ベガルタ仙台 Go!

On 19. März 2011 by gialloblu

Go, sacht Padde!Dass beim Fußball Freud und Leid häufig eng beisammen liegen ist eine Binsenweisheit, für die ein paar Euros im Phrasenschwein klimpern sollten. Denn dieser Spruch kommt routinemäßig stets dann zum Einsatz, wenn ein Spiel durch ein Tor in den Schlussminuten entschieden wird. Aus Braunschweiger Sicht erinnert man sich besonders gerne an Thomas Pioruneks späten Aufstiegstreffer 2002 gegen Wattenscheid – Eintrachts Freud, Rot-Weiß Essens Leid. Oder zwei Saisons später Jürgen Risches Elfmeter, der in der 90. Minute die endgültige Entscheidung im Pokalderby bedeutete. Weniger gern denken wir an uns spät zugefügte Niederlagen zurück, wie zum Beispiel im Hinspiel in Rostock oder im Pokal gegen Fürth. Oder, vor knapp einem Jahr, beim Auswärtsspiel in Aue, als die lila Veilchen aus dem Erzgebirge wenige Minuten nach dem Treffer doch noch ihren Aufstieg feiern durften, während dem BTSV eine weitere Saison in Liga Drei blühte. Des einen Freud, des anderen Leid.

Aber es ist doch schön, dass selbst aus Niederlagen Positives entstehen kann. Die weitgehend unveränderte Mannschaft, die in Aue noch so unglücklich verlor, gewann in dieser Saison 20 von 28 Punktspielen. Auch das Lied, das in dieser Saison zum ständigen Begleiter im Aufstiegsrennen wurde, begann seine Heavy Rotation in Eintrachts Fanblock beim Auswärtsspiel in Aue, wie Sascha vom Fanclub Braunschweiger Elche beschreibt. „Werdet zur Legende“, bei jedem Spiel gesungen, im vergangenen Herbst sogar von der Mannschaft als Video aufgenommen, ist der Soundtrack dieser bisher so spektakulär erfolgreichen Spielzeit.

Kaum hatte sich das Lied etabliert, sprach sich herum, dass die „Werdet zur Legende“-Melodie von einem Hit der 80er-Hair-Metal-Band Twisted Sister stammt: „We’re not gonna take it“. Kurz auf Youtube geguckt, wo auf dieser Welt Ultras dieses Lied zu ihrem eigenen Text singen, und siehe da: Fröhliche Fans aus irgendeiner Stadt in Japan, deren Name ich mir bis vor Kurzem nie merken konnte. Tausende von Menschen in gelben Trikots, blau-gelbe Fahnen, die zur Melodie von „Werdet zur Legende“ „ベガルタ仙台 Go!“ singen. Kein bekannter Verein, stattdessen ein Klub im Fahrstuhl zwischen J-League 1 und J-League 2. Doch es war, als würde man plötzlich feststellen, dass man Verwandte auf der anderen Seite der Erdkugel hat:

 

Vor einer Woche dann jedoch der Auftakt zu jener Tragödie, der Japan in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit rückte: erst das Erdbeben 130 Kilometer östlich von Sendai; dann der Tsunami, der einen bis zu zehn Kilometer breiten Küstenstreifen verwüstete; schließlich die drohende Kernschmelze in den Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima, etwa 100 Kilometer südlich von Sendai. Städtenamen, an die wir uns in den Nachrichten gewöhnten. Unter der Woche kamen mir auch wieder die fröhlichen Japaner mit ihren gelben Trikots und blau-gelben Fahnen in den Sinn. Also erneut ein Blick bei Youtube, und ich kriegte einen Schreck: Sie waren die Fans von Vegalta Sendai. Diesmal konnte ich mir den Namen der Stadt sofort merken.

Prompt tauchte der Verein auch in den Meldungen auf: „[Der Liga-Vorsitzende Kazumi] Ohigashi berichtete nach einem Gespräch mit dem örtlichen Club-Chef, das Stadion und die dazugehörige Anlage von Vegalta Sendai seien zerstört worden, die Mannschaft habe sich praktisch aufgelöst. Derzeit gehe es in der besonders schwer betroffenen Region nicht um Training oder Spiele, sondern nur um das Überleben.“ Viele der Fans, die in dem Video ihre Mannschaft feiern, leben nicht mehr. Viele derjenigen, die überlebt haben, wohnen nun in Notunterkünften. Und das Stadion, das in dem Video zu sehen ist, steht nicht mehr.

So relativieren sich Begriffe wie Freud und Leid. Ein verpasster Aufstieg auswärts in Aue? Eine Niederlage in Erfurt? Doch, es gibt Schlimmeres. Der nächste Vereinspräsident oder Trainer, der bei drohendem Abstieg von einer Katastrophe für den Verein spricht, sollte ebenfalls mal kurz nachdenken. So bleibt die Hoffnung, dass das gegenwärtige Leid in Japan möglichst bald gelindert wird, dass auch in den Küstenstädten eines Tages wieder Freude einkehren kann. „Allein in der besonders verwüsteten Hafenstadt Sendai sind es 200 Notunterkünfte, in denen Betroffene Schlafplätze, Verpflegung und psychosoziale Betreuung erhalten“, schreibt das Deutsche Rote Kreuz. Deshalb: Für jeden Text, den ich in dieser Saison hier geschrieben habe, wanderten zwei Euros ins Phrasenschwein. Und die Summe ging soeben ans DRK. ベガルタ仙台 Go!

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