwort:

Sergio Pinto, defensiver Mittelfeldspieler der „Roten“, freut sich auf das „kleine“ Derby: „Es ist ein Derby, auch wenn es nicht gegen Braunschweig geht. Hannover gegen Braunschweig ist wie Schalke gegen Dortmund. Hannover gegen Wolfsburg ist wie Schalke gegen Bochum.“

Wie Recht er doch hat! Hannover gegen Braunschweig ist wie Schalke gegen Dortmund. Denn richtiges Derby ist ausschließlich dann, wenn man gegen seinen ungeliebten Nachbarn spielt und am Ende die Mannschaft in gelb mit zwei Toren Vorsprung gewinnt!

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