Sommermärchen

On 27. Juni 2011 by gialloblu

Hunde fahren oft besser Auto als Frauen Fußball spielen.Vergesst die Legende vom Sommermärchen 2006. Denn Männerfußball (männliches Substantiv) ist wie der typische Hetero-Mann (männliches Substantiv): sexistisch, nationalistisch, homophob. Nein, das wahre Sommermärchen wurde gestern vor 76.000 Zuschauer_innen im Berliner Olympiastadion feierlich eröffnet. Weiblich statt männlich, bunt statt weiß, lesbisch/transisch statt immer nur doof/hetero. Ihr seht: In diesem Beitrag werden maskuline Substantive weitgehend vermieden, hier wird die alberne Endung „_innen“ an Worte gehängt und auf Grundlage von frei erfundenen Behauptungen argumentiert. Willkommen bei der Gleichstellungsbeauftragten des Fußballs, der Leopedia.

Zur Eröffnung gestern war die Kanzlerin da. Der Bundespräsident war da. Der Bundesminister der Finanzen war da. Doch wo waren Günther Jauch und Thomas Gottschalk? Wo waren Dirk Nowitzki und Sebastian Vettel? Wo waren Bushido und Papst Benedikt? Warum boykottiert der Großteil der männlichen Prominenz dieses großartige Fest des weiblichen Weltfußballs? Ist es der pure Neid?

Vermutlich, denn die Männer haben guten Grund, auf das wahre Sommermärchen neidisch zu sein: Frauenfußball ist nämlich der bessere Fußball, wie ich neulich las: Frauen sind gewitzter und intelligenter als Männer, also ist ihr Fußball ebenfalls gewitzter und intelligenter. Frauen-WM-Euphorie ist zudem viel klimafreundlicher: Ein einzelner hupender Corsa mit Türfähnchen nach Ende der gestrigen ARD-Übertragung ist eben kein Korso. Bei Männerfußball-WMs töten die Abgase aus der hupenden Kolonne der Männer-Autos die Regenwälder und blockieren außerdem die Zufahrt zum nächsten Schuhgeschäft oder zu H+M. Sexistisch-nationalistisches Fehlverhalten!

Auch in den kommenden Tagen wird das wahre Sommermärchen täglich stundenlang bei den Öffentlich-Rechtlichen gezeigt. Kritiker_innen werden sicherlich fragen, warum diese Übertragungen ganz umsonst im Free-TV laufen. Hat Frauenfußball keinen Wert? Haben Frauen für die Intendant_innen keinen Wert? In England oder Frankreich sind Spiele nur im Bezahlkanal von Eurosport live zu sehen. Im Free-TV gibt es nur ein paar Highlights kurz vor Mitternacht. So sieht Wertschätzung aus! Ähnlich wie im Gender Budgeting – das sich mit der Frage beschäftigt, ob Frauen auch anständig von staatlichen Ausgaben profitieren – sollte es beim Fernsehen übrigens ein Gender Programming geben: Frauen-WM wird nur dann live gezeigt, wenn dadurch keine Programme für Frauen ausfallen. So sollte das ZDF morgen die Übertragung von Kolumbien gegen Schweden nach einer Stunde unterbrechen, damit frau „Herzklinik – Flimmern am See“ gucken kann. Dass man sich beim ZDF noch keine Gedanken über Gender Programming gemacht hat, beweist mal wieder wie frauenfeindlich der Sender ist.

Diese Benachteilung von Frauen ist nur ein weiterer kleiner Baustein bei der Festigung des Patriarchats, in dem Männer in diesem Land bereits ab Kindesalter alle Vorteile genießen: Schon als Jungen werden sie bei der Attestierung von Verhaltensauffälligkeiten bevorzugt, so dass sie viel häufiger Ritalin naschen dürfen als die Mädchen. Jungen werden bei Schulverweisen bevorteilt, so dass viele es sich ohne Schulabschluss oder Ausbildungsplatz zu Hause am PC bei Ballerspielen gemütlich machen dürfen. Mädchen müssen hingegen lernen, lernen, lernen bis sie erwachsene Frauen sind. Und als Frau kriegen sie keinen Job im Vorstand eines DAX-Konzerns, obwohl sie die Universität mit erstklassigen Abschlüssen in Romanistik, Kulturwissenschaft oder Gender Studies verließen. Sollte ausnahmsweise doch mal eine Frau eine Spitzenposition erreichen, verdient sie oft weniger als ein Mann in vergleichbarer Position: Während zum Beispiel Frau Merkel als Bundeskanzlerin kaum eine halbe Million pro Jahr verdient, fand ihr libyscher Amtskollege, Herr Gaddafi, jährlich mehrere Milliarden auf seinen diversen Konten vor.

Soll frau sich da wundern, dass die Bezahlung der Fußballer_innen ebenfalls skandalös ungleich ist? Tatsächlich verdienen Spieler_innen in der Frauen-Bundesliga (800 Zuschauer_innen pro Spiel) viel weniger Geld als in der Männer-Bundesliga (Zuschauer_innenschnitt: 40.000). Eine schreiende Ungerechtigkeit, da die zu leistende Arbeit, 90 Minuten Fußball spielen, die gleiche ist. Ähnlich diskriminierend ist die unterschiedliche Höhe der Siegprämien für den WM-Titel: Nur €60.000 für den wiederholten Spaziergang zum Titel für die Frauen, während die Männer seit 1990 vergeblich auf eine Titelprämie von zuletzt €250.000 warten. Und während die Frauen Gegner wie die Hobbytruppe aus Argentinien bei der letzten WM 11:0 zerlegten, blamierten sich die Männer bei ihrer letzten WM mit diesem knappen 4:0 gegen Messi & Co.

Die zwangsläufige Folge der finanziellen Ungleichbehandlung im Fußball wurde am 13. Juni in diesem feministischen Comedy-Blog beschrieben: Junge Mädchen, die bei bettelarmen Vereinen (z.B. VfL Wolfsburg, Bayern München) unter Vertrag stehen, müssen sich vor den Fotografen des Playboy prostituieren, weil der DFB (richtig, der DFB) ihnen nur diskriminierende Hungerlöhne überweist. Deshalb meine Forderung: Vereine aus handverlesenen Stimmungs-Hotspots dieser Frauen-WM (Leverkusen, Sinsheim, Wolfsburg…) werden aus der Bundesliga entfernt und spielen ab August in einer eigenen Gender-Liga. Treffen in der Gender-Liga an einem Wochenende z.B. Hoffenheim und Wolfsburg aufeinander, spielen mehrere Teams beider Betriebssportgruppen gegeneinander: vielleicht am Freitag die Männer, am Samstag die Frauen und am Sonntag Transen oder Behinderte. Die Ergebnisse aller Spiele werden in der Gender-Tabelle addiert, am Ende der Saison wird Deutschlands Gendermeister_in gekürt. Oder Wolfsburg steigt in die Zweite Gender-Liga ab, weil die VfL-Transen das entscheidende Spiel am letzten Spieltag bei den TSG-Transen verlieren. Zu solch einem Spiel wären Sportsbars in Braunschweig sicherlich gut gefüllt.

So müsste am Ende Nico Rosbergs berühmtes Zitat ein wenig ergänzt werden: „Man schaut doch auch Paralympics und Gender-Liga – Menschen, die nicht ganz so große Leistungen bringen können, aber unter sich ist es trotzdem spannend.“ Ein Satz, der hoffentlich eines Tages mal wahr wird, selbst wenn ER so viele überzeugte Feminist_innen auf die Palme brachte!

One Response to “Sommermärchen”

  • Naja, witzig gemeint, aber doch ein eher schwacher Beitrag hier. Natürlich nerven einige der Pseudo-Gleichstellungs-Beiträge in den Medien, aber so schlimm ist es auch nicht, als dass hier solch bissige Ironie angebracht ist.
    Allen Gegner von Frauenfußball kann ich nur das gleiche sagen, was ich auch Gegnern des gewöhnlichen Herrenfußballs sage: „Wenns euch nicht gefällt, schauts halt nicht an. Klar sind die Medien voll genug damit, aber es interessieren sich auch genug dafür. Heuzutage können wir die Medien und Informationen zum Glück auswählen die wir bekommen.“

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