Europapokal der Drittligisten

On 3. Juni 2011 by gialloblu

Europäische Wettbewerbe sind nichts für Hütchenspieler!Donnerstag letzter Woche, zehn Uhr Abends in der U-Bahn: „SV Babelsberg 03“ lese ich auf dem dunkelblauen T-Shirt vom Fan, der vor mir steht. „S-V-B!“ rufen die Jungs, die gemeinsam am Fenster sitzen. Aus gutem Grund gucken ein paar Einheimische etwas verwundert: Denn wir befinden uns 1.000 Kilometer Luftlinie von Potsdam entfernt, in einem Wagon der District Line im Südwesten Londons. Die Babelsberg-Fans sind auf dem Rückweg vom Champions League Finale der Frauen, Turbine gegen Lyon, unterwegs von Fulham Richtung Londoner West End.

Bisher nur Dank Frauenfußball können diese Fans eines Drittligisten das Reiseabenteuer Europapokal erleben. Zwei Tage am Ende der Woche freinehmen, für 17 Euro 99 in den Billigflieger steigen, einen englischen Ground ticken, viel Geld im Pub versaufen, und am Sonntag gehts wieder heim zu Mama. „Sowas wollen wir auch“, höre ich schon Fans anderer Drittligavereine aus tausend Kehlen fordern, „bloß mit richtigem Fußball!“ Der Zeitpunkt ist gekommen, die sofortige Einführung eines Europapokals der Drittligisten zu fordern. So könnte man im Finale 2012 den besten Drittligisten des Jahres 2011 sportlich ermitteln.

Anders als die Europa League (so heißt der ehemalige UEFA-Cup inzwischen, stimmts?), die nur noch an den äußersten Fransen der europäischen Wertegemeinschaft ernst genommen wird (Portugal, Ex-Sowjetunion, die Stadt an der Leine), wäre der Europapokal der Drittligisten im wahrsten Sinne ein Pokalwettbewerb mit Achtel-, Viertel-, Halbfinale, gefolgt von zwei Endspielen, ohne quälend lange Gruppenphase. Gekickt wird in den Länderspielpausen, wenn sogar in unteren Ligen kein Ball rollt, weil die Nationalelf zwei bedeutungslose Quali-Spiele irgendwo auf dem Balkan oder im Kaukasus gegen die Bukowina oder gegen Inguschetien bestreitet.

Wer könnten also die 16 Qualifikanten für die erste Ausgabe dieses neuen Europapokals sein? Zunächst schlummerten in der abgelaufenen Saison viele attraktive Namen, die man aus der Europacup-Geschichte kennt, in den dritten Ligen ihrer Länder. Ehemalige Finalteilnehmer (SV Austria Salzburg, SC Bastia) sowie Halb- und Viertelfinalisten (Hellas Verona, Boavista Porto, FK Bohemians Prag) sind aufgrund ihrer historischen Verdienste für den Europapokal der Drittligisten qualifiziert. Sicherlich interessantere Gegner als der FK Senica, Mlada Boleslav oder der FC Gomel, die in der Qualifikation zur Gruppenphase der Europa League die hannoverschen Hoffnungen zerplatzen lassen können.

Als Fan schon mal davon geträumt, ein Auswärtsmatch mit einem Blick auf Petersdom, Eiffelturm, Big Ben oder den Roten Platz zu verbinden? Deshalb sind Atletico Roma, Paris FC, Leyton Orient und Torpedo Moskau weitere vier Teilnehmer im Europapokal der Drittligisten.

Wem dies zu viel Kultur war, kann in einer anderen Runde vielleicht in Flipflops und Bermudas anreisen, denn folgende Drittligisten sind aufgrund der Nähe ihrer Stadien zum Strand qualifiziert: der FC Uniao auf Madeira, Atletico Baleares auf Mallorca, der Rodos FC auf… ähh… Rhodos; dazu aus Kroatien der NK GOSK Dubrovnik und aus der Türkei Alanyaspor, womit nun bereits 15 von 16 Teilnehmern feststehen. Besonders Spanien bietet in der Flipflop-Rubrik viele interessante Vereine, so dass in einer späteren Saison auch mal Benidorm CF, Universidad Las Palmas oder das soeben aus der Zweiten Liga abgesteigene CD Tenerife dabei sein könnten.

Bleibt noch ein einziger Startplatz übrig, der aufgrund der sportlichen Leistung an den überragenden Drittligisten der vergangenen Saison vergeben wird: Glücklicherweise bietet der kicker Tabellen aller Art: Während die Tabelle der besten europäischen Vereine eine kleine Überraschung auf Platz eins bietet, dürfte der folgende Spitzenreiter – und damit Teilnehmer am Europapokal der Drittligisten – völlig unumstritten sein.

P.S.: Wann ist eigentlich Auslosung für den Cup der Drittligisten? Ich will in der ersten Runde den BTSV in Rom spielen sehen. Oder doch vielleicht auf Malle? Oder doch in Moskau? Nein, noch lieber auf Madeira. Oder in Dubrovnik. Und zum Final-Hinspiel nach Paris…

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