Und so fangen wir von vorne wieder an!

On 28. August 2011 by gialloblu

„Zwo, drei, vier, Sachsenschweine! Saaaachsenschweine! Saaaachsenschweine, und so fangen wir von vorne wieder an!“ Dieses kleine Lied, das in der zweiten Halbzeit gegen Aue fast schon als Dauersupport daherkam, warf in den Tagen nach dem Spiel zwei Fragen in der Eintracht-Community auf: Darf man sowas singen, wenn der Gegner offensichtlich versucht, sich durch rustikale Spielweise einen Punkt zu ergaunern? Oder wäre es nicht besser, positiv unterstützend die eigene Mannschaft anzufeuern, statt den Gegner zu beleidigen?

Der Weg zur Lösung führt über zwei andere Fragen: Trifft man auf den Tribünen des Eintracht-Stadions ausschließlich höhere Töchter an? Nein. Ist das Eintracht-Stadion eine Erziehungsanstalt aus dem achtzehnten Jahrhundert? Nein. Mit anderen Worten: Das Eintracht-Stadion ist kein Mädchenpensionat und entsprechend geht es dort schon mal verbal zur Sache. Bleiben wir doch beim Gedanken an frühere Jahrhunderte: Schon vor langer, langer Zeit sangen Braunschweiger ganz ähnliche Lieder, die heute vielleicht harmlos erscheinen, jedoch damals für Zeitgenossen durchaus beleidigend klangen.

Woher wir das wissen? Nun, beim Aufräumen im Keller der Villa Leopedia fanden wir das seit Ewigkeiten verloren geglaubte Buch „Spiele, Lieder und weytere Missethaten der gemeynen Braunschweiger Leuth“ – eine in Leder gebundene handschriftliche Chronik längst vergessener blau-gelber Geschichten. Oft wird übersehen, dass Urformen des Fußballspiels bereits vor Gründung der aktuell bestehenden Vereine auf Wiese oder Marktplatz ausgeübt wurden, auch wenn es noch keine schriftlich festgelegten Regeln gab. Da Vorveröffentlichungen aus Büchern zur Zeit bekanntlich im Trend liegen, wie Philipp Lahm bestätigen kann, möchten auch wir an dieser Stelle exklusiv ein paar Storys preisgeben. Lasst uns nicht nach feinen Unterschieden suchen, sondern pusten wir den Staub vom Ledereinband und stöbern wir nach jenen groben Geschichten, in denen auch Eintrachts nächste Gegner in Liga Zwei eine Rolle spielen:

„Groß war die Not bei den ganz in weiß gewandeten Spielern aus Sanktus Pauli“, notierte 1892 der Chronist, „grassierte doch die Seuche der Cholera in der stolzen Hansestadt. So begab es sich, dass bei einem Wettspiel der Fußlümmelei gegen blau-gelbe Gäste aus Braunschweig, beim Stande von drei zu zwölf Goals, plötzlich gräuslicher Geruch übers Feld wehte, gar beißender noch als der Gestank der Elbe mit ihren Gerbereien und Dampfschiffen. Denn siehe da, so manche weiße Hose hatte sich braun gefärbt, als so mancher kranker Darm sich ungewollt entleerte. „Zwo, drei, vier, Hosenschieter! Hosenschieter! Hosenschieter, und so fangen wir von vorne wieder an!“ sangen jene blau-gelbe Knaben, die als Zuschauer in der offenen Holzklasse angereist waren, und die im Übrigen jenes große Fass Astra-Bräu stahlen, das eine angesehene Patrizierfamilie für die Kinder im Waisenhaus Sanktus Pauli gespendet hatte. So wundert es kaum, daß der wutentbrannte Seelsorger des Waisenhauses nach dem Spiel androhte, daß Pauli sich eines Tages revanchieren werde: in weißen Hemden, in braunen Hosen, ohne diesen Braunschweigern auch nur einen Tropfen von aus trübem Elbwasser gebräuten Bier abzugeben!“

Auch Eintrachts übernächster Gegner findet Erwähnung in der handschriftlichen Chronik: „Es beghab sich im Jahre des Herren 1630 als ein Krieg von dreyßig Jahren herrschte. Als Brunswieker Gesellen auf Wanderschaft saßen wir übermüthig bei Kruegen voll Bier in einem Wirthshaus am Strande der Ostsee. Wir sangen „Zwey, drey, vier Hansaschurken! Hansaschurken! Hansaschurken, und so fangen wir von vorne wieder an!“, als eyn Fremder sich zu uns an den Tisch placierte, Bier und Schnaepse auf seine Kosten fließen ließ, bis wir benehbelt danieder gesunken. Gar groß war unser Schreck, als wir im Morgengrauen als Rekruten eynes Regiments der Armee seiner Durchlaucht Wallenstein erwachten, auf daß wir für die Katholische Allianz zu Felde zoegen. Im Lager machte das Worth von unserer Ankunft die Runde, und so sammelte sich ein Hauffen kahlgeschorener, unfreyer Bauern aus dem schaendlichen Flecken Rostock, die uns in einem merkhwuerdigen Spiele mit einer aus Lumpen geschnuerten Kugel forderten. Kaum auf dem Felde beschoß uns der Gegner jedoch mit Feuerwerken, wie sie Marco Polo aus China mitgebracht. Doch ploetzlich krachte es gar kraeftig, daß alle arg erschraken: Sehet, die protestantischen Truppen des Schwedenkoenigs Karl Gustav, unter blau-gelbem Banner, stuermthen mit modernsten Musketen das Lager, so preiset den Herrn! So schwenckten auch wir die blau-gelbe Flagge unseres Herzogtums, auf daß der Schwede uns Gnade gewaehrte, als der Rest des Lagers nach kriegerischer Sitte daniedergemetzelt wardt oder unter großem Gefeyxe am Galgenbaume hängend endete!“

Um den nach Hansa folgenden Gegner in der handschriftlichen Chronik anzutreffen, braucht man am wenigsten weit zu blättern: „Auf dem Vorstoß durch die ungerohdeten Urwaelder nach Osten trahfen wir jenseyts des Flusses Elbe auf eine heydnische Slavensiedlung von Namen Chosebutze. Da wir dort waren um ihnen die Bothschaft des Buch Gottes zu verkuenden verlangten wir zuvorderst nach ihrem Aeltesten, dem wir gleych per Schwerdt den Kopf abschlugen, welchen wir dann zu unserer und zur Erheyterung der oertlichen Heyden ein wenig hin und hergetreten. Doch nun kniet nieder zur Bekehrung, ihr Wilden und Weyber! Da ihren Bauernschaedeln jede Kapacitaet gemangelt, Neues und Altes Testament in universeller Groeße zu verstehen, reducierten wir die frohe Botschaft aufs Ecenzielle: Die Dreyfaltigkeit ist Gott, der Herzog von Brunswiek und der Dom zu Brunswiek, zu letzterem ihr irgendwann in eurem wurmigen Leben zu pilgern habet. Und eyns noch: Der Satan sitzt in Hanover, also beschmeyßet jeden reudigen Bastard dieser Statt mit Steynen, falls er zum Zwecke der Relegation eynes fernen Tages erscheyne. Nun bauet eine Kirche und singet dort den wahren, den eynzigen Choral: „Zwey, drey, vier Hannoistrolche! Hannoistrolche! Hannoistrolche, und so fangen wir von vorne wieder an!“ Gehorsamst machte sich das Dorf ans Werkh, also steckten wir die Schwerdter ein und kaempften uns weiter durchs Gebuesch gen Osten.“

An dieser Stelle mag es überraschen, dass beim ersten Aufeinandertreffen zwischen Braunschweigern und Hannoveranern ein anderes Lied als das der Hannoistrolche gesungen wurde: „Man nothierte das Jahr 1349, als kurz nach Sankt Martin eine Horde Fremder ans Thor der Stadt klopfte. Sie riefen, sie stammten vom Flusse Leyne, sie waeren durchs ganze Abendland vagabundiert, waeren sogar im Lande des Muselmanns, in Sevilla gewesen. Dort haetten sie die Stadt in einem Spiele besiegt, bei dem ein Kuerbis ueber den Martkplatz zu tragen oder treten sey. O haetten wir diese Fremden von den Zinnen doch gleych mit siedend heißem Pech begoßen, statt ihnen Einlaß fuer ein solch Spiel in der Loewenstadt zu gewaehren! Denn ihre Kleyder waren arg verdreckt, dass sich Wanzen und Floehe gar wohl darin gefuehlt. Schon waehrend des Spieles mit dem Kuerbis klagten erste brave Buerger ueber Schwindel und Beulen an den Gliedern. Geschwindt hallte Wehklagen durch alle Gassen, denn diese Fremden hatten die Geißel Gottes, die Pestilenz, nach Brunswiek gebracht! „Zwey, drey, vier Seuchenvoegel! Seuchenvoegel! Seuchenvoegel, und so fangen wir von vorne wieder an!“ sang das Volck verzweyfelt und malte rote Kreuze an die Pforten jener Häuser, in denen Kranke zum Sterben am Schwarzen Tod zurueck gelassen. So sollen rot und schwarz zukuenftig die Farben der Seuchenvoegel von der Leyne seyn, dass jeder eynen weyten Bogen um sie mache!“

Schließen wir nun die „Spiele, Lieder und weytere Missethaten der gemeynen Braunschweiger Leuth“, denn St.Pauli steht vor den Toren der Stadt Braunschweig. Mir ist nicht bekannt, ob Philipp Lahm auch in der kommenden Woche weitere feine Unterschiede über die Presse veröffentlichen lässt. Doch ich verspreche, dass ich für jedes zehnte „Empfehlen“ einen weiteren Eintrag aus dieser feinen Braunschweiger Chronik als Kommentar hinzufügen werde!

2 Responses to “Und so fangen wir von vorne wieder an!”

  • Danke für die nächsten zehn Empfehlungen! Deshalb, wie versprochen…

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    Die heutige Parole lautet ‚Siegen oder untergehen‘, sage ich zum stellvertretenden Unterstützergruppenführer, als wir im Gästeblock an der südöstlichen Front unserer Liga stehen. Zur Feindbeeinflussung singen wir „Zwei, drei, vier Sachsenstrolche! Sachsenstrolche! Sachsenstrolche, und so fangen wir von vorne wieder an!“. Der Feind reagiert, wohl um unsere Gesänge zu übertönen, mit einer laut heulenden Sirene. Seltsamerweise flitzen die Spieler beim Klang dieser Sirene alle vom Platz. „Das wird die Pausensirene sein“, rufe ich meinem Stellvertreter zu, „denn bestimmt wird auf Befehl von ganz oben heute mal pünktlich Halbzeit gemacht!“ Zwar wundern sich einige Männer unserer Unterstützergruppe, dass die erste Halbzeit nur elf Minuten dauerte, doch keiner wagt den Aussagen eines Gruppenführers zu widersprechen.
    Eine Minute später fliegt eine Formation schwerer Bomber über die Kampfbahn. „Schaut! Dies ist das Programm zur Pausenunterhaltung!“, rufe ich der Gruppe zu. „Kradmelder-Formationen, die im Kreis um die Aschenbahn fahren, locken doch keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor! Aber so ein schöner Formationsflug von Bombern…“ Weiter komme ich nicht, denn die Druckwelle einer mächtigen Explosion auf dem Rasen schleudert uns zu Boden. „Diese Heimunterstützer, diese verdammten Pyromanen!“ fluche ich, mir Dreck und Grashalme aus dem Gesicht wischend. „Die machen mit ihren elendigen Böllern aus dem Generalgouvernement noch den Fußball kaputt. Aber statt mit einer Platzsperre kommt dieser verfluchte Verein doch bestimmt wieder mit einer Geldstrafe davon!“ Niemand widerspricht.
    Sieben Stunden später, als die Truppe schon ziemlich demoralisiert wirkt, beschließe ich, dass wir heute wohl keine zweite Halbzeit mehr sehen werden. Um uns herum ist längst alles dunkel, bloß der Nachthimmel leuchtet orange. „Aufbruch, Männer“, befehle ich. In Zweierreihen gehen wir zum Bahnhof, wo uns die nächste Überraschung erwartet: Der Bahnhof ist völlig ausgebrannt. „Verdammte pyromanische Sachsenstrolche“, sage ich zum Stellvertreter. „Sogar das Dach haben sie abgerissen und die Gleisanlagen völlig zerstört. Wie sollen wir jetzt nach Hause kommen? Zu diesen Halunken fahren wir die nächsten tausend Jahre nicht mehr!“ Oder zumindest die nächsten fünfzig. Dresden, im Februar 1945.

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  • Danke für die zehn Empfehlungen! Deshalb, wie versprochen…

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    Auf dem Exerzierplatz unseres Garde-Grenadier-Regiments empfing der Thor- und Fußballclub Spandau den FC Eintracht von 1895 zu einem fußballerischen Wettkampf. Schon nach wenigen Minuten begann jene Gruppe fahnenschwenkender Knaben, die zum Gaffen aus dem fernen Braunschweig angereist war, nach einem wilden Getrete um den Ball ein Schmählied zu singen: „Zwo, drei, vier Preußenlumpen! Preußenlumpen! Preußenlumpen, und so fangen wir von vorne wieder an!“ Eine ungeheuerliche Verunglimpfung von Reich und Kaiser! Also befahl ich drei Unteroffizieren, unsere neueste Errungenschaft aus der Gewehrfabrik Spandau auf die Lafette zu montieren: ein Maschinengewehr MG 08. Auf die blau-gelben Staatsfeinde gezielt, ein kurzer Feuerstoß, dann waren die Knaben gefallen. Ich schritt hinüber zum Delegationsleiter der Eintracht, einem Major der Infanterie, und entschuldigte mich für die versehentlich ebenfalls getroffenen fünf Spieler seiner Mannschaft, die allerdings nur von niederer Geburt schienen. Wie ein wahrer Offizier akzeptierte er meine Entschuldigung, ließ sich dann unser neues MG erklären und beschloss, vor der Rückkehr nach Braunschweig höchstselbst ein Exemplar zu kaufen. So könne er es bereits am kommenden Sonntag einsetzen: Sollte der Verein Eintracht im Finale der Stadtmeisterschaft im Hockey für zwölfjährige Lyzeumsmädchen nämlich gegen den BTHC in Rückstand geraten, könne er so die feindlichen Reihen empfindlich schwächen. Dann verabschiedete man sich respektvoll, doch voller Hoffnung auf einen baldigen Krieg gegen den Erbfeind Frankreich, voneinander. Spandau bei Berlin, im Mai 1914.
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