Don’t Rostock it!

On 2. Oktober 2010 by togo

Unschönes Thema, schönes Bild: Eine voll erblühte Hortensie.Der Titel verrät es bereits: Ich war mal Fan der Bad Little Dynamos. Nein, das war kein BFC-Fanclub, und mit Lichtmaschinen hatten die auch nix am Hut. Die Bad Little Dynamos waren eine… hm… schwer zu sagen. Auf jeden Fall haben sie Musik gemacht, die mir gefallen hat. Die einen nennen’s Rock, die anderen Punk. Für viele ist es Krach. Ich nenne es geil.

An den Songtitel „Don’t Rostock it“ musste ich letztes Wochenende spontan denken. Naja, nicht ganz so spontan. Schließlich spielte die Eintracht beim FC Hansa im Ostseestadion (rip). Im Vorfeld war das Schlimmste zu erwarten. Die Gastgeber gelten als nicht gerade unkompliziert (allerdings hatte ich dort noch nie Probleme, eher im Gegenteil), und auch auf blau-gelber Seite hatten sich einige Spielkinder gerade erst von ihren Stadionverboten erholt.

Die Leopedia, Euer Online-Magazin für Ursachenforschung und chinesisches Feuerwerk, lässt an dieser Stelle einen Augenzeugen zu Wort kommen. Gern könnt Ihr die Kommentarfunktion nutzen und Eure eigenen Erlebnisse schildern.

Zu allererst: Ich bin stocknüchtern.

Ich versuche möglichst ohne Wertung, das zu schildern was ich heute erlebt habe.

Nach knapp 4stündiger Fahrt blieb der Sonderzug ca 200 Meter vor dem Rostocker Bahnsteig stehen. Später sprach sich herum, dass offenbar die Notbremse gezogen worden war.
Ganz vorne im Zug sprangen ca 50 Personen hinaus auf die Schienen (davon waren einige Cattiva zuzuordnen) und begannen zu pöbeln und Flaschen zu werfen.
Andere im Zug hatten nicht registriert, dass wir uns noch gar nicht am Bahnhof, sondern knapp davor befanden und wollten ebenfalls aussteigen.
Schnell rückte Polizei an, trieb die Meisten der „Ausgebrochenen“ zurück in den Zug , wenige wurden direkt festgehalten.
Vor unserem Abteil öffnete ein Polizist die Tür, sprühte Pfefferspray in den „Vorraum“ und schloss sie wieder.

Nach 20minütiger Verzögerung fuhren wir in den Bahnhof ein.
Zunächst warteten wir geraume Zeit auf dem Bahnsteig, bevor wir die Unterführung betreten durften.
Das Ende der Unterführung, sprich die Treppe wurde von Polizeikräften blockiert, sodass niemand den Bahnhof verlassen konnte. Am Ende der Fanschar reihte sich eine weitere Reihe der Polizei ein.
Man stand im Tunnel dicht an dicht, es war wirklich eng, jedoch gab es keine Anzeichen, dass die „Blockade“ gelöst werden würde.
Vereinzelt wurden Einzelne Fans durchgelassen, fotografiert, und zum Shuttlebus geschickt. Später stellte sich heraus, dass die Polizei den Plan verfolgte dort jeden Fan mit Personalausweis abzulichten, um diejenigen herauszufiltern, die vorher die Schienen betreten hatten.
Aufgrund der Enge und des Drucks entstand im Tunnel eine Art Paniksituation, es wurde Geschoben, und letztlich wurde die Polizeibarrikade durchbrochen.

Von den Szenen im Tunnel habe ich mit meinem Handy zwei Videos erstellt, einige Frauen wurden durch den Druck der Masse so eng zusammengepresst, dass sie kaum mehr Luft bekamen. Die erste Reihe – direkt vor der Polizei – erhob größtenteils beide Hände in die Luft, und signalisierte damit Hilflosigkeit, beziehungsweise keine Gewaltbereitschaft, wurde durch den Druck von Hinten aber in den Polizeiblock gepresst und dann zurückgestoßen.

Nach dem Durchbruch fuhren wir in Bussen zum Stadion, hier blieb vorerst alles ruhig. Nachdem einige Personen, die knapp oberhalb von Cattiva standen eine Rauchbombe, 2 Böller und ein Bengalo angezündet hatten kam eine Leuchtspurrakete mitten in den Gästefanblock geflogen.

Nach Spielschluss wurden wir wie üblich kurz am Stadion festgehalten, und danach mit Bussen zum Bahnhof gebracht. Vor dem Betreten des Bahnhofsgebäudes wurde dann jeder Eintrachtfan überprüft. Das heißt: Einzeln, mit Personalausweis vortreten, in die Videokamera schauen, den Personalausweis vor die Brust halten, dann wurde alles genaustens abgefilmt, man musste sich umdrehen, das Gleiche Prozedere folgte also von Hinten och einmal.
Dann musste man die Hände auf die Heckscheibe des Polizeibusses legen, und die Beine auseinandermachen, und wurde genauestens abgetastet. Ein Foto wurde noch gemacht, und man erhielt seinen Ausweis zurück und durfte den Bahnhof betreten. Durch dieses Intensive Verfahren verzögerte sich die Abfahrtszeit um 1.5 Stunden.

Inzwischen wurde ein Verbot von Glasflaschen für den gesamten Zug ausgesproche, die noch im Zug befindlichen Flaschen, Bierkästen und Würstchengläser waren in der Zwischenzeit beschlagnahmt und entfernt worden.

Viele Fans reagierten schockiert, mit Unverständnis, jedoch blieb es am Bahnhof friedlich.

Eine Hundertschaft der Rostocker Polizei begleitete den Fanzug von Rostock bis Braunschweig Hauptbahnhof. Der Polizeihubschrauber, der zur Überwachung eingesetzt wurde folgte dem Zug bis nach Stendal.

Kurz nach der Abfahrt vom Bahnhof wurden von einigen Personen Steine auf den Zug geworfen, mehrere Fenster wurden beschädigt, eines wurde eingeworfen.

Für die gesamte Rückfahrt galt ein Alkoholverbot im Zug, und letztlich kam dieser mit einstündiger Verspätung in Braunschweig am Hauptbahnhof an! Soweit meine Schilderungen.

Kurzes Fazit: Einige Vollidioten machen mit ihrem Scheißverhalten einen gesamten Ruf, Verein und die Fanszene kaputt. Alle müssen unter der Dummheit einiger Primaten leiden. Das ist einfach nur traurig!
Die leider komplett überforderte Polizei konnte der Lage nie Herr werden, wurde zu falschen Zeitpunkten und völlig unverhältnismäßig gegen zum Teil völlig unbeteiligte Fans eingesetzt, und griff zum Teil wilkürlich durch.
Ich habe schon viele Auswärtsfahrten – oft auch im Sonderzug – mitgemacht, heute kam ich mir das erste mal vor wie ein Schwerverbrecher. Besonders die Aktion im Bahnhofstunnel sowie das Abfilmen, kontrollieren und fotografieren vor der Rückkehr zum Zug haben mir wirklich die Sprache verschlagen.
Ich muss das erstmal sacken lassen, wollte aber schonmal die Situation so beschreiben, wie ich erlebt und beobachtet habe.

Gute Nacht.

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