„ … naaa, I red’ bloß drüber.“ (Waldemar Hartmann)

On 3. September 2011 by gialloblu

+++++ Vielen Dank für diesen Gastbeitrag, Eintracht zeigen! +++++

Endlich Samstag! Endlich wieder Heimspiel! Endlich wieder im Tempel! Die Vorfreude auf eine weitere Gala-Vorstellung unserer blau-gelben Lieblingskicker lässt den Adrenalinhaushalt wieder einmal Purzelbäume schlagen. Gibt es in diesen Zeiten etwas schöneres, als Fan von Eintracht Braunschweig zu sein? Nein … sollte man meinen.

Wenn, ja, wenn es nicht IHN geben würde. Nennen wir ihn Karl-Heinz, damit das Kind einen Namen hat. Karl-Heinz ist ein schon leicht ergrauter Endfünfziger, zu den C&A-Designerjeans trägt er das karierte Hemd lässig in die Hose gestopft, unter seiner dunkelblauen Steppweste sind neongrüne Hosenträger mit der Aufschrift „Chef“ zu erkennen. Dazu gibt es als passendes Accessoire einen verblassten blau-gelben Schal mit dem Schriftzug „Aufstieg 2002“ (man ist schließlich „Fan“ und das darf man ja gern auch mal öffentlich zeigen). Zu Karl-Heinz gesellt sich in der Regel ein zweites, ähnlich gekleidetes Exemplar, welches wir in der Folge der Einfachheit halber mal Günther nennen wollen.

Was will uns der Autor dieser Zeilen damit sagen, wird sich der geneigte Leser fragen. Nun, egal, wo man sich im Stadion aufhält, um das Spiel zu verfolgen, diese beiden sind IMMER in unmittelbarer Nähe zu finden. Sie gehören zur Gattung der Tribünentrainer (homo criticus stadionensis). Diese teilen sich noch in die Untergruppen Stehplatzmeckerer (homo criticus pedes) und Sitzplatzbesserwisser (homo criticus anus), was jedoch für die weitere Betrachtung nicht ins Gewicht fällt, da die typischen Verhaltensweisen mehr oder weniger identisch sind.

Das fängt unmittelbar vor Spielbeginn an. Karl-Heinz und Günther erscheinen pünktlich zur Durchsage der Mannschaftsaufstellung und beginnen unmittelbar eine lautstarke Diskussion darüber, warum Spieler A spielt, obwohl Spieler B im Training den wesentlich besseren Eindruck gemacht hat (Man scheint viel Zeit zu haben, wenn man sich jeden Tag beim Training rumdrücken kann. Ein Hoch auf die Frührente!). Im Einzelfall wird auch noch darüber philosophiert, warum Spieler C auf Position X und Spieler D auf Position Y aufgestellt wurde, obwohl der jeweils andere an der jeweils anderen Position doch wesentlich effektiver wäre. Die geistige Zurechnungsfähigkeit des Trainers wird dabei nicht nur einmal in Frage gestellt. Es versteht sich von selbst, dass ob dieses wichtigen Gedankenaustauschs die einstimmenden Rituale („You’ll never walk alone“, „Zwischen Harz und Heideland“, usw.) nicht nur geflissentlich ignoriert, sondern auch lautstärkemäßig übertönt werden. Schließlich soll Günther (Karl-Heinz) ja keinen von Karl-Heinz’ (Günther’s) so sorgsam formulierten Gedankengängen verpassen.

Mit dem Anpfiff schließlich sind die beiden voll in ihrem Element. Jede Ballannahme, jeder Pass und jede Abwehraktion werden (natürlich lautstark, schließlich muss man ja die Anfeuerungsrufe der übrigen Fans übertönen) analysiert, was in der Regel mit Worten wie „Mann, Mann, Mann …“ oder „Das gibt’s doch gar nicht …“ eingeleitet wird. Anschließend folgt dann die punktgenaue Bewertung der Aktion (z.B. „… den hätte meine Oma versenkt“, „… und so was schimpft sich Zweitligaspieler …“ ..o.ä.), bevor man sich in den verschiedenen Ratschlägen ergeht, wie man es hätte besser machen MÜSSEN. Eingestreut in diese Analysen kann man dann noch erfahren, welcher Spieler allgemein über welche (Un-)Fähigkeiten verfügt oder warum nicht und mit welchen Maßnahmen dies geändert werden könnte. Wer als Umstehender nun die Hoffnung hegt, dass die beiden (in Einzelfällen kann die Zahl auch variieren, es wurden schon Gruppen bis 10 Personen gesichtet) während der Halbzeitpause mal das Örtchen oder die Bierbude (viel reden macht schließlich einen rauen Hals) aufsuchen, der sieht sich getäuscht. Natürlich werden die vergangenen 45 Minuten noch einmal bis ins Detail seziert, wobei, analog zu den „Best of“ – Szenen im Fernsehen, selbstverständlich auch die bereits ausgiebig live kommentierten „Höhepunkte“ nicht vergessen werden.

Die zweite Halbzeit verläuft dann wie die erste, wobei es zu ersten Unmutsäußerungen Umstehender kommt, die sich evtl. auch mal eine eigene Meinung über das Spiel bilden möchten. Diese werden aber meistens souverän mit dem Hinweis gekontert, dass man schon ins Stadion gepilgert sei, als der Betreffende noch als Quark in der Sonne gelegen habe. Von einem Grünschnabel lasse man sich doch nicht sagen, wie Fußball funktioniert. An dieser Stelle wirft sich die Frage auf, aus welchen unerschöpflichen Quellen Karl-Heinz, Günther und die anderen Tribünentrainer ihre Weisheit schöpfen, muss man anhand ihres Alters doch davon ausgehen, dass sie (wenn überhaupt) das letzte Mal gegen einen Ball getreten haben, als ein „Mittelläufer“ fortschrittlich und der „Libero“ (bekanntermaßen auch schon seit Jahrzehnten ein Auslaufmodell) noch gar nicht erfunden war.

Sei’s drum! Sie sind da und sie gehen uns fürchterlich auf die Nerven. Daher erkennt man selbst bei ausverkauftem Tempel eine Gruppe von “homo criticus stadionensis” auch spätestens Mitte der zweiten Halbzeit daran, dass sich in ihrem Umfeld eine relativ große Freifläche gebildet hat, da die Umstehenden ob der permanenten Analyse-Berieselung mittlerweile das Weite gesucht haben. Meistens bis zur nächsten Bierbude, weil man das Geseier letztlich nur im Suff ertragen kann.

Das gesamte Phänomen ist bis heute nicht abschließend erforscht. Weder Theologen noch Soziologen können eine schlüssige Antwort auf die Gründe dieses Verhaltens geben, auch Psychologen und Philosophen sind nicht in der Lage, eine fundierte Erklärung dafür zu finden. Man munkelt zwar hie und da von Gründen wie „… zu Hause nichts zu melden …“, „ … schlechter Sex …“ oder „Wieder so ein Würstchen, das am Arbeitsplatz der letzte Willi ist und sich hier endlich mal austoben kann.“. Allerdings dürften die Ursachen doch etwas tiefgründiger liegen. Vielleicht mag sich ja mal jemand daran versuchen?

One Response to “„ … naaa, I red’ bloß drüber.“ (Waldemar Hartmann)”

  • Großartiger Artikel, vor allem die Fachtermini Stehplatzmeckerer (homo criticus pedes) und Sitzplatzbesserwisser (homo criticus anus) finde ich königlich… 🙂

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