Ein Arbeitstag bei der Eintracht

On 1. Juli 2011 by togo

Das hätte es früher nicht gegeben! Oder?Man könnte ob der Überschrift fälschlicherweise annehmen, ich sei Praktikant bei der Braunschweiger Eintracht oder dort angestellt. Das stimmt allerdings nur bedingt – weder arbeite ich beim BTSV, noch verdiene ich dort mein Geld. Angestellt habe ich mich aber trotzdem: acht Stunden lang in einer Menschenschlange von stolzen 500 (fünfhundert!) Metern – um dann mein Geld in der Geschäftsstelle gegen eine Dauerkarte einzutauschen.

Aber der Reihe nach:

Mir als langjährigem Dauerkartenkunden wird ein Vorkaufsrecht für Dauerkarten gewährt, welches ich spätestens seit dem gestrigen Tage unendlich zu schätzen weiß. Dass ich trotzdem anstand, lag an der Bitte meiner Mutter, ein braver Sohn zu sein und ihre Rollstuhldauerkarte doch bitte für sie abzuholen. Am gestrigen Donnerstag startete nämlich der Dauerkartenverkauf auch für diejenigen Menschen, die bisher noch nicht in den  Genuss einer solchen Karte gekommen waren.

Ich hielt mich für einen wahren Fuchs, als ich mich bereits um 9:15Uhr auf den Weg machte, um spätestens eine halbe Stunde bevor die Geschäftsstelle ihre Pforten öffnet vor Ort zu sein. 12 Minuten später stellte ich allerdings fest, dass noch eine handvoll anderer Füchse ein wenig schneller gewesen sein müssen! Grob geschätzt circa Tausend.

So stellte ich mich mit offenem Mund auf den VIP-Parkplatz. Zu Fuß wohlgemerkt, denn hier endete die Warteschlange, die ich sogleich ungläubig fotografierte.

 

Scheiß Wetter, lange Wartezeit - dem Eintracht-Fan ist es piepegal, er will seine Dauerkarte!

Scheiß Wetter, lange Wartezeit - dem Eintracht-Fan ist es piepegal, er will seine Dauerkarte!

Nachdem der erste Schock verdaut war, machte ich mich mit meinen Nachbarn bekannt, die ebenfalls planten, mal schnell eine Dauerkarte zu besorgen. Noch bevor die Verantwortlichen den Verkauf eingeläutet hatten sprach sich herum, dass einige Füchse im Auto übernachtet haben sollen, um sich schließlich ab 04.00Uhr vor dem Eingang zu platzieren. Die sechsstündige Wartezeit, die sie bis zum Verkaufsstart einplanten, sollte sich im Nachhinein als wahrer Glücksgriff herausstellen…

Aber zurück zum Parkplatz: Ab 10.00Uhr ging es schubartig vorwärts, schnell war die Reisegruppe vor dem VIP-Zelt angekommen, wo man noch einige Bauarbeiter beim Verlegen von Steinen beobachtete, ehe man mit den Weggefährten nach gut einer Stunde des Anstehens bereits die Stadiongaststätte erreicht hatte. O-Ton der Zwischenfazite bis hierhin: „Das geht ja gut voran hier“, oder aber „Wir gehen um 14 Uhr essen, aber das sollte ja kein Problem sein“ ! DENKSTE!!!

Christel verteilte derweil Kaffee an die teilweise im Regen stehenden Fans, und ich vermochte so langsam nachzuempfinden wie es sich anfühlt, wenn das Rote Kreuz Decken und Tee im Vierzig-Kilometer-Stau austeilt. „Jetzt stehe ich hier schon gut eine Stunde an, da breche ich bestimmt nicht mehr ab!“ hörte man einige genervt argumentieren. Wenn sie gewusst hätten, dass noch sieben weitere vor Ihnen liegen würden, dann hätten sie es sich vielleicht doch noch einmal überlegt.

Um die Mittagszeit wurde der Stadiongrill angeworfen, sodass es fortan auch Bratwurst für alle hungrigen Wartenden gab. Einige sind diesem Eintracht-Schachzug jedoch zuvorgekommen, was durch die vielen hilflos wirkenden Jungs sämtlicher Braunschweiger Pizzalieferanten deutlich wurde. Derartige Menschenmassen vor einem Ticketschalter kannte ich bisher nur von den Reisezentren der deutschen Bahn!

Die Zeit verging schleppend, aber irgendwie wurde Stunde um Stunde totgeschlagen. Zwischendurch entstand kurz Verwirrung, da Togo mich bat, eine Karte für ihn mitzubesorgen, der Auftrag wurde aber kurz darauf wieder zurückgezogen. 😉

Um 17.00 Uhr schließlich, nachdem Matthias – einer der anderen Masochisten – seiner Fußballjugend frustriert das Training für den Tag absagen musste, kam die Tür der Geschäftsstelle in greifbare Nähe! Glücklicherweise hatte sich im Vorhinein bereits geklärt, dass alle Kunden, die sich bis 14.00 Uhr angestellt hatten auch noch am heutigen Tage abgefertigt werden sollten, denn ansonsten hätte die Tür sich in diesem Moment bis Freitag, 10Uhr wieder geschlossen.

Dem war jedoch nicht so, auch wenn die letzten Glieder der Menschenkette wohl noch bis ca. 22Uhr anstehen sollten.

Um 17:33Uhr war es dann soweit: mein achtstündiger Arbeitstag bei der Braunschweiger Eintracht war zu ende – Ich hielt meine, ähhhhhh… Mamas Dauerkarte in der Hand und ging zum Auto, das jetzt ziemlich verwaist hinter dem VIP-Zelt auf mich wartete. Hinter mir liegt ein Tag, den ich wohl so schnell nicht vergessen werde. Auch wenn die Organisation wirklich noch einmal zu überdenken ist, ist es genau DAS, was Eintracht ausmacht! Tausende Bekloppte, die sich nicht zu schade sind den ganzen Tag zu warten, um eine Fußballkarte zu kaufen!

Charme hatte die ganze Aktion in jedem Fall, allein die Tatsache, dass ich eine halbe Stunde vor Geschäftsbeginn anstand, und eine halbe Stunde nach Geschäftsschluss drankam hat einfach Stil! 🙂

Aber noch einmal mach‘ ich das trotzdem nicht!

(Vielen Dank an Oetzger für diesen Gastbeitrag!)

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