Eine kontrafaktische Geschichte des BTSV (Teil 1)

On 1. April 2011 by gialloblu

Mit dem Sinniervogel auf dem Kopf: was hätte sein können?67 Punkte aus 29 Spielen. Wenn Eintracht ab jetzt jedes Spiel verliert und Dresden weiterhin so schneckenschnell punktet wie zuletzt gegen Heidenheim… würden wir in 19 Spieltagen, also in einem halben Jahr, wenn die ersten Weihnachtsmärkte öffnen, von Dynamo überholt. Wenn Offenbach weiter so effektiv Punkte sammelt wie in den letzten Monaten, würden sie uns frühestens überholen, wenn… wenn der Bieberer Berg in ein paar Jahren fertig umgebaut ist. Mit anderen Worten: Die Konkurrenz hat keine Chance, den BTSV an den letzten neun Spieltagen vom direkten Aufstiegsplatz zu verdrängen. Die Folge: Der blau-gelbe Zuschauer entspannt so sehr, dass er im Stadion manchmal an vergangene Zeiten denkt.

Zum Beispiel vor einem Monat: Eine knappe halbe Stunde war gespielt, Eintracht führte mal wieder 2:0, diesmal gegen Aalen. Die Treffer gegen die Schwarz-Weißgestreiften durch ein Eigentor und einen Elfmeter. Da war doch mal was vor vielen, vielen Jahren: ein anderer schwarz-weißgestreifter Gegner, Eigentore und Elfmeter. Genau, es war das Viertelfinale im Europapokal der Landesmeister gegen Juve 1968. Wären Eigen- und Elfmetertore damals für statt gegen die Eintracht gefallen, hätte man das Halbfinale gegen Benfica erreicht. Am Ende vielleicht sogar das Endspiel in Wembley gegen Manchester United. Für Millionen ManU-Fans weltweit wäre Eintracht Braunschweig noch heute ein Begriff. Der BTSV als globale Marke!

Eine Woche später, ein Doppelschlag vor der Pause, am Ende ein 1:3 bei Rot-Weiß Erfurt. Da war doch mal was vor vielen, vielen Jahren: ein anderer Verein mit dem Namen Rot-Weiß. Damals, am letzten Spieltag 1971, spielte man 1:1 gegen Oberhausen. Max Lorenz verfolgte nach seiner Auswechslung jenen unbekannten Geschäftsmann per Taxi zum Flughafen, wo er ihm für den einfachen Punktgewinn wenigstens eine halbe Siegprämie im Namen der Mannschaft abschwatzte. Hätte der BTSV damals ebenfalls einen Doppelschlag vor der Pause gefangen und 1:3 gegen die Rot-Weißen verloren, wäre die Geschichte des BTSV völlig anders verlaufen: keine unerlaubte Prämie von Dritten, kein In-den-gemeinsamen-Topf-geworfen-werden mit den absichtlichen Spieleverlierern im Bundesliga-Skandal, kein Einbruch der Besucherzahlen an der Hamburger Straße, vermutlich kein Hirschgeweih auf dem Trikot ab 1973, deshalb wohl auch keine Spitzenmannschaft im dritten Viertel der 70er Jahre.

In der Wissenschaft nennt man solche Gedankenspiele kontrafaktische Geschichte. Man verändert den Verlauf der Geschichte, indem man historische Ereignisse anders ausgehen lässt: Jesus wird von Pontius Pilatus begnadigt. Oder Napoleon gewinnt die Schlacht von Waterloo. Oder Hitler wird ein erfolgreicher Maler und interessiert sich nie wieder für Politik. Oder die Eintracht des Jahres 1977 besiegt, wie zuletzt gegen Rostock, elf rote Hanseaten, nämlich die vom HSV, zu Hause mit 2:1. Zehn Jahre nach dem ersten Titel wird der BTSV erneut Deutscher Meister und erhält von VW ein neues Stadion, da das völlig veraltete Eintracht-Stadion in keiner Weise den Ansprüchen eines Mehrfachmeisters genügt. In allen Beispielen hätte die Geschichte sich anders fortgesetzt – ob besser oder schlechter ist manchmal schwierig zu beurteilen.

Um Eintrachts letzte Punktspiele dieser Saison nun mit etwas Nervenkitzel zu füllen, können die Leser der Leopedia an dieser Stelle mitverfolgen, wie eine kontrafaktische Geschichte der Eintracht der letzten zwölf Jahre neu geschrieben wird. Dazu nehme man die realen Ergebnisse des BTSV aus den kommenden Spieltagen und setze sie für Schlüsselspiele seit 1999 ein. Man darf gespannt sein, wohin Eintrachts Weg in diesem Modell am Ende führt: Schlimmstenfalls runter in die Bezirksliga, wo der neugegründete BTSV als Eintracht von 2009 kickt. Bestenfalls rauf in die Europa League, wo es nach 43 Jahren doch noch eine späte Revanche gegen Juve gibt. Lasst die Spiele beginnen!

02.04.: auswärts in K. (Koblenz bzw. Kiel)
Im Jahr 2000 werden die Regionalligen Nord und Ost zusammengelegt. Früh in der Saison 99/00 verliert der BTSV gegen Bremerhaven und in Norderstedt. Auswärts in Kiel wird bereits eine Vorentscheidung fallen, ob Holstein Kiel oder der BTSV sich als einer von sechs Nordclubs für die gemeinsame Regionalliga qualifiziert:
Eintracht bleibt am 02.04. ungeschlagen → Eintracht spielt Regionalliga Nord ab 2000/01 (Fortsetzung: Szenario 1). Eintracht verliert am 02.04. → Eintracht spielt Oberliga Niedersachsen/Bremen ab 2000/01 (Fortsetzung: Szenario 2).

06.04.: zu Hause gegen W. (Werder II bzw. Wattenscheid oder Wilhelmshaven)
Im Frühjahr der Saison 2000/01 platzten die Aufstiegsträume, doch nun, am letzten Spieltag der Saison 2001/02, kann mit einem Heimsieg der Aufstieg perfekt gemacht werden.
Szenario 1: Nur noch der eine Sieg gegen Wattenscheid, und der BTSV ist zurück in Liga Zwei. Eintracht siegt am 06.04. → Zweite Liga ab 2002/03 (Fortsetzung: Szenario 3). Eintracht siegt nicht am 06.04. → Kein Aufstieg in die zweite Liga. Wegen der Probleme beim Geldgeber Sportwelt gibt es leider auch keine Lizenz für die Regionalliga. Deshalb spielt der BTSV ab 2002/03 in der Oberliga Niedersachsen/Bremen (Fortsetzung: Szenario 4).
Szenario 2: Am letzten Spieltag muss Eintracht den SV Wilhelmshaven schlagen, sonst steigt Oldenburg als Meister der Oberliga in die Regionalliga auf. Eintracht siegt am 06.04. → Regionalliga Nord ab 2002/03 (Fortsetzung: Szenario 5). Eintracht siegt nicht am 06.04. → Man spielt weiterhin gegen Langenhagen und Ihrhove in der Oberliga Niedersachsen/Bremen (Fortsetzung: Szenario 4).

10.04.: auswärts, wo man komisches Deutsch spricht (Haching bzw. KSC, Emden oder Aue)
Szenario 3: Vier Siege aus den letzten vier Auswärtsspielen können den BTSV in der Zweiten Liga 2002/03 nicht retten. Also muss auch im fünftletzten Spiel in der Fremde, beim KSC, ein Dreier her. Eintracht siegt am 10.04. → Klassenerhalt in Liga Zwei. Kein Sieg am 10.04. → Der BTSV kehrt zurück in die Regionalliga.
Szenario 4: Der Tabellenführer BTSV tritt beim Zweiten der Oberliga, Kickers Emden, an: Keine Niederlage am 10.04 → Der BTSV steigt auf in die Regionalliga. Niederlage am 10.04 → Emden steigt auf, der BTSV spielt weiter in der Oberliga: in der kommenden Saison z.B. gegen Vorsfelde und den SC Weyhe.
Szenario 5: Vielleicht nicht zum letzten Mal bestreitet der BTSV ein vorentscheidendes Aufstiegsspiel in Aue. Eintracht siegt am 10.04. → Aufstieg in Liga Zwei, gemeinsam mit den Kühen und Schweinen. Kein Sieg am 10.04. → Der BTSV grüßt auch 2003/04 aus der Regionalliga.

11.04.: Die Erde kreist weiter um die Sonne: Eine kontrafaktische Geschichte des BTSV (Teil 2) mit Ereignissen ab 2003!

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