El Clasico

On 4. Dezember 2010 by gialloblu

Journalismus ist Kopfarbeit.Journalisten haben nicht viel Ahnung von Fußball, erklärte Bayern-Trainer Louis van Gaal dem Reporter von Sky nach einem 1:1 gegen Nürnberg. Doch wozu muss ein Journalist auch Ahnung von Fußball haben? Oft reicht die Fähigkeit zum Paste & Copy, wie Eintracht-Fans nach dem 5:0-Sieg bei Werder II feststellten, als der Sportinformationsdienst (sid) die Meldung vom „ersten Auswärtserfolg der Saison“ in die Welt setzte, die sich über Videotexttafeln, Online-Newsdienste und Tageszeitungen bis zum nächsten Morgen verhundertfachte. Sicherlich sorgte diese Nachricht für Erleichterung in Saarbrücken und Regensburg, wo sich die Einheimischen die 3:0-Triumphe des BTSV an früheren Spieltagen wohl nur eingebildet hatten.

Ein neuer Tiefpunkt des Fußball-Journalismus wurde jedoch am letzten Dienstag erreicht. Anlass war ausgerechnet der fußballerische Höhepunkt der vergangenen Woche, der El Clasico – das Spiel zwischen den Lieblingen einer unterdrückten Region, die aus einer verhassten Hauptstadt irgendwo im Westen regiert wird, und dem Rivalen in weiß, der ewigen Nummer eins des Landes: Der El Clasico zwischen dem BTSV aus dem ehemals selbständigen Freistaat Braunschweig und Carl Zeiss Jena. Dieses Spiel hätte zweistellig enden können, doch als gnädiger Gastgeber beließ es die Eintracht bei einem 6:0. Ein Superspiel vor einer Superkulisse. Gleichzeitig ein Supertag für Journalisten, die in ihren Berichten endlich mal einen Superlativ nach dem anderen raushauen konnten.

Weshalb also ein neuer Tiefpunkt des Fußball-Journalismus? Nun, drei Tage nach jen(a)er Klatsche erlaubte sich ein Redaktions-Praktikant offensichtlich einen Scherz. Er sammelte internationale Pressestimmen zum El Clasico im Eintracht-Stadion, ersetzte die Worte Braunschweig und Jena durch Barcelona und Real, und prompt fielen Online-Newsdienste und Tageszeitungen auf diese plumpe Fälschung rein. Im Land der Paella und der Badehose soll es einen El Clasico geben? Hahaha. Hat sich Spanien zuletzt überhaupt mal für eine WM oder EM qualifiziert? Das letzte fußballerische Lebenszeichen von den Olivenbaumschüttlern vernahm ich im Herbst ’76, als der BTSV im UEFA-Cup bei Espanyol Barcelona verpfiffen wurde.

Da sich der Blogger, im Gegensatz zum Journalisten, ethisch der gründlichen Recherche verpflichtet fühlt, googelte ich „Barcelona Real“ und stellte erstaunt fest, dass es diese Vereine erstens tatsächlich gibt, und dass sie zweitens am Montag Abend auch wirklich gegeneinander spielten. Das Spiel endete übrigens 5:0, wobei der letzte Treffer erst in der Nachspielzeit fiel. Nur 4:0 nach 90 Minuten. Ist das für Braunschweiger Verhältnisse nicht fast noch ein Unentschieden? Sind wir inzwischen nicht höhere Siege gewohnt?

Hier jedoch nun der Wortlaut einiger Pressestimmen im Original, bevor sie am Dienstag durch den Redaktions-Praktikanten verfälscht wurden: Sport (Spanien): „Orgasmus im Eintracht-Stadion. Eintracht demütigt Franks Jena mit einer weiteren historischen Tracht Prügel.“ El Pais (Spanien): „Der Fußball spricht Eintracht. Eine prachtvolle Lektion der Blau-Gelben für ein ohnmächtiges Jena.“ La Gazzetta dello Sport (Italien): „Ein göttliches Braunschweig demütigt Jena und Frank.“ Corriere dello Sport (Italien): „Die Blau-Gelben dominierten im Eintracht-Stadion von der ersten bis zur letzten Minute. Mit angsteinflößendem Tempo und einer überragenden Technik erteilten sie Frank und seinem Team eine bittere Lektion.“ O Globo (Brasilien): „Braunschweig macht Jena dem Erdboden gleich.“ BBC Sport (England): „Kruppke leuchtet, als Braunschweig Jena wegfegt.“

Da wikileaks heute Morgen schnell noch ein paar Dokumente aus den Mülleimern von Sportredaktionen aus aller Welt veröffentlichte, kann man inzwischen weitere Schlagzeilen einsehen, die es um ein Haar in die jeweiligen Publikationen geschafft hätten: Super Illu: „Carl Zeiss von Wessi-Eintracht abgewickelt.“ Neues Deutschland: „Held der Handschuhe Nulle vom Klassenfeind gefeiert.“ Le Monde (Frankreich): „Carl Zeiss objektiv ohne Chance.“ Prawda (Rußland): „Jenas gläserne Abwehr platzt im Braunschweiger Frost.“ Washington Post (USA): „Eintracht jenoptisch glasklar überlegen.“ Kayhan International (Iran): „Satan Jena sechsmal gesteinigt.“ The Times (England): „Kumbi Kruppi bumm bumm.“

So bleibt am Ende festzuhalten, dass Louis van Gaal in seinem Urteil über Journalisten wohl doch zu streng war. Sicherlich stellt der eine TV-Reporter stets die gleichen Fragen, der nächste Redaktionsassistent unterschlägt aus Dummheit Eintrachts Erfolge, der Dritte fällt auf einen unglaubwürdigen Fake rein. Andererseits beweisen die hier aufgeführten Beispiele, welch großer Sachverstand weltweit in den Redaktionen herrscht und wieviel Respekt dem BTSV inzwischen wieder gezollt wird. Um das Erreichen von Eintrachts Saisonziel jedoch nicht zu gefährden, hat man sich lediglich der Linie des NDR und der Braunschweiger Zeitung angeschlossen: Verschweigt ab und zu das Positive, meidet jede Euphorie – damit hohe Eintracht-Siege eines Tages nicht für selbstverständlich gehalten werden!


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