Scheitern als Chance

On 15. Februar 2011 by gialloblu

Nothing's gonna stop us now!Freitag Abend vorm PC: In einem Browser-Fenster der Livestream von Eintrachts souveränem Sieg beim Verfolger SV Wehen. Im anderen Fenster die Live-Tabelle, in der Braunschweig zu jenem Zeitpunkt einen Vorsprung von 15 Punkten auf das Trio hatte, das aktuell um den Relegationsplatz drei kämpft: Erfurt, Offenbach und Wehen. Obwohl der Spieltag noch nicht abgeschlossen war – Offenbach siegte erst einen Tag später in Regensburg – und obwohl noch ein paar Nachholspiele ausstehen, beschäftigten sich viele User in Eintracht-Foren nur mit einer Frage: Steht mit diesem Sieg der Aufstieg praktisch schon fest? Oder, andersrum formuliert: Besteht noch die Chance, dass die Eintracht in der Schlussphase der Saison scheitert? Beispiele findet man genug in den letzten 40 Jahren der Vereinsgeschichte. Doch ist irgendeins dieser Beispiele übertragbar auf die heutige Situation?

1998 – „Scheitern als Chance“ war der Slogan, mit dem Aktionskünstler Christoph Schlingensief 1998 in den Bundestagswahlkampf zog, um für seine Partei, Chance 2000, zu werben. Im gleichen Jahr lag der BTSV zwei Spieltage vor Schluss auf Meisterschafts- und Aufstiegskurs: Noch zwei Siege, zu Hause gegen den Tabellenführer vom Maschsee und auswärts bei den Werder Amas, wurden benötigt. Stattdessen gab es ein 0:1 gegen die von Reinhold Fanz trainierten Roten, in der Nordkurve brannten die Bengalos und der Aufstieg war vergeigt. Besteht 2011 die Chance, ähnlich wie 1998 mit zwei Niederlagen zu scheitern? Ein klares Nein: Zwar könnte es ein 0:1 gegen Hansa geben und wahrscheinlich würden wieder Bengalos in der Nordkurve brennen. Doch selbst im Falle einer weiteren Heimniederlage gegen Werder II würden diese zwei Nordrivalen einen Aufstieg des BTSV nicht verhindern – Eintrachts Punktepolster ist einfach zu dick.

1977 – Im Rennen um die Deutsche Meisterschaft kassierte der BTSV ebenfalls zwei Heimniederlagen gegen zwei Nordrivalen, in diesem Fall gegen den größeren HSV und gegen Werder. Mit einer anhaltenden Heimschwäche – nur zwei Siege in den letzten sechs Spielen an der Hamburger Straße – versaute Eintracht sich die Chance auf den zweiten Titel nach 1967. Im Mittelfeld fehlte die Kreativität, als Spielmacher Handschuh eine achtwöchige Rotsperre aufgebrummt kriegte. Gegen Werder fehlte außerdem Danilo Popivoda, der einen Tag später für Jugoslawien in der WM-Qualifikation antreten musste. Besteht 2011 die Chance, ähnlich wie 1977 an einer Heimspielkrise, ausgelöst durch Sperren und internationale Einsätze, zu scheitern? Nein, denn Eintrachts Experte für Rote Karten grätscht inzwischen in Koblenz. Und die U20/U21-Einsätze von Popivodas Reinkarnation, dem Deutsch-Marokkaner Karim Bellarabi, kollidieren terminlich nicht mit Eintracht-Spielen. Fraglich wird sein Einsatz in blau-gelb nur, falls er sich plötzlich für eine Länderspielkarriere für Marokko entscheidet. Dann würde er Ende März Afrika Cup-Quali auswärts in Algerien spielen und könnte bei inzwischen dort herrschenden politischen Unruhen keinen Flug zurück nach Deutschland kriegen. Er müsste dann, statt für den BTSV eine Woche später in Koblenz zu wirbeln, im Wüstensand trainieren. Wenigstens kann er dort nicht von Dennis Brinkmann rotwürdig umgenietet werden.

1990 – Im Wüstensand ver… äähh… sandeten Eintrachts Hoffnungen, im zweiten Jahr nach dem Aufstieg aus der Oberliga in die erste Bundesliga durchzumarschieren. Okay, teilweise platzten diese Aufstiegsträume schon im Oktober, als Theo Gries, der Stürmer mit dem Gipsarm, Hertha mit einem Doppelpack in Braunschweig zum Sieg schoss. Und im November, als innerhalb von acht Tagen der BTSV drei Spiele verlor. Im Wintertrainingslager in Bahrain sollte die Wende gelingen, doch Trainer Reinders ließ die Spieler so lange durch die Dünen laufen, dass sie in der Rückrunde Blei in den Beinen hatten. Bei Testspielen verletzten sich mit Gorski, Löchelt und Holze außerdem drei Leistungsträger. Besteht 2011 die Chance, ähnlich wie 1990 an einem überharten Trainingslager zu scheitern? Nur, falls bei einem Kurztrainingslager in Teistungen die Temperatur auf 40 Grad steigt, Trainer Lieberknecht beim Erstellen des Trainingsplans zu lange ohne Kopfbedeckung in der Sonne sitzt, und im Testspiel gegen Olympia Duderstadt Dogan, Vrancic und Boland kaputt getreten werden. Tendenz: sehr unwahrscheinlich.

1999 – Als Trainer hält man ebenfalls das folgende Szenario für sehr unwahrscheinlich: Nach einem Sieg ist die eigene Mannschaft Tabellenführer, und trotzdem wird man entlassen. So passierte es Michael Lorkowski. Gruselfußball, eine untrainiert wirkende Truppe, der letzte Sieg – ein 4:2 gegen das mächtige Herzlake – wurde erst durch zwei Tore in den letzten drei Minuten gesichert. Den neuen Trainer fand man in Berlin, in der Oberliga: Wolfgang Sandhowe vom SV Spandau. Am Ende war Eintracht Dritter und hatte bis auf 5000 Unerschreckbare jeden Fan aus dem Stadion vergrault. Besteht 2011 die Chance, ähnlich wie 1999 an einer dämlichen Trainerwahl zu scheitern? Nein, völlig ausgeschlossen. Man stelle sich vor: Lieberknecht fliegt nach dem Saarbrücken-Spiel, weil das Siegtor erst in den letzten drei Minuten fiel. Als Nachfolger kommt ein Oberliga-Trainer aus Berlin – möglicherweise der jetzige Coach von Union II, Theo Gries. Theo wäre im Herbst allerdings ein idealer Kandidat für Offenbach gewesen: Als der OFC nicht mehr punktete, weil sich die halbe Offensive im Lazarett ausruhte, hätte er ihnen ruckzuck beigebracht, wie man mit Gips und Krücken im Aufstiegsrennen Tore schießt.

2001 – Reden wir nicht mehr vom Trainer von Union II, sondern von einem 2:2 bei Union. Es war der 24. von 38 Spieltagen – also genau der Zeitpunkt in der Saison, an dem Eintracht sich jetzt befindet. Als der BTSV 2:0 in der Alten Försterei führte, stand man in der Live-Tabelle auf Platz zwei, neun Punkte vor den Köpenickern. Am Ende der Saison war Union Meister – mit 24 Punkten Vorsprung vor dem Tabellenachten, dem BTSV. Es war der spektakulärste Leistungseinbruch, den man in Braunschweig im letzten Drittel einer Saison je erlebte. Besteht 2011 die Chance, ähnlich wie 2001 an einer Leistungsimplosion zu scheitern? Nein. Eintrachts Trainer Reinhold Fanz, der Aufstiegstrainer vom Maschsee, hatte 2001 mit dem Geld von „Sportwelt“ einen bunten Kader von Söldnern aus der Karibik, aus Afrika und vom Balkan zusammengestellt. Viele waren zuvor in Fanz‘ hessischer Heimat aktiv – wahrscheinlich als Eintänzer in Frankfurter Umland-Discos oder als Köche für Airline Meals. Die eigentliche Sensation war nicht die Niederlagenserie am Ende der Saison – die Sensation waren die vielen Siege bis zur Mitte der Saison. Fanz hatte jedenfalls sein Ziel erreicht: Erneut, wie schon 1998, einen Aufstieg der Eintracht zu verhindern.

So schließt sich an dieser Stelle der Kreis: Wir sind zurück im Jahr 1998, zurück bei Schlingensiefs Wahlkampfmotto: Scheitern als Chance. Eintracht ist in der Vergangenheit schon oft gescheitert, doch der heutige Verein Eintracht hat die Chance genutzt aus seinen Fehlern zu lernen: Eine kluge Transfer- und Vereinspolitik, intelligente Trainings- und Nachwuchskonzepte, eine erfolgreiche und begeisternde Mannschaft. Noch fehlen zum Aufstieg viele Punkte. Doch in keiner Saison, an die ich mich erinnern kann, hatte ich so sehr das Gefühl, dass die Eintracht fast zwangsläufig ihr Ziel erreichen wird, wenn sie den aktuellen Kurs beibehält.

Deshalb fort mit dem pessimistischen Ansatz, her mit dem optimistischen Ansatz: Natürlich hat der BTSV in den letzten 40 Jahren, so wie jeder andere Verein, mal seine Saisonziele verfehlt, als schon die Narzissen blühten. Er hat aber auch Aufstiege gefeiert, die man im Frühjahr schon abgeschrieben hatte. Mein Traum: Eine Wiederholung der Aufstiegsparty von vor genau 30 Jahren, von 1981: Ein Heimspiel gegen Offenbach – Anfang der zweiten Halbzeit das 1:0 durch einen Elfmeter, eine Minute später das 2:0 durch den Top-Torjäger. Statt Grobe und Worm diesmal, am 35. Spieltag, Kruppke und Kumbela. Die Voraussetzung für einen vorzeitigen Aufstieg an jenem Tag: Beim Anpfiff sechs Punkte Vorsprung auf den Dritten, auf Offenbach. Bedeutet: Von heute bis Ende April den aktuellen Vorsprung auf den OFC bewahren, selbst wenn er alle seine Nachholspiele gewinnt. Sollte doch möglich sein, oder…?

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