Wendts Welt

On 13. November 2010 by gialloblu

„Vielfältig wie die Aufgaben im Polizeialltag sind die Einsätze der Bereitschaftspolizei“, heißt es auf Seite 10 dieser Imagebroschüre der Polizei Niedersachsen. „Ob Fußballspiele, Rockkonzerte oder Demonstrationen: Überall, wo viele Menschen zusammenkommen, ist die Bereitschaftspolizei im Einsatz.“

Gilt dies auch, wenn bis Dienstag ein Castor-Transport begleitet werden musste und oberste Interessenvertreter der Polizei überrascht feststellen, dass irgendjemand bereits vier Tage später Fußballspiele, Rockkonzerte oder Demonstrationen angesetzt hat? „Ich finde es eine Frechheit, dass am Wochenende Bundesligaspiele stattfinden“, zitierte der Kölner Stadt-Anzeiger den Bundesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft DPolG, Rainer Wendt. „Die Beamten bräuchten dringend eine Atempause und müssten auch einmal ein Wochenende zu Hause bleiben.“

In Wendts Welt entscheidet die Polizei also am Dienstag, ob der Ball am Wochenende in den Bundesligen rollt. Ein Thema, das Eintracht Braunschweig nach einem möglichen Aufstieg – toi, toi, toi – betreffen würde! Frei nach dem Motto des DGB von 1956, als mehr arbeitsfreies Wochenende gefordert wurde: Samstags gehört Vati mir! Für Vati bedeutet dies einen Tag ohne Arbeit, sofern er Polizist, Fußballspieler, Würstchenverkäufer im Stadion, Ordner, Platzanweiser, Busfahrer oder Wirt in einer Sportsbar ist. Immerhin 100.000 Jobs, über 5 Milliarden Euro Wertschöpfung und 1,5 Milliarden Steuereinnahmen pro Jahr (schätzt  die Unternehmensberatung McKinsey) stehen in Deutschland auf und neben dem grünen Rasen auf dem Spiel.

Das Dumme ist: Wenn Vati Samstags frei hat, würde er den Rest seiner Familie, anders als im Jahre 1956, nachmittags nicht unbedingt an der heimischen Kaffeetafel antreffen. In einer typischen Familie könnte die kleine Tochter mit Mami im Familienblock sitzen, der etwas ältere Bruder darf schon zu den Ultras hinters Tor, Oma und Opa hocken auf der Haupttribüne und erzählen vom Titel anno 67. Wenn mein Bruder und ich uns begegnen – wir wohnen 230 km voneinander entfernt – geschieht dies meistens am Wettbüro Rheingoldstraße, oder im Block 8, oder beim Fanclub-Treffen oder auswärts im Gästeblock. In England und Holland sagt man, dass zwei Dinge die Nation über alle Generationen und alle Schichten einen: das Königshaus und Fußball. In Deutschland kommt wohl nur eins der beiden Dinge in Frage.

Letzteres sieht der Bundesvorsitzende der DPolG wiederum anders. Angesichts der Millionen-Umsätze der Profivereine betrachtet er den Fußball als eine kommerzielle Veranstaltung ohne Relevanz für den Zusammenhalt oder das Wohl einer Gesellschaft. Deshalb würde Wendt auch ohne Weiteres bestimmte Bereiche in Stadien schließen lassen, zum Beispiel jene „Kurven, wo sich die Gewalt hochschaukelt„. Er würde „einige Spiele ohne Zuschauer“ stattfinden lassen, und, falls Zuschauer überhaupt zugelassen sind, ihnen personalisierte Tickets verkaufen. Dazu immer wieder Wendts Evergreen: die Forderung nach finanzieller Beteiligung der Vereine an Polizeieinsätzen. Mit dem Argument „Es gibt ein Grundrecht auf Demonstration oder freie Religionsausübung. Ein Grundrecht auf Fußball gibt es nicht“, begründete Wendt in der ZEIT, warum – im Gegensatz zu Fußballvereinen – auch zukünftig kein Veranstalter von Massenaufläufen wie Demonstrationen oder religiösen Events zur Kasse gebeten werden soll.

Dies ist zumindest eine gute Nachricht für die Ausrichter jener 1.Mai-Demos, in deren Anschluss Polizisten mit brennbarer Flüssigkeit begossen werden. Oder für die paar N-Partei-Hansels, für die gleich mehrere Hundertschaften aufgeboten werden, um sie beim Aufmarsch vor Gegendemonstranten zu schützen. Dieselbe kostenfreie Leistung werden auch in Zukunft jene Judenhasser in Anspruch nehmen dürfen, die am Al-Quds-Tag durch die Straßen Berlins ziehen, um internationale muslimische Solidarität auszuüben.

Stell dir also vor, du wachst eines Tages als BTSV-Fan in Wendts Welt auf. Am Dienstag erfährst du, ob am Samstag gespielt wird. Du kaufst dir schnell ein personalisiertes Ticket, jedoch nicht für die Südkurve, denn die bleibt ja gesperrt. Die Stimmung ist futsch und eine gute Mannschaft ist aufgrund der gestiegenen Sicherheitskosten bei rückläufigem Ticketverkauf schon längst nicht mehr zu finanzieren. Schöne neue Welt!

Zur Schadensabwehr bleiben dem Verein also zwei Möglichkeiten. Erste Möglichkeit: In Zukunft wird Samstags im Eintracht-Stadion offiziell pro Regionalliga-Reform, pro 50+1 und gegen den modernen Fußball demonstriert. Unser Grundrecht auf Demonstration! Als Unterhaltungsprogramm findet auf dem Rasen nebenbei ein 90-minütiger Kick mit Siegern in blau-gelb statt. Zweite Möglichkeit: Unser Grundrecht auf freie Religionsausübung! Also gehen wir jeden zweiten Samstag in den sogenannten Tempel und singen „Du bist unser ein und alles, du bist unsere Religion“. Zwar könnten dann zukünftig am Al-Quds-Tag blau-gelbe Fahnen brennen, weil sich unsere Gemeinde zur Zeit noch am Sabbat, also Samstags, zu ihrem Glauben bekennt. Doch wichtiger ist, dass an der Hamburger Straße auch in Zukunft viele Menschen zusammenkommen, ohne dass der BTSV für den Einsatz der Bereitschaftspolizei bezahlen muss. Inschallah, Schalom und Amen!

2 Responses to “Wendts Welt”

  • Kaiser? Wir brauchen einen Herzog, der uns zu Pferde mit gezogenem Säbel in die Schlacht gegen dieses von Kolonialisten geschaffene „Niedersachsen“ führt. Pro Freistaat Braunschweig!

  • In England und Holland sagt man, dass zwei Dinge die Nation über alle Generationen und alle Schichten einen: das Königshaus und Fußball. In Deutschland kommt wohl nur eins der beiden Dinge in Frage.

    Ich sag doch schon die ganze Zeit, dass wir wieder einen Kaiser brauchen. Aber keinen Habsburger oder Wittelsbacher!

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