Auf dem Platz hui – und daneben?

On 9. November 2010 by togo

Eine milde GabeSportlich läuft es großartig beim Braunschweiger Turn- und Sportverein Eintracht. Cheftrainer Torsten Lieberknecht hat eine Mannschaft geformt, die die Fans mit erfolgreichem Offensivfußball begeistert. Aktuell steht die Truppe auf Rang drei – eine bessere Platzierung verhindern lediglich die peinliche 0:1-Niederlage bei den Bayern-Bubis und der 1:2-Beschiss gegen den SV Wehen.

Nicht ganz so toll ist dagegen, was die Eintracht manchmal abseits des grünen Rasens abliefert. Dass die Öffentlichkeitsarbeit eine der größten Baustellen ist, wurde in den Foren ja bereits oft diskutiert. Leider hat man sich hier in den letzten Jahren aber eher zurück entwickelt. Wo Ex-Manager Dirk Holdorf einst um die Jahrtausendwende seiner Zeit voraus war und die modernen Medien als Chance und Herausforderung verstand (allerdings nicht einmal ansatzweise die Möglichkeiten hatte, seine Ideen umzusetzen), leistet Eintracht heute nur noch Dienst nach Vorschrift. Unverständlich, angesichts der großartigen, gleichzeitig aber kostengünstigen Möglichkeiten, die es gerade im Bereich der Social Media gibt. So liefert der BTSV-Twitteraccount lediglich automatisierte Tweets von Zeitungs- und Homepagemeldungen, erfüllt also gerade einmal seine Mindestaufgabe. Eine Facebook- oder Myspace-Gruppe, die die Eintracht selbst aufgebaut hat und mit Leben füllt, ist mir bisher sogar unbekannt. Interaktionsmöglichkeiten sucht man auf der eigenen, an den nicht unumstrittenen Onlinevermarkter Sportwerk übergebenen Webseite vergebens. Die Welt dreht sich immer schneller, nur bei Eintracht nehmen sich PR, Social Media und CSR eine lange, lange Pause.

Aber es fehlt bei Eintracht auch an der generellen Kommunikationsbereitschaft, abseits der modernen und oft unterschätzten Sozialen Medien. Der aktuelle Vorstand um Präsident Sebastian Ebel hat seit seinem Amtsantritt einen beachtlichen Job gemacht – aus der Kasperbude Eintracht Braunschweig, bei der in einer Saison schon mal vier Trainer beschäftigt sein können, wurde ein mittlerweile wieder überall respektierter Verein. Das Präsidium Ebel hat gespart, wo gespart werden konnte und investiert, wo investiert werden musste. Natürlich, perfekt ist es nie, aber im Vergleich zu seligen Glogowski-Zeiten sieht das doch schon ganz gut aus, wie sich Eintracht mittlerweile positioniert hat. Allerdings: wer nicht gerade vor Ort in Braunschweig ist und die Möglichkeiten der stillen Post nutzen kann, bekommt davon kaum etwas mit. Denn die – durchaus positiven – Wasserstandsmeldungen über unseren BTSV gibt es maximal bei den Jahreshauptversammlungen zu hören, wenn die Rechenschaftsberichte fällig sind. Hier ist man also viel zu bescheiden und könnte mit dem Erreichten gern offensiver umgehen. Das aber ist nicht der Job des Präsidiums, sondern der PR-Abteilung.

Wie unprofessionell und unmotiviert die Öffentlichkeitsarbeit, aber auch die Sponsorenbetreuung, bei Eintracht abläuft, zeigt das Beispiel von Thomas Lipper. Der Inhaber der Gemos GmbH, einer Firma, die selbstlöschende Abfalltrennsysteme herstellt (also Mülleimer und Aschenbecher, die nicht brennen), ist einer der treuesten Eintracht-Fans überhaupt. Obwohl sich seine Firma in der Nähe von Osnabrück befindet, ist er bei fast jedem Spiel der Löwen dabei und hat sich sogar eine lebenslange Dauerkarte gekauft.

Im vergangenen Jahr bat ihn ein Freund um Unterstützung für eine Aktion, die man beim in Schwierigkeiten geratenen Fünftligisten Kickers Emden plante. Dort sollten die Zuschauer ihre Pfandbecher nicht zum Getränkestand zurück bringen, sondern für die Jugendarbeit spenden. Ob Lipper für diesen Zweck nicht ein oder zwei seiner Boxen spenden wolle, wurde er gefragt. Der fußballverrückte Löwe, der mit dem BSV ansonsten eher weniger zu tun hat, ließ sich begeistern und stellte für die Ostfriesen vier in den Vereinsfarben lackierte Behälter her. Die Aktion wurde nicht zuletzt aufgrund von Lippers Hilfsbereitschaft ein voller Erfolg! Als „Dankeschön“ erhielt Lipper ein umfangreiches Presseecho, denn das damalige PR-Team der Kickers hatte verstanden, wie außergewöhnlich Lippers Engagement war und wie gut es geeignet war, dem eigenen Verein eine positive Öffentlichkeitswirkung zu verschaffen. Das sahen anscheinend auch die Medien so, die ausführlich (sogar im Radio) darüber berichteten.

Sein Herz aber schlägt blau-gelb. Also dachte Lipper, er könnte eine solche Aktion doch auch mal der Eintracht vorschlagen. Wenn so etwas in Emden Erfolg hat, muss es doch in Braunschweig, bei einem Vielfachen an Zuschauern, erst recht klappen! Bis zu 15.000 Euro extra für die Jugendarbeit könnten so pro Saison zusammen kommen, rechnete Lipper. Außerdem hat Eintracht ja bereits Jugendspieler im Einsatz, die Pfandbecher entgegen nehmen. Die Zuschauer sind mit der Idee an sich also bereits vertraut.

Bei Eintracht allerdings war man nicht sonderlich begeistert von den Behältern. Lipper musste fast schon betteln, damit der BTSV das insgesamt etwa 3000 Euro teure Geschenk annimmt. Wenigstens gab es einen Fototermin im Stadion, bei dem sich Lipper allerdings mit einer unmotivierten Praktikantin herum ärgern musste, die die ganze Sache anscheinend nicht sonderlich interessierte. Immerhin: Im Stadionheft konnte man beim Burghausen-Spiel dann wirklich einen zweispaltigen Artikel zu der Aktion lesen. Auf der Webseite allerdings tauchte die Geschichte gar nicht erst auf. Schwach war auch die Ansage von Stadionsprecher Stefan Lindstedt, der lediglich auf die Standorte der Sammler hinwies, aber mit keinem Wort erwähnte, dass sie ein Geschenk eines Fans sind – eine Info, die so manchen sicherlich darin bestärkt hätte, seinen Becher zu spenden.

Sie sehen gut aus und stehen jetzt erst einmal im Kabuff: Die von Thomas Lipper gespendeten Pfandsammler

Sie sehen gut aus und stehen jetzt erst einmal im Kabuff: Die von Thomas Lipper gespendeten Pfandsammler

Wer bei den kommenden Spielen gezielt nach den blau-gelben Pfandsammlern sucht, wird allerdings wahrscheinlich keinen Erfolg haben: Die Dinger stehen jetzt erst einmal im Kabuff. Warum? Die Besucher könnten die Pfandsammler ja als Mülleimer missbrauchen, und dann müsse man die Becher erst vom Müll trennen und dann auch noch zählen, wurde kolportiert. Auch müsse man neben jede Box eine Person stellen, die aufpasse. Ich lasse diese Sichtweise mal unkommentiert.

Die Kurzfassung: Ein Eintracht-Fan will dem Verein helfen, nimmt selbst eine Menge Geld und Zeit in die Hand und macht etwas Bemerkenswertes, und der Verein stellt sich an wie ein Kind, das zu Weihnachten Socken bekommt anstatt der gewünschten Playstation! Dazu wird die Aktion, die ein unglaublich hohes Sympathie-Potential besitzt und deshalb unbedingt zur Pressemitteilung taugt, lediglich im Stadionheft kurz angerissen. Wer beruflich mit PR und Öffentlichkeitsarbeit zu tun hat (alle anderen aber wohl auch), schlägt jetzt wahrscheinlich gerade die Hände vors Gesicht. Es gibt viele Vereine, die würden sich nach solchen Fans sehnen – und der Möglichkeit, mit ihnen positive PR zu betreiben. Eintracht gehört anscheinend nicht dazu.

Vielleicht hätte Lippers Spende ja mehr Begeisterung hervor gerufen, wenn er ein Volkswagen-Symbol anstatt des Löwens auf den Behältern platziert hätte? Auf jeden Fall fällt es angesichts der ständigen Versäumnisse schwer, hier noch an Zufälle oder einfach nur ein schlechtes Händchen bei der Auswahl des Personals zu glauben. Was Eintracht in solchen neuralgischen Positionen braucht, sind Löwen, die sich mit ganzem Herzen mit dem Verein identifizieren. Momentan wirkt es nicht so, als habe man diese Personen bereits gefunden.

4 Responses to “Auf dem Platz hui – und daneben?”

  • Moin Tom,

    ich finde es schade, dass Du das Engagement eines Eintracht-Fans auf einen eventuellen Werbeeffekt reduzierst. Wenn man es ausschließlich so sieht wie Du, wird sich bald niemand mehr Gedanken darum machen, wie er auf kreative Art und Weise helfen kann. Dann geht es weiter in Richtung „die da oben sollen was machen“. Und dann wird – wahrscheinlich sind es sogar die gleichen Leute – gemeckert, dass keiner mal Eigeninitiative zeigt.

    Nein, so einfach, wie Du es darstellst, ist die Sache nicht. Vor allem nicht, da Lipper nur ein willkürlich gewähltes (weil aktuelles) Beispiel ist. Es gab ja schon ganz andere Angebote, die irgendwo „auf dem Dienstweg“ verschollen sind.

    Eintrachts große Stärke ist die Anhängerschaft mit all ihren Ideen und Fähigkeiten. Bisher allerdings wurde hier zu oft nur der Kunde gesehen (okay, im Vergleich zu Ha****** ist es bei uns noch paradiesisch), nicht der Impuls oder sogar der Helfer.

    Übrigens ist Guerillawerbung etwas anderes. Was Du meinst, wäre eine CSR-Maßnahme, aber selbst die ist es meines Erachtens nicht, weil Lippers Produkte weniger für den Endverbraucher als für Großkunden und Institutionen gedacht sind. Und auf der Ebene ist seine Firma längst ein Begriff. Es bleibt also nur die gute Idee eines Fans übrig, der mit dem, was er macht und kann, helfen wollte.

  • Tja, hat wohl nicht geklappt mit Guerilliawerbung. Wozu sollte ich meine paar tausend EUR pro Jahr zahlen, wenn der kostenlos Marketing bekommen könnte.

  • Kleine Ergänzung, die es aber auch nicht besser macht:

    ich war dabei, als Thomas in Unterhaching unserem Marc Arnold auch noch ein paar Standaschenbecher im Eintracht-Design „kostenlos“ angeboten hat. Antwort:

    „Frag den Bussi, ich rauche nicht“

    Seit diesem Gespräch, dessen Inhalt auch die Pfandsammler waren, hege ich echte Zweifel, was die Professionalität im kommerziellen Bereich angeht. Leider offenbar berechtigt.

    BGG
    Pepe

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  • Fortschritte überall | Leopedia :

    […] ist gar nicht so lange her, da hat sich die Leopedia, Euer Online-Fachmagzin für Social Media, die PR-Arbeit der Eintracht vorgeknöpft. Ganze vier Monate sind seitdem vergangen. Und seitdem hat sich einiges getan im Haus […]

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