Lasst uns Einheit feiern!

On 10. Oktober 2010 by gialloblu

Gerechtigkeit ist keine Autobahn!Ist das inzwischen lange her. Damals, als die Mauer fiel. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, Tränen des Glücks in ihren Augen. Wer damals dabei war, sagt heute noch: Da muss man dabei gewesen sein. Ich hatte wie viele andere das Glück, dieses Ereignis direkt vor Ort live erleben zu dürfen. Jedesmal wird mir warm ums Herz, wenn ich an diesen Tag zurückdenke.

Die Älteren wissen natürlich, wovon ich rede. Für die Jüngeren hier eine kurze Zusammenfassung der damaligen Ereignisse: Einst gab es eine Grenze, die mitten durch Deutschland führte, die unser Land willkürlich in zwei Hälften teilte: Die Vereine nördlich dieser Grenze spielten in der Regionalliga Nord, diejenigen im Süden in der Regionalliga Süd. Am 31. Mai 2008 fiel die unsichtbare Mauer zwischen Nord und Süd. Eintrachts Spiel gegen Dortmund II war schon längst abgepfiffen, als der Endstand von RWE gegen Lübeck im Stadion verkündet wurde: 0:1. Im Eintracht-Stadion lagen sich wildfremde Menschen in den Armen, Tränen des Glücks in ihren Augen. Die Einheit der dritten Liga stand vor der Tür, und wir, Eintracht Braunschweig, waren mit dabei. Der Jubel erinnerte an die Szenen im Garten der Prager Botschaft, als der damalige Außenminister Genscher im Herbst ’89 vom Balkon zu den Menschen sprach. Ich glaube, Genscher verkündete damals Eintrachts 5:1-Sieg bei Schalke. Oder war’s Eintrachts 3:2-Sieg im Pokal in Dortmund? Jedenfalls wurde auch im Botschaftsgarten laut gejubelt.

Die folgende Phase des Einheitsrausches war genial. Die blau-gelben Auswärtsfahrer sahen ihre Eintracht bei Vereinen spielen, die zu Zeiten der Nord-Süd-Teilung, so meine ich mich zu erinnern, noch Wismut Burghausen, Stahl Unterhaching oder Jahnsportpark (dort, wo Mielke immer Fußball guckte) Regensburg hießen. Als diesen Clubs die Unterstützung der Kombinate und Ministerien wegbrach, konnten Nordvereine rasch die besten Spieler abwerben: Mit der Aussicht auf eine Wohnung mit Zentralheizung, Telefonanschluss und Klo mit Wasserspülung lockte der BTSV Spieler wie Fuchs aus Wehen, Calamita aus Burghausen oder Petkovic, der via Übergangslager Frankfurt aus Sandhausen kam, in den goldenen Norden.

Wie so oft folgte auf den Rausch der Kater. Als einst die erste Handvoll Gästefans aus dem Süden per Zweitakter aus Dörfern wie Sandburghaching oder Aalenheim nach Braunschweig fuhr, klemmte man ihnen als Willkommensgruß noch eine Mettwurst hinter den Scheibenwischer ihres Treckers. Doch schnell begann man, sich über die Südis lustig zu machen: über ihren merkwürdigen Akzent, über ihre seltsame Kleidung, über die Frisuren ihrer Frauen. Als wir später feststellten, dass der Süden inzwischen über eine viel bessere Infrastruktur verfügt als der Norden, sicherlich die Folge eines von der Allgemeinheit finanzierten Baubooms, war unsere Solidarität endgültig am Ende. So waren von Wehenhausen bis Heidenbach moderne Arenen auf der grünen Wiese entstanden, während die Haupttribüne des Eintracht-Stadions nur noch Fans missglückter 70er-Jahre-Architektur begeisterte. Kein Wunder, dass die Südbauern auf immer weniger Gegenliebe stießen. An vielen Orten schallte ihnen eine Parole entgegen, bei deren ersten zwei Worten jeder Braunschweiger an die lila-weißen Freunde der Massentierhaltung denkt: „Kühe, Schweine, Südvereine!“

Nun muss an dieser Stelle die Frage erlaubt sein, warum Deutschlands oberster Lila-Weißer, der Bundespräsident, zur wachsenden Entfremdung zwischen Nord und Süd schweigt. Einige wünschen sich bereits die Mauer zurück, die im Mai 2008 fiel. Schließlich würde der BTSV aktuell einen der beiden Aufstiegsplätze im Norden belegen, während Offenbach und Wehen in der Südstaffel oben stünden. Doch mit welchem Thema beschäftigt sich Christian Wulff? Seine letzte Rede, die vom letzten Sonntag, dem 3. Oktober, begann mit den Worten: „Wir feiern heute, was wir vor zwanzig Jahren erreicht haben“. Vor zwanzig Jahren? Im Herbst ’90 war Joachim Streich Trainer der Eintracht. Vielleicht ein Grund zum Feiern, wenn man, so wie der Bundespräsident, gleichzeitig Vereinsmitglied bei den Lila-Weißen und den neuerdings Bordeaux-Goldenen vom Maschsee ist. „Hängt den Ossi ans Brandenburger Tor!“ riefen Fans der Blau-Gelben damals, wenn unter Streich mal wieder verloren wurde.

So bleibt am Ende festzuhalten, dass zwanzig Jahre nach den Ereignissen von 1989/90 und zwei Jahre nach der Nord-Süd-Einheit von 2008 mal wieder Mauern eingerissen werden sollten. Wie wäre es zur Abwechslung mit dem Fall einer sportlichen Mauer, so dass zwei benachbarte Städte nach jahrelanger Trennung in einer gemeinsamen Liga wiedervereinigt werden? Vielleicht hält der Bundespräsident ja am 14. Mai 2011, nach dem letzten Spieltag der Ligen eins und drei, eine viel beachtete Rede mit folgendem Kernsatz: „Meine Heimatstadt gehört zweifelsfrei zur zweiten Liga. Das ist meine lila-weiße Geschichte. Aber die Bordeaux-Goldenen und die Blau-Gelben gehören inzwischen auch zur zweiten Liga.“ Im Eintracht-Stadion würden sich mit Sicherheit erneut wildfremde Menschen in den Armen liegen, Tränen des Glücks in ihren Augen.

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