Stasi-Zentrale, Abteilung Fußball, 20.08.2011

On 21. August 2011 by gialloblu

Wie jeden Samstag erschien mein Offizier im besonderen Einsatz, Leutnant Schulz, gestern Morgen in meinem Büro im geheimen Untergeschoss im Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit, Normannenstraße, Berlin, Hauptstadt der DDR. Wie immer bedankte sich Schulz für die Ehre, mir jede Woche Essensvorräte und frische Wäsche liefern zu dürfen. Da er sich gestern jedoch um drei Minuten verspätete, stellte ich ihn zunächst ins Achtung und ließ ihn im Laufschritt dreimal das ganze Treppenhaus rauf- und runterlaufen – marsch, marsch!

Leutnant Schulz weiß, dass ich mein Büro und den angrenzenden Wohnraum seit den konterrevolutionären Wirren von 1989 nicht mehr verlassen habe und dass ich als Geheimnisträger höchsten Grades jeden Kontakt zur Außenwelt meide. Unglücklicherweise kann ich seit Ewigkeiten weder die UKW- noch die Fernsehsender DDR I und DDR II empfangen. Deshalb erfrage ich alle Informationen, die ich benötige, Samstags von Leutnant Schulz. Nie werde ich den Tag vergessen, an dem Schulz mir vor gut zwanzig Jahren berichtete, dass die kapitalistisch-bankrotte BRD nun zu unserer Heimat, der DDR, übergelaufen sei. Welch ein historischer Triumph!

Vom Frühsport im Treppenhaus atmete Schulz noch schwer, als wir mit einem Glas Cognac aus dem Delikatladen, wie bereits in der Vorwoche, auf das 50-jährige Bestehen des antifaschistischen Schutzwalls anstießen. Bekanntlich steht dieses Meisterwerk sozialistischer Baukunst nicht mehr am ursprünglichen Ort, mitten in Berlin. Inzwischen verläuft die Mauer, wie mir Schulz schon oft beschrieben hat, von der Emsmündung über die Alpen bis zur Odermündung. Aber Jubiläum ist Jubiläum, egal an welchem Ort. Da griff ich die alte Parole vom Genossen Spitzbart auf – „Jede Woche Sport, egal an welchem Ort“ – und ließ Leutnant Schulz auf der Stelle zwanzig Liegestütze machen. Dem übergewichtigen Lump musste ich mit ein paar Stiefeltritten in die Seite nachhelfen. Er ist eine Schande für das ganze Ministerium!

Dann richtete ich meine Schreibtischlampe ins Gesicht des Leutnants und setzte unsere Unterhaltung aus der vergangenen Woche fort. Das Thema: die aktuelle Lage in der Oberliga, der höchsten Fußballklasse der inzwischen von der Oder bis zum Rhein reichenden DDR. Schulz hatte schon vor Wochen berichtet, dass einige Betriebssportgruppen der Liga von Abweichlern und Klassenfeinden unterwandert werden. So würden sich im Gästeblock von BSG Robotron Hoffenheim regelmäßig negativ-dekadente Elemente zusammenrotten. Damals befahl ich, dieselbe Methode anzuwenden, die sich gegen den ehemaligen Revanchistensender RIAS im ehemaligen Westberlin jahrelang bewährte: den Einsatz eines Störsenders. Gestern berichtete Schulz, dass Mitarbeiter unseres Ministeriums daraufhin eine Signalanlage im Gästebereich aufgebaut hätten. Diese wurde letzten Samstag aktiviert, sobald lautstark gegen den Genossen Kombinatsleiter gehetzt wurde. Gut gemacht, Leutnant Schulz! Keine Schlafentzugsfolter durch nächtelanges Abspielen von „Heja BVB“ in einer viel zu kleinen Zelle.

Ich muss nicht extra erwähnen, welch herausragende Persönlichkeit der Genosse Hopp ist. Vor Jahren entwickelte er, so erklärte es mir einst der Leutnant, ein modernes System, das mit Hilfe von Lochkarten eine effiziente Kontrolle ganzer Kombinate ermöglicht. Da platzt das kapitalistische Ausland doch vor Neid! „Schulz, an diesem Wochenende gehen wir noch einen Schritt weiter“, befahl ich gestern Morgen. „Angenommen, Mannschaft Gelb spielt gegen Mannschaft Lila, und die Schlachtenbummler von Gelb präsentieren in ihrem Block vor dem Anpfiff systemfeindliches Propagandamaterial gegen den Genossen Hopp. Weisen Sie in solch einem Fall den Schiedsrichter an, dass grobe Härten von Mannschaft Lila gegen die Spieler von Mannschaft Gelb ausdrücklich erlaubt sind. Bei Nichtbefolgen dieses Befehls hat der Schiedsrichter die Heimreise im Mannschaftsbus von Lila anzutreten, wo er eine Woche lang im Stollen jenes Material abbauen wird, das unsere sowjetischen Waffenbrüder als Wismut bezeichnen. Und Sie, Schulz, würden für ihn unter Tage die Lore schieben!“

Während Schulz mit zittrigen Fingern diesen Befehl in seinen Notizblock krickelte, drehte ich die Verhörlampe von ihm weg. Ich bot ihm eine Zigarre Jägerstolz an, goss uns beiden ein weiteres Glas ein und lehnte mich zurück. „Wissen Sie was, Leutnant? Nachts, wenn hier alles still und dunkel ist, dann höre ich manchmal eine weinende Stimme von oben aus dem vierten Stock“, log ich. „Sie wissen, wer dort sein Büro hat: der Staatssekretär vom Ministerium für Außenhandel. Salopp formuliert: der Chef-Devisenbeschaffer unserer siegreichen, sozialistischen Nation. Ich höre ihn dann immer jammern: Für das viele Geld, das wir ständig in die BSG Motor buttern, könnten wir jedes Jahr einen neuen Fernsehturm am Alexanderplatz bauen. Oder wir könnten von dem vielen Geld jedem der inzwischen 80 Millionen DDR-Bürger eine ganze Ananas schenken.“ Schulz nickte nur traurig. Statt mich zu fragen, was das überhaupt ist: eine ganze Ananas. Sowas kennt man als kleiner Leutnant doch gar nicht. Hege deshalb den Verdacht, dass Leutnant Schulz, wahrscheinlich schon seit Jahren, von der KoKo importierte Südfrüchte unterschlägt. „Wissen Sie, was der Unterschied zwischen Ihnen und der BSG Motor Wolfsburg ist?“ fragte ich ihn. „Antwort: Es gibt keinen. Beide sind eine Blamage für unser System!“

Vor Wochen fiel mir der Cognacschwenker aus der Hand, als Schulz von Wolfsburgs Niederlage im FDGB-Pokal bei einem Viertligisten berichtete. Der Name des Gegners ist mir entfallen, aber es war die BSG des Herstellers eines angeblich stimulierenden Getränks. Ich meine, der Gegner hieß RM Leipzig – mit vollem Namen also Rondo Melange Leipzig. Da unser Staat bereits soviel Geld in die BSG Motor investiert hat, können wir keinesfalls zulassen, dass sich immer mehr Werktätige vor dem Stadionbesuch in Wolfsburg drücken. Diejenigen, die alle paar Jahre bei der Volkskammerwahl für volle Stimmlokale sorgen, könnten auch bei der BSG alle zwei Wochen für ein volles Haus sorgen. „Welche Maßnahmen haben Sie eingeleitet, um das Stadion der Schrauber mit Besuchern zu füllen?“, fragte ich Schulz. Er antwortete, dass auf seine Anweisung neuerdings Busse im Landkreis Gifhorn grün-weiße Werktätige von den LPGs umsonst zu den Heimspielen fahren. Klotzen, Genosse Leutnant – nicht kleckern!

„Diese Maßnahme wird nicht ausreichen“, erklärte ich ihm, „denn der Nachbarverein aus Braunschweig ist, obwohl wir ihn seit Jahren bekämpfen, einfach immer noch viel zu populär. Im Sommer hatte ich gehofft, dass wir die Blau-Gelben in die Knie zwingen, indem wir den herausragenden Nachwuchsspieler zur BSG Chemie Leverkusen delegieren. Schulz, ich erteile Ihnen hiermit folgenden Befehl: Starten Sie eine Desinformationskampagne. Verbreiten Sie Gerüchte: dass der Verein Eintracht – welch unsozialistischer Name! – nach Rautheim, Northeim oder von mir aus gleich nach Hoffenheim delegiert wird, weil angeblich das VEB-Gelände nördlich vom Stadion ausgebaut wird. Oder dass der neue Spielort ein Nachbau vom Wolfsburger Stadion der Schrauber sein wird. Denken Sie sich irgendeinen Blödsinn aus! Verunsichern Sie den Feind, indem Sie Gerüchte streuen!“

Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Also richteten wir den Blick nach vorne, in die kommende Woche. „Schulz, wir haben ein ernsthaftes Problem“, sagte ich. „Mir liegt hier eine Akte vor. Es geht um eine Stadt, in der, so haben Mitarbeiter observiert, die Frauen quadratische Schädel und stumpfnasige Gesichter haben. Eine Stadt, in der man Schnaps ins Bier gießt, um die Keime zu töten. Elemente aus dieser Stadt werden am Donnerstag zu Hunderten ins kapitalistische Ausland reisen – und zwar in eine Stadt, wo heißblütige Senoritas Flamenco tanzen, edler Wein in Strömen fließt und stets die Sonne scheint: Sevilla.“ Schnell begriff Leutnant Schulz, dass von den Schlachtenbummlern aus Hannover wohl kaum einer freiwillig zurück kommen würde. Zwar käme niemand auf die Idee, diesen inzüchtigen Verrätern eine Träne nachzuweinen, doch unser sozialistisches Vaterland wäre bei solch einer Massenflucht international blamiert. Also müssen die Teilnehmer dieser Reise politisch-operativ gesichert werden. „Ich habe alles notiert“, sagte Leutnant Schulz wenige Minuten später: „Nach Sevilla lassen wir neben linientreuen Ministeriumsmitarbeitern nur schwarz-weiß-grüne Volltrottel reisen, die zu blöd sind, nachts im Hotel geschweige denn im eigenen Zimmer den Ausgang zu finden. Zum Glück gibt es von dieser Sorte Hunderte. Nur ihnen werden wir am Donnerstag die Ausreise gestatten.“

Um neun Uhr dreißig drückte ich dann dem Leutnant Schulz meinen Sack schmutzige Wäsche in die Hand. „Nächsten Samstag um Punkt neun in meinem Büro“, ordnete ich an. „Denken Sie an Ihre Befehle. Das MfS sieht alles und weiß alles. Wir können dafür sorgen, dass Sie Ihre schöne Wohnung im Plattenbau verlieren und Ihre Kinder von der Polytechnischen Oberschule fliegen. Zum Abschluss noch einen kleinen Schluck auf die nächsten 50 Jahre antifaschistischen Schutzwall?“ Und so erzählte ich ihm beim letzten Cognac von meinem neuesten Plan für einen Orden für Mauerschützen. Hatte der Leutnant eine Woche zuvor nicht erzählt, dass am Vorabend ein Rekrut nahe unserer neuen Staatsgrenze zu Frankreich, in Karlsruhe, einen kapitalen Treffer setzte? Aus neun Meter fünfzehn Entfernung zu einer Mauer? „Was meinen Sie, Leutnant Schulz: Ein Damir-Vrancic-Orden für erfolgreiche Mauerschützen. Klingt doch gut, oder?“

„Melde mich ab“, sagte der Leutnant, stellte sein Glas ab und ging.

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