Pokalauslosung Bullshit-Bingo

On 10. Juni 2011 by gialloblu

Böse: Der BFC Dynamo.Wer kennt dies nicht: Man langweilt sich in einem Meeting oder bei einer Präsentation, bei der der Sprecher seine Zuhörer mit bedeutungsleeren Phrasen quält. Neidisch blickt man dann rüber zum Sitznachbarn, der schlau genug war, sich vorher einen Bullshit-Bingo-Spielzettel zu erstellen, der in einer Matrix, bestehend aus vier mal vier Feldern, sechzehn Schlagworte enthält. Wird eins dieser Schlagworte genannt, streicht es der Spieler aus seiner Matrix. Sind alle vier Worte einer Zeile oder einer Spalte gestrichen, ruft der Spieler Bingo! und hat gewonnen. Ein Beispiel: Beim FIFA-Kongress hält Sepp Blatter eine Rede. Auf einem Spielzettel füllt man die Matrix vor der Rede mit sinnfreien Worthülsen, z.B. FIFA-Familie, Kampf gegen Korruption, Fairplay, aus Fehlern gelernt, Transparenz, null Toleranz. Vier Felder in einer Zeile gestrichen – Bingo! Oder der Vorstandsvorsitzende erklärt, warum sich sein Autowerk eine Betriebssportgruppe in der Bundesliga leistet: Marketingtool, Markenwahrnehmung, Kundenansprache, Konsumentenbeeinflussung, zwangsloyale Zielgruppe. Vier Begriffe in einer Spalte gestrichen – Bingo!

Morgen, ab 18:00 Uhr, überträgt die ARD eine Veranstaltung, deren Rituale sich über Jahrzehnte gefestigt haben. Ein ergrauter Herr wiederholt in einem Fernsehstudio längst bekannte Regeln, eine Fußballerin zieht Acrylkugeln, es gibt Live-Schalten in einsame Dörfer, und am Ende wird Pommerania Posemuckel gegen den FC Bayern zum absoluten Knaller ernannt: Es ist die Auslosung zur ersten Hauptrunde im DFB-Pokal. Welch perfektes Ereignis für eine gemeinsame Runde Bullshit-Bingo vor dem Fernsehgerät! Schnappt euch ein Stück Papier, zeichnet eine Matrix mit vier mal vier Feldern und verteilt sechzehn von den folgenden, fett hervorgehobenen Begriffen in beliebiger Anordnung:

Amateure. Wen kümmert’s, dass Dietrich Mateschitz für 100 Millionen RB Leipzig in die Bundesliga kaufen will? Die Vereine im Heimrecht-Topf werden seit Mitte der 90er Jahre Amateure genannt. Auch der BTSV ist am Samstag für eine knappe Stunde ein Amateurverein. Und der RB Leipzig als bescheidener Regionalligist sowieso. Sobald die Brauseverkäufer gezogen werden, könnte ein Satz mit den Worten Hoffnungsträger, Ostdeutschland und Bundesligafußball zu hören sein. Da beim einen oder anderen Bingospieler im gleichen Moment der halbverdaute Erdbeerkuchen vom Nachmittag rausgeflogen kommen dürfte, empfehle ich Spielscheine aus abwaschbarem Material anzufertigen.

Bleiben wir kurz im Osten. Sobald der BFC Dynamo (DDR-Meister von 1979 bis 1988) den Lostopf verlässt, sollte reflexartig das Wort Stasi fallen. Natürlich wäre es viel origineller, wenn nach dem Ziehen des Pokalverteidigers (Gaumeister in Westfalen von 1934 bis 1944) einfach mal dessen erfolgreiches Jahrzehnt im Dritten Reich erwähnt würde. Sollten zwei Ostvereine gegeneinander gelost werden, z.B. ZFC Meuselwitz gegen 1.FC Union, ist sicherlich von einem Ostderby die Rede. Ähnlich wie bei Oberneuland gegen BSG VW (Nordderby) oder bei Wiedenbrück gegen Paderborn (Westderby). Besonders im südwestlichen Viertel der Republik, wo heute noch jeder Fleckenstaat von anno 1815 seinen achtklassigen Verbandspokalsieger in die erste Hauptrunde schickt, ist die Derbygefahr hoch.

In viele dieser dörflichen Idyllen platzt am Tage der Auslosung ein Kamerateam. Der Dorfverein wird aus dem Lostopf gezogen, „Wir schalten mal kurz rüber“ ins Vereinsheim. Vor dem einzigen Fernseher im Dorf haben sich alle versammelt. Der Moderator fragt, wie die Stimmung ist, woraufhin der Dorfpöbel ordentlich Radau macht. Dann fragt der Moderator den Bürgermeister nach seinem Traumlos, aha, die Bayern (die kleinen Vereinen nicht immer Glück bringen), dann wird im Studio Cottbus aus der Trommel gezogen und der Bürgermeister sagt mit blassem Gesicht, dass das jetzt „nicht unser Wunschgegner“ sei. Umso bedauerlicher für diesen Bürgermeister, dass direkt im Anschluss erst Eintracht Braunschweig und danach der etwas weniger kleine HSV gezogen wird. Sorry, aber nach dem Fehlgriff Fürth im letzten Jahr haben wir Anspruch auf ein attraktives Erstrundenopfer!

An dieser Stelle kurz die typische Aufgabenverteilung während der Auslosung: Links im Bild steht üblicherweise der Moderator der Sportschau, dessen Aufgabe sich weitgehend auf das Stammeln von Allgemeinheiten beschränkt. Rechts, an der Lostrommel, steht eine Fußball-Nationalspielerin. Sie verhält sich so, wie man sich bei der ARD die moderne Frau beim Einkaufen vorstellt: Wahllos greift sie zu, bis der letzte Gegenstand, also die letzte Loskugel, vergriffen ist. Aufgaben, die die motorischen und kognitiven Fähigkeiten eines Sechsjährigen voraussetzen, überlässt man bei den Öffentlich-Rechtlichen sicherheitshalber einem Mann. Deshalb übernimmt der Herr in der Mitte des Trios, meistens der Trainer eines Jahrgangs zwischen U15 und U21 beim DFB, diese Aufgaben. Erst schraubt er die Kugel auf, dann liest er den Namen des gezogenen Vereins vor. Vergeblich wird man darauf hoffen, dass er statt Meuselwitz mal Mösenwitz vorliest, bloß weil er um ’nen Zehner mit Trainer-Kollegen Horst Hrubesch gewettet hat. Einfache Versprecher wie Weidenbrück statt Wiedenbrück oder Elmsbüttel statt Eimsbüttel liegen jedoch im Rahmen der Möglichkeiten.

Oft als überraschend schwierig erweist sich auch das Aufschrauben der Loskugeln, weil man im heißen Scheinwerferlicht im Studio schnell mal Schwitzehändchen kriegt. Der Bingospieler achte auf technische Ratschläge vom Moderator, z.B. „klemmt ein wenig“ oder „geht manchmal schwer auf„. Gegenüber der Dame an der Lostrommel ist er hingegen der perfekte altmodische Kavalier: Als Stürmer mag sie Oberschenkel so dick wie Baumkübel haben, doch er nennt sie eine Glücksfee, als könne sie leicht durch den Raum schweben. Oder als Torfrau hat sie Pranken so groß wie Bratpfannen, doch für manchen Verein hat sie ein glückliches Händchen, wenn sie für ihn ein Traumlos zieht.

Gegen 18:55 Uhr nähern wir uns dem Ende dieser Veranstaltung. Erfurter und Offenbacher, die bis zuletzt gehofft hatten, dass das Emblem ihres Vereins wie durch ein Wunder doch noch in einer Loskugel auftaucht, machen sich enttäuscht ein weiteres Bierchen auf. Bevor die Sportschau-Losfee Sternenstaub verstreut und zurück in ihr Feenreich, also ins Trainingslager der Frauen-Nationalelf, schwebt, gibt’s bestimmt noch fünf Minuten Schlagzeugsolo auf der Werbetrommel für die bevorstehende Frauen-WM: Achtet auf Schlagworte wie Sommermärchen, die Fotoserie für den Playboy, auf panini-Bilder und die noch vorhandenen Restkarten. Dann gibt’s noch mal alle Spiele in der Übersicht und wir ahnen, dass endlich bald die neue Saison beginnt. Bingo!

 

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