Der Phönix und die Eintracht

On 24. November 2010 by togo

Turmbau zu Wolters

Der kurze Fotowettbewerb, den Eintracht Braunschweig und das Hofbrauhaus Wolters zusammen veranstaltet hatten, ist beendet. Die Sieger sind gekürt, die eingesandten Bilder können hier bewundert werden. Eine Woche hatten die Fans Zeit, ihren Fotobeitrag an die Eintracht zu schicken. Was trotz dieser knappen Frist dabei raus kam, kann sich sehen lassen: viele lustige und originelle Fotos, die zeigen, dass Wolters‘ Idee, eine Eintracht-Dose aufzulegen, goldrichtig war. Die Braunschweiger lieben ihre Eintracht, und sie lieben ihr Wolters. Da mag man gar nicht darüber nachdenken, dass es das Hofbrauhaus Wolters heute nicht mehr geben würde, wenn alles seinen marktwirtschaftlichen Gang genommen hätte.

Es gab nämlich Zeiten, da war den Braunschweigern Angst und Bange um ihr Lieblingsbier. Erst wurde das Hofbrauhaus Wolters 1985 von der Gilde Brauerei aus Hannover geschluckt, die ihrerseits wurde 2003 vom belgischen Brauriesen InterBrew übernommen. Als die Belgier zwei Jahre später mit dem brasilianischen AmBev-Konzern zur größten Brauereigruppe der Welt – InBev -verschmolzen, ahnten viele, was das für Wolters bedeuten würde: die Schließung. Schließlich setzen Konzerne nur äußerst selten auf regionale Vielfalt. Es ist eben billiger, wenn man möglichst wenige unterschiedliche Marken brauen kann. Werbung sei Dank kaufen die Menschen ja trotzdem so ziemlich alles. Anders jedenfalls kann man sich den Erfolg diverser Biermischgetränke, aber auch ausländischer Biere mit fragwürdiger Zutatenliste nicht erklären.

In der Stadt ohne eigene Biermarke liebt man Wolters!

In der Stadt ohne eigene Biermarke liebt man Wolters!

Ende 2005 verkündete InBev dann das, was viele befürchteten. Das Hofbrauhaus Wolters, seit 1627 am Ort, sollte geschlossen werden. Trotz positiver Bilanzen sei es im Brauereienverbund nicht wirtschaftlich zu führen, wurde argumentiert. Das Ende also nach 378 Jahren? Nein, denn die Braunschweiger begannen, um ihr Lieblingsbier zu kämpfen. Mit dem Erfolg, dass eine Gruppe ehemaliger Manager, durch die vielen Solidaritätsbekundungen sicherlich ermutigt, Wolters von InBev zurück kaufte und die Brauerei damit wieder privatisierte. Seit dem 01. Oktober 2006 ist Wolters offiziell gerettet.

Durch eine frische und erfolgreiche Werbe- und Sympathiekampagne und begleitet von einer Vielzahl an effektiven CSR-Maßnahmen konnte Wolters seitdem die in Zeiten der Fremdbestimmung verloren gegangenen Marktanteile zum Teil bereits wieder zurück gewinnen. Das Braunschweiger Land und Wolters – das passt anscheinend perfekt zusammen.

Der Kreis schließt sich - das Meisterbier und sein Enkel.
Der Kreis schließt sich – das Meisterbier und sein Enkel.

Die Macht des Verbrauchers hat zusammen mit dem unternehmerischen Mut der heutigen Leitung der Brauerei dafür gesorgt, dass eine regionale Marke nicht verschwinden musste, sondern stattdessen wie der sprichwörtliche Phönix aus der Asche steigen konnte. Die Arbeitsplätze konnten erhalten bleiben, es gibt weiterhin eine lokale Alternative zu den gesamtdeutschen Einheitsbieren. Das Beispiel Wolters zeigt, dass es sich lohnt, sich für die eigene Stadt, die eigene Region einzusetzen. Vor allem aber, dass es wichtig ist, mit offenen Augen einkaufen zu gehen. Ein paar Cent mehr sind eine gute Investition, wenn dafür eine Firma aus der Nachbarschaft bestehen bleiben kann. Wobei die lokalen Produkte oft gar nicht teu(r)er sind. Es fehlt ihnen oft nur an einem – der Werbepenetranz.

5 Responses to “Der Phönix und die Eintracht”

  • Moin, Moin!

    Nein, mit einer Modesache hat das nichts zu tun. Eher im Gegenteil – genau wie bei Hanöversch wird nach traditioneller Braukunst ausschließlich für den regionalen Markt gebraut. Für weitere Informationen: http://www.hbx-hannover.de

    Es stimmt, daß beide Brauereien sehr klein und speziell sind, aber gerade diese Vielfalt macht den deutschen Biermarkt ja aus. Beide Brauereien vertreiben ihre Biere inzwischen auch über Super- und Getränkemärkte der Stadt und Region.

    Die Herri-Lösung mit Wittinger dürfte in der Tat die beste gewesen sein. Da Wittinger ihr eigenes Bier in der Region nicht vertreibt, dürfte man aus eigenem Interesse Herri stärken.

  • Moin Heidjer,

    ich muss zugeben, dass ich von HBX noch nie was gehört habe. Ist das so ne Mode-Sache? Der Name lässt darauf schließen. Das Hanöversch ist mir bekannt, ist aber doch eher eine sehr kleine und spezielle Marke, die man meines Wissens sogar nur im Brauhaus selbst bekommt. Zumindest habe ich es noch in keinem Geschäft im Umland gesehen. So bleibt dem Hannoveraner an eigenem Bier, das er auch mal an der Trinkhalle kaufen kann, doch nur noch das Herri – und selbst diese Brauerei ging nach jahrelangem schlechten Management unlängst an Wittinger. Aber die sind wenigstens eine Privatbrauerei, sodass Herri wohl nicht platt gemacht wird, sondern eher gesunden darf.

  • Moin Pepe 37,

    Das geht mir ähnlich, wobei ich zwischendurch „gezwungen“ war, andere Biere Wolters vorzuziehen. Versuch hier oben an der Nordsee mal ne Kiste Wolters Pilsener Premium zu bekommen! Hier trinken alle das Zeugs von Becks – nichts für mich, zu charakterlos, zu langweilig, zu wenig einzigartiger Geschmack. Was war ich froh, als ich letztens einen Getränkemarkt fand, der Einbecker Brauherren (mein Zweitlieblingsbier) anbietet^^

    Feldschlösschen hatte bei mir übrigens seit dem Trikotsponsoring beim klitzekleinen HSV vergurkt. Was witzig ist, da ich damals noch gar nicht im biertrinkenden Alter war. Aber das hatte sich bei mir festgebrannt: Feldschlösschen = rote Trikots = igitt. Bei sowas bin ich unversöhnlich 😉

  • moin @togo

    Neben dem Mut, hatte Wolters auch das Glück, daß im Tempel der Vertrag mit Krombacher auslief. Die Chance haben sie ergriffen und damit für viele die Vergangenheit hervorgeholt.

    Mir geht es ähnlich. Ne ganze Weile habe ich auch andere Biere getrunken, aber mit dem Vertrag bei der Eintracht sind sie in der Hitliste wieder ganz nach vorn gesprungen. Und ich werde nicht der Einzige sein, der manchmal gemütlich dasitzt und beim Blick auf die Flasche (erst recht die Dose) schweifen die Gedanken ab…..auf vergangene Spiele, die Eintracht, auf Erfolge die mit Wolters gefeiert wurden usw. Welche Biersorte kann für sich in Anspruch nehmen, derartige Emotionen zu wecken?

    Eintracht und Wolters ist ne Symbiose, der sich ein alter Eintrachtfan wie ich nicht entziehen kann, und auch gar nicht will. An dem Bier hängen ebenso viele Erinnerungen wie an der Hamburger Straße.

  • Die Wolters-Geschichte ist ausnahmsweise eine mit Happy End in der Bierbranche.

    Der Seitenhieb auf die niedergehende hannoversche Bierkultur ist allerdings nicht ganz richtig. Biermarken gibt es dort noch etliche (die Marke Wolters gehörte ja auch noch zu Braunschweig, auch als fremde Herren über ihr Schicksal bestimmte), allerdings immer wenige in hannoverscher Hand. Trotzdem gibt es dort immerhin noch/wieder zwei Privatbrauerein (HBX und Hanöversch).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*