Eine kontrafaktische Geschichte des BTSV (Teil 2)

On 11. April 2011 by gialloblu

Aufstieg statt großer Augen - wat ham wa doch für ein Glück! Hätte ja auch anders kommen können...Gestern: Haching, Bellarabi, Tor, eins null! Abpfiff, Sieg, Aufstieg! Totte Lieberknecht sinkt jubelnd auf die Knie, Platzsturm! Nie mehr dritte Liga! Schaaa-lala-lala! Wir sind alles Braunschweiger Jungs! Schatzi, schenk mir ein Foto! Das Eintracht-Team von 2011 ist seit gestern endgültig Legende!

Heute: Endlich mal wieder als Zweitligist aufgewacht. Ein Blick zurück auf eine tolle Saison. Erinnerungen an die Platzstürmungen nach den Aufstiegen 2002 und 2005. Jedes Mal diese Überraschung, wie intensiv es auf dem Platz im Eintracht-Stadion nach Rasen riecht. Ein Blick zurück auch auf jene Jahre, in denen der BTSV fast in der Versenkung verschwand. Keine Frage: Was wir im Augenblick erleben dürfen ist das absolute Happy End eines sehr ereignisreichen Jahrzehnts. Obwohl – was heißt hier Happy End? Noch sind wir nicht am Ende: Sechs Pflichtfreundschaftsspiele liegen in dieser Saison noch vor der Partygemeinschaft des BTSV.

Deshalb, gerade in diesen Tagen des Erfolgs, die demütige Frage: Wo stünde der BTSV heute, wenn wichtige Ligaspiele des vergangenen Jahrzehnts anders ausgegangen wären? Die Vorgehensweise dieser Simulation ist ganz einfach: Man schnappe sich jeweils drei kommende Spielergebnisse der Partygemeinschaft aus dem wahren Leben, setze sie für drei wegweisende Spiele der jüngeren Vergangenheit ein und staune, wohin der Weg der Eintracht hätte führen können. Am Anfang des letzten Jahrzehnts leider steil hinab in den Keller, wäre die Antwort aus Teil 1 dieser kontrafaktischen Geschichte gewesen:

Zunächst gelingt anno 2000 Dank des Auswärtssiegs in Koblenz Kiel die Qualifikation für die „neue“ Regionalliga Nord. Zwei Jahre später benötigt der BTSV einen Sieg zu Hause gegen Werder II Wattenscheid, um nach neun Jahren wieder in die Zweite Liga aufzusteigen. Überraschend geht der Gast mit 0:1 in Führung, dann erzielt Torjäger Kumbela Weetendorf den Ausgleich, doch am Ende taucht Stevanovic Iyodo vor Petkovic Zimmermann auf und trifft zum 1:2 für den grün-weißen Abstiegskandidaten Wattenscheid. Statt Jubel und Tränen einfach nur Tränen. Keine Pille, die bis nach Wolfenbüttel geschwackt wird. Statt der Eintracht steigt Rot-Weiß Essen auf. Jener Verein, der nie im Leben ein entscheidendes Ligaspiel kurz vor Abpfiff zu Hause gegen einen grün-weißen Abstiegskandidaten verlieren würde. Niemals!

Doch in den Tagen nach dem Abpfiff kommt’s noch dicker für den BTSV: Da Sportwelt nach dem Platzen der Dotcom-Blase seine Gelder abzog und die Stadt Braunschweig für einen Regionalligisten keine Millionenbürgschaft übernimmt, wird der Eintracht – wie übrigens auch dem 1.FC Magdeburg – die Lizenz für die Regionalliga der Saison 2002/03 verweigert. Plötzlich erinnert man sich wehmütig an die späten 90er Jahre, als man bei Auswärtsspielen ferne Reisen nach Hamburg oder Schleswig-Holstein unternehmen konnte. Ähnlich Exotisches wird dem Eintracht-Fan in 2002/03, in der Oberliga Niedersachsen/Bremen, nämlich nicht mehr geboten. Durch den 1:0-Sieg in Unterhaching Emden erreicht Eintracht die Relegationsspiele gegen Neumünster und kehrt nach nur einem Jahr Oberliga 2003 in die Regionalliga zurück.

Lassen wir uns in den nächsten drei Spielen also überraschen, wohin die weitere Reise der Eintracht bis 2007 geht:

15.04.: zu Hause gegen B. (Babelsberg bzw. Bielefeld II)
Das zweite Jahr ist immer das Schwerste, erzählt man sich unter Aufsteigern. So auch 2005, als zum letzten Spiel gegen Babelsberg Bielefeld II unbedingt ein Sieg her muss, um den Klassenerhalt zu sichern.
Eintracht gewinnt am 15.04. → Eintracht bleibt in der Regionalliga Nord (Fortsetzung: Szenario 1). Kein Eintracht-Sieg am 15.04. → Eintrachts Allesfahrer freuen sich auf Fahrten nach Brinkum, Meiendorf und Büdelsdorf (Fortsetzung: Szenario 2).

19.04.: auswärts bei W. (Wacker bzw. Wuppertal oder Wob II)
Deutschland bereitet sich aufs Sommermärchen vor. Eintrachts Frühlingsmärchen wäre perfekt, wenn die anfangs so erfolgreiche Saison 2005/06 mit einem Aufstieg gekrönt würde.
Szenario 1: Nur noch der eine Sieg in Wuppertal, und dem BTSV stünde nach inzwischen 13 Jahren endlich wieder in Liga Zwei. Eintracht siegt am 19.04. → Zweite Liga in 2006/07 (Fortsetzung: Szenario 3). Kein Sieg am 06.04. → Weiter geht’s in der Regionalliga Nord. (Fortsetzung: Szenario 4).
Szenario 2: Am letzten Spieltag reicht der Eintracht ein Punkt beim Auswärtsheimspiel gegen Wob II in der VW-Arena. Eintracht holt am 19.04. mindestens einen Punkt → Aufstieg in die Regionalliga (Fortsetzung: Szenario 4). Eintracht verliert am 19.04. → Eintracht spielt weiterhin in der Oberliga auswärts auf Wiesen voller Kuhfladen (Fortsetzung: Szenario 5).

23.04.: zu Hause gegen O. (Offenbach bzw. Osnabrück, Oberneuland)
Szenario 3: Im letzten Spiel einer sportlich bescheidenen Hinrunde, gegen Offenbach, entscheidet sich der weitere Weg der Eintracht. Denn wenn sie nicht gewinnt, wird Mäzen Staake in der Winterpause zahlreiche Routiniers verpflichten, die bisher zwischen Moldawien und der zweiten Liga Kroatiens für einen Teller warme Suppe kickten. Ein Trainerwechsel wäre beim BTSV übrigens auch mal wieder fällig. Eintracht siegt am 23.04. → Keine Task Force, sondern Klassenerhalt in Liga Zwei. Kein Sieg am 23.04. → Task Force, Chaos, Abstieg in die Regionalliga.
Szenario 4: Keine gute Saison für die Eintracht, die sich im Keller der Tabelle befindet. Zu Hause gegen den kommenden Aufsteiger aus Osnabrück reicht ein Punkt, um vorzeitig die Klasse zu halten. Keine Niederlage am 23.04 → Der BTSV spielt weiter in der Regionalliga. Niederlage am 23.04 → Trotz der späten Nachverpflichtung diverser arbeitsloser Balkanbolzer und Trainer schmiert Eintracht in der Tabelle ab. Abstieg in die Oberliga Nord!
Szenario 5: Zu Hause gegen den Dritten, Oberneuland, muss ein Sieg her, denn nur der Erste steigt auf. Eintracht siegt am 23.04. → Aufstieg in die Regionalliga Nord. Kein Sieg am 23.04. → Wob II spielt ab 2007 eine Klasse höher als die Eintracht, die ihre schwindenden Kräfte mit Gegnern wie Osterholz-Scharmbeck oder Henstedt-Rhen in der Oberliga messen wird. Wenigstens ist der BTSV in der kommenden Saison nicht dem Druck ausgesetzt, Erster werden zu müssen: Durch die Gründung der Dritten Liga wird sowieso kein Verein aufsteigen, sondern sich maximal für die neue Oberliga qualifizieren.

P.S.: Ja, wir können über die tatsächliche, gegenwärtige Situation der Eintracht verdammt froh sein. Weiter geht’s am 1. Mai: Eine kontrafaktische Geschichte des BTSV (Teil 3) mit Ereignissen ab 2007.

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