Vive la Kumbelution!

On 21. Januar 2011 by gialloblu

Gassi-Gehen ist Stimulans für Körper und GeistManchmal steht ein scheinbar unbedeutendes Ereignis am Anfang einer weltbewegenden Revolution. Vor gut 200 Jahren stürmte der Pariser Pöbel ein fast leerstehendes Gebäude, in dem sieben Personen – vier Urkundenfälscher, zwei Geisteskranke und ein Porno-Autor, der Marquis de Sade – unter Arrest standen. Wegen der großen symbolischen Wirkung – ein braves Volk befreit gefälligst keine Gefangenen aus dem bekanntesten Gefängnis der Stadt – gilt diese Aktion heute als Auftakt und Mythos der Französischen Revolution: Es war der Sturm auf die Bastille.

Letzte Woche war Revolution in Tunesien. Ein Land in Afrika, in dem zwei Drittel der Bevölkerung unter 30 Jahre alt ist. Perspektivlos, arm und ausgebeutet, wobei das Handgepäck der fliehenden Präsidentengattin (Goldbarren im Gesamtgewicht von 1,5 Tonnen) wenigstens beim jahrzehntelang herrschenden Clan auf einen luxuriösen Lifestyle schließen lässt. Doch Tunesien hat bis heute noch keinen Revolutionsmythos, der es mit dem Sturm auf die Bastille so richtig aufnehmen kann. Zum Glück kann Leopedia helfen, einen ebenbürtigen Mythos zu begründen, an den man sich noch lange erinnern wird.

Zu diesem Zweck informierte ich mich zunächst über mögliche Ursachen der tunesischen Revolution, indem ich bei der morgendlichen Gassirunde verschiedene Mitmenschen befragte. Schuld sind die Marionetten des Monopolkapitals, also die Privatisierer und Liberalisierer von IWF, Weltbank und der in der Schweiz ansässigen WHO, erklärte mir der Müllmann beim Abholen der Papiertonne. Schuld sind skrupellose Derivate-Händler an den großen Börsenstandorten von New York bis Zürich, die nach Griechenland nun Tunesien in den Abgrund zockten und an steigenden Preisen für Nahrungsmittel verdienen wollen, erklärte mir die Fachverkäuferin Backwaren beim Einpacken der Brötchen. Tunesien verelendete wegen der Schweizer Banken, die es erlaubten, dass der kleptokratische Ex-Präsident Ben Ali 620 Millionen Dollar auf ihren Nummerkonten verschwinden ließ, so der Zeitungsverkäufer. Mir wurde klar: Alle Spuren führen in die Schweiz. Kenner des Spiels Illuminati würden sagen: Die Revolution in Tunesien richtete sich gegen die Gnome von Zürich.

Nun zur Suche nach dem Auslöser der Revolution, nach der tunesischen Variante des Sturms auf die Bastille: Gab es in den 24 Stunden, bevor die Regierung am 14. Januar gestürzt wurde, vielleicht doch ein Ereignis von symbolischer Sprengkraft? Ein Ereignis, das dem tunesischen Volk bewies, dass ein junger Afrikaner, noch keine 30 Jahre alt, die Gnome von Zürich besiegen kann? Und so die entscheidende Phase des Umsturzes einleitete?

Ja, einen solchen Moment gab es: Es geschah, als Dominick Kumbela, geboren in Kinshasa / Afrika, am 13. Januar 2011 um 15:25 Uhr im Stade Olympique von Sousse, nur 150 Kilometer von Tunis entfernt, das 1:0 gegen den FC Zürich erzielte. Seht her, meine afrikanischen Brüder! Sprengt eure Ketten! Die Gnome von Zürich sind Zwerge! Schon am nächsten Morgen trauten sich in der tunesischen Hauptstadt Tausende bei Massendemonstrationen auf die Straßen. Bei Einbruch der Dunkelheit hatte sich Präsident Ben Ali bereits ins Exil abgesetzt.

Befreier Tunesiens: Eintracht-Stürmer Dominick Kumbela

Befreier Tunesiens: Eintracht-Stürmer Dominick Kumbela

So wird man sich in Tunesien an Kumbelas Tor – erzielt vor mehr Zuschauern, als die Bastille damals Insassen hatte – vielleicht noch in gut 200 Jahren erinnern. Nicht Sturm auf die Bastille, sondern Kumbela im Sturm. So erhält die Tunesische Revolution auch endlich einen peppigen Namen: Revolutionen des 21. Jahrhunderts? Die Rosenrevolution in Georgien 2003, die Zedernrevolution im Libanon 2005, die Kumbelution in Tunesien 2011. Weltpolitisch war Kumbelas Tor wahrscheinlich der wichtigste Treffer der Blau-Gelben, seit Wolfgang Frank im September 1977 mit seinem Treffer zum 0:1 bei Dinamo Kiew im UEFA-Cup den Untergang der Sowjetunion einleitete.

Bleibt am Ende noch daran zu erinnern, dass viele verdiente Freiheitskämpfer, deren mutige Taten zum Sturz verbrecherischer Regierungen führten, an Dezembertagen in Oslo geehrt wurden. Ein kurzer Blick auf die Siegerliste offenbart jedoch, dass noch nie ein Spieler der Eintracht mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Sicherlich würde eine Nominierung des Eintracht-Stürmers hier und da für Kritik sorgen, denn Dominick Kumbela hatte in ein paar Fällen schon mal mit der Staatsanwaltschaft zu tun. Doch bitte bedenken: Prominente Freiheitskämpfer wie Lech Walesa oder Nelson Mandela wurden in der Vergangenheit sogar zu richtig langen Haftstrafen verurteilt – aber auch ihnen verlieh man anschließend den Friedensnobelpreis!

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