Randale, Krawall, Chaos

On 5. August 2011 by gialloblu

Lasst das mal den Thilo machen!Wenigstens einen kleinen Aufreger gab’s beim Stadionbesuch am letzten Montag: Nein, nicht das unaufregende Pokalspiel gegen die Bayern, sondern die etwa dreiminütige Phase, bevor das Spiel begann. Die übliche Vorspiel-Mucke lief, Fan-Legende Thilo machte unten am Zaun etwas Animation, doch plötzlich flogen serienweise Bierbecher Richtung Laufbahn. Becherspende heute schon vor Anpfiff? Nein, denn die Becher galten dem Ordnungsdienst, der Thilo unsanft daran hinderte, mit seiner Bernd Franke-Fahne eine Runde auf dem Rasen zu drehen. Schnell sprangen aus Block 9 ein paar Ultras über den Zaun, es segelten auch ein paar Plastikstangen durch die Luft, doch Sekunden später hatte sich schon wieder jeder beruhigt. Die Jungs flitzten zurück in ihren Block, etwa zwanzig Polizisten kamen angetrabt, Thilo bezog erneut seinen Posten vor Block 8 und das Spiel begann – auf die Minute pünktlich. War irgendwas kaputt gegangen? Nö. Hat sich irgendjemand ernsthaft wehgetan? Nö. Hatte der Fernsehzuschauer von der ganzen Aktion etwas mitgekriegt? Nö. War der kleine Vorfall nach dem Spiel ein großes Thema? Aber sicher!

Thilo bei der Fahnenweihe (gegen Frankfurt). Links die Medien, die vergebens auf Amok laufende Ordner warten - der Verein hat die beiden Vollpfosten "aus dem Kader gestrichen".

Thilo bei der Fahnenweihe (gegen Frankfurt). Links die Medien, die vergebens auf Amok laufende Ordner warten - der Verein hat die beiden Vollpfosten "aus dem Kader gestrichen".

Vielleicht liegt es daran, dass auch während der Sommerpause, obwohl so fürchterlich wenig passiert, die Sportseiten der Zeitungen gefüllt werden müssen. Die drei heißesten BTSV-Themen im diesjährigen Sommerloch waren: Eintracht Braunschweig in der Randale-Liga, Eintracht Braunschweig in der Krawall-Liga und Eintracht Braunschweig in der Chaos-Liga. Ewiges Herumgereite auf dem gleichen Thema kann jedoch zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden: Wenn Zeitungen oder Online-Nachrichtendienste ihren Lesern mehrfach eine Saison voller Randale, Krawall und Chaos ankündigen, müssen sie – um glaubwürdig zu bleiben und gleichzeitig die beim Leser geschaffenen Erwartungen zu erfüllen – schon am Anfang der Saison die passenden Storys liefern. Deshalb ist es im beiderseitigen Interesse, dass jeder Zwischenfall aufgegriffen wird. Erweist sich dieser vielleicht als eine Nummer zu klein, kann man ihn ja notfalls mit etwas Fantasie ein wenig aufhübschen.

Ähnlich müssen einige Berichte vom Anfang dieser Woche entstanden sein, die sich nicht vollständig mit meiner eigenen Wahrnehmung decken. Der Reihe nach: Wer waren am Montag die Innenraumbetreter aus Block 9? „Eintracht-Fans“ wäre wohl zutreffend, klingt aber wenig aufregend. „Unverbesserliche Anhänger“ schrieb eine Zeitung, was jedoch grauenhaft altmodisch klingt. Die journalistisch reifste Leistung lieferten der Kölner Express und die Hamburger Morgenpost, die in ihren Artikeln „Braunschweiger Chaoten“ am Werke sahen. Klingt gefährlich, klingt gut!

Und weshalb sprangen diese Braunschweiger Chaoten in den Innenraum? Um ihren Unmut Luft zu machen, weil Thilo von den Ordnern zu rabiat vom Platz geführt wurde, schrieb die Bild. Stimmt, doch erneut klingt die Wahrheit für die Allgemeinheit nicht wirklich prickelnd. Weil sie versuchten, das Spielfeld zu stürmen, soll in der Printausgabe der Braunschweiger Zeitung gestanden haben. Nicht schlecht! Weil das Traumlos FC Bayern wohl zuviel des Guten für einige Eintracht-Anhänger war, schrieb Spiegel Online. Sehr schön! Sinngemäß das Ganze zusammengefasst: Braunschweiger Chaoten versuchten am Montag das Spielfeld zu stürmen, weil sie spätestens seit der Auslosung sowieso alle einen an der Waffel haben! Danke, du vielfältige Welt der Medien!

Warum überträgt man diesen hohen journalistischen Standard nicht auch auf andere Meldungen? Eine krawallige Bezeichnung für die Handelnden, eine Übertreibung ihrer Tat, für die ganz nebenbei ein ziemlich bescheuertes Motiv unterstellt wird. Soso, die Frankfurter Fluglotsen wollen streiken: „Fluglotsen-Chaoten planen europäischen Flugverkehr lahmzulegen, weil ihnen wohl die Höhenluft im Tower nicht gut bekommt!“. O weh, der DAX ist erneut im Minus: „Unverbesserliche Spekulanten wetten gegen Deutsche Wirtschaft, weil Griechenland wohl demnächst die D-Mark einführt!“ Ein Blick nach Ägypten: „38 Grad in Kairo – Wohl zuviel des Guten für Ex-Präsident Mubarak, der sich vor Gericht im weißen Laken als kleiner Eisbär verkleidet hat!“ Und was gibt’s Neues in der zweitlangweiligsten Landeshauptstadt? „Krawall-Geißler erklärt den totalen Krieg, weil er auf dem Bahnhofsgelände wohl Goebbels‘ Sportpalast nachbauen will!“ Das wären Meldungen, zwischen denen sich die den Rasen stürmenden Braunschweiger Chaoten, die Eintrachts Pokallos mental wohl nicht verkrafteten, nahtlos einfügen würden.

Zwischen solchen spektakulären Meldungen könnte Eintrachts Anhang am kommenden Wochenende allerdings nur dann mediale Beachtung finden, wenn erneut die bewährten drei Signalworte auftauchen: Randale, Krawall, Chaos. Die mit Abstand wahrscheinlichste Variante: „Ohne den geringsten Krawall verlief der Fußballnachmittag zwischen den Randale-Clubs Eintracht und Eintracht in der Chaos-Liga.“ Doch seien wir ehrlich: Man würde sie nie veröffentlichen. Denn solch eine Meldung würde keine Zeitung und kein Online-Nachrichtendienst interessant genug finden.

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