Ausverkauft!

On 28. Februar 2011 by gialloblu

Eintracht geht ab wie ne Rakete!Donnerstag, Mittagszeit, endlich Zugang zum PC. Also schnell mal im Ticket-Shop einloggen und ein paar Stehplatzkarten für das Heimspiel gegen Hansa bestellen. Pustekuchen! Morgens begann der Vorverkauf, doch schon Stunden später gab es nur noch einzelne Sitze an den Rändern verschiedener Blöcke. Tja, Pech gehabt. Dafür werde ich davor und danach, bei den Auswärtsspielen in Erfurt und in Koblenz, live dabei sein.

Um es vorwegzunehmen: Wer eine Karte für das Spiel wollte und keine kriegte, ist selber schuld. Eintracht Braunschweig bot bis zuletzt – zu sehr zivilen Preisen – Dauerkarten für die Rückrunde an. Natürlich wägt jeder für sich persönlich ab, ob der Kauf eines solchen Abos lohnt. Ich fragte mich: Zu wievielen Heimspielterminen werde ich überhaupt in der Lage sein, nach Braunschweig fahren? Meine Antwort: zum Beispiel nur zu einem der letzten vier. Für wie groß hielt ich die Gefahr, bei Bedarf an keine Tageskarte zu kommen? Meine Antwort: für sehr gering. Denn für jedes Liga-Endspiel der letzten zehn Jahre, von Wattenscheid bis Erfurt, kriegte ich problemlos mein Ticket. Deshalb lautete meine Entscheidung: Ich kauf mir keine Dauerkarte. Meine Entscheidung, mein Pech. Muss ich mir das Spiel gegen Rostock halt live auf N3 angucken.

Dennoch gibt es Kritik am Verfahren, wie die Tagestickets für das Spiel gegen Hansa verkauft wurden. Die erste Voraussetzung zum Erwerb einer Karte war, dass man zuvor in dieser Saison schon mal ein Ticket im Online-Shop orderte. Dieses Kriterium finde ich okay und fair: Ich kenne einen Event-Fan, der sich letzte Saison nur einmal, fürs Saisonfinale gegen Erfurt, vier Karten besorgte. Die Hälfte davon bot er zwei Wochen vor dem Match bei eBay an. Die zweite Voraussetzung zum Erwerb einer Karte für das Spiel gegen Hansa war jedoch sehr willkürlich: Man musste am Donnerstag Morgen zwischen acht und zehn Uhr Zeit zum Surfen im Internet haben. Wer diese Zeit hatte, konnte bis zu sechs Karten bestellen. Tolle Sache, denn jetzt tauchen erneut Karten bei eBay auf. Da zahlt man doch gerne 80 Euro, wenn man weiß, dass man von einem „Eintracht-Fan“ beschissen wird, der in dieser Saison mindestens ein Heimspiel besuchte und vormittags Zeit hat.

 

Glücklich ist, wer Karten für das Spitzenspiel Eintracht gegen Hansa bekommen hat!

Glücklich ist, wer Karten für das Spitzenspiel Eintracht gegen Hansa bekommen hat!

Würden die geldgeilen eBay-Kartenanbieter unter den Eintracht-Fans den BTSV führen, würden sie die Nachfrage nach knappen Spieltagtickets sicherlich über den Preis steuern, also über Top-Zuschläge oder über eine Kategorisierung von Gegnern nach ihrer Attraktivität. Mit einer Karte belohnt wird am Ende derjenige, der einen höheren Preis zu zahlen bereit ist als andere Fans. Für den Verein ist dieser Weg sehr lukrativ, doch nur wenige Fans würden diesen Weg als gerecht bezeichnen.

Aus Sicht des Zuschauers ist ein Verfahren der Ticketvergabe erwünschenswert, das statt der Liquidität die Loyalität des Fans belohnt. Es gibt viele Wege, den wahren Fan vom Event-Fan zu unterscheiden. Man könnte den Ticket-Shop mit diesem bekannten Quiz kombinieren. 15 Fragen, drei Joker. Erste Frage: Wer schoss in seiner Karriere 93 Tore für den BTSV? A) Rockie Walrus, B) Roddie Waterbuffalo, C) Robbie Wombat, D) Ronnie Worm. Der Schwierigkeitsgrad steigt bis zur fünfzehnten Frage: Wer trat 1989 in roten Trikots in Braunschweig an? A) Hertha BSC, B) Schalke 04, C) Kickers Stuttgart, D) Fortuna Düsseldorf. Alle Fragen richtig beantwortet? Herzlichen Glückwunsch – Sie sind ein wahrer Eintracht-Fan. Statt einer Million haben Sie nun Zugang zum Ticket-Shop für das Match gegen Hansa gewonnen.

Auch ein anderes populäres TV-Format, DSDS, könnte zur gerechten Verteilung knapper Tickets beitragen: Der Verein stellt eine Jury und der Kartenbewerber hat im Casting drei Minuten Zeit, die Juroren mit etwas Fangesang zu überzeugen. „Du siehst nicht nur aus wie so’n blau-gelber Papagei, du triffst auch die Töne so megascheiße wie mein Papagei, aber dafür biste sowas von hammerlaut, dass die Affen vor Panik alle aus ‚em Dschungel gerannt kommen, wenn du da oben auf deinem Baum loskrächzt.“ Statt eines Recall-Zettels kriegt der Bewerber dann ein Rostock-Ticket in die Hand gedrückt.

Eine Kartenvergabe-Jury könnte auch bewährte Methoden der Gewissensprüfung aus der Vergangenheit aufgreifen, um wahre Eintracht-Fans von schnöden Event-Fans zu trennen. Erinnert sich noch jemand an die Ausschüsse für Kriegsdienstverweigerer? „Würden Sie einem Zonenflüchtling, der von Volkspolizisten beschossen wird, Feuerschutz gewähren?“ – „Kommt drauf an. Trägt er einen Hansa-Schal?“ Und wieder wird ein Ticket ausgehändigt.

Ebenso wenig zimperlich wäre ein Verfahren, das im Rahmen des 115-jährigen Jubiläums des Vereins Eintracht Braunschweig an das Gründungsjahr 1895 erinnert: Damals teilten sich achtköpfige Familien zwei Zimmer einer Wohnung. Also verkauft man in Erinnerung an die gute, alte Zeit auf den billigen Plätzen – dort, wo der Pöbel steht – ein Mehrfaches an Karten. Dann drängeln sich statt 9.450 halt 19.450 in der Südkurve. Selbst dann ist der Stadionbesuch immer noch ungefährlicher als eine Expedition nach Südwestafrika, wenn dort Kolonialkrieg gegen die Hereros geführt wird. Auf den besseren Plätzen, also im Sitzbereich, werden für jeden Platz zwei Tickets verkauft. Welcher der beiden Karteninhaber sein Sitzrecht wahrnehmen darf, entscheiden die beiden Herren im Morgengrauen standesgemäß mit einem Pistolenduell.

Nun bin ich gespannt, ob einer dieser Vorschläge Anwendung findet, wenn demnächst der Vorverkauf für die letzten fünf Heimspiele beginnt. Auch in der kommenden Saison, wenn obendrein das Platzangebot durch die beginnende Modernisierung der Haupttribüne eingeschränkt wird, werden wohl zehntausend Fans eine Dauerkarte kaufen. Entsprechend wird es bei vielen Spielen nur wenige Tageskarten geben, für deren Erwerb sich die Fans auf dem Weg in den Online-Ticket-Shop dann vielleicht in einem Quiz bewähren müssen. Erste Frage: Was vermissen Sie am meisten an der dritten Liga? A) Dass ich immer Karten kriegte, B) Dass ich für diese Karten einen fairen Preis zahlte, C) Dass die Spiele weder Freitag am späten Nachmittag noch Montag Abends stattfanden, oder D) Die Antworten A) bis C).

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