Heatmap

On 10. September 2011 by gialloblu

Letztes Jahr erzählte man sich auf Schalke folgenden Witz: Warum lässt Magath sich jetzt Stalin nennen? Antwort: Damit er menschlicher erscheint! Letzten Montag wurde bekannt, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Stalin und Magath gibt: Stalin ließ, Befehl Nr. 270, jeden Offizier erschießen, der auf dem Schlachtfeld bei gegnerischem Angriff einen Rückzug machte. Magath hingegen bestraft Spieler, wenn sie auf dem Spielfeld bei gegenerischem Angriff keinen Rückzug machen. Also brummte er den Spielern Mario Mandzukic und Patrick Helmes nach der Niederlage in Mönchengladbach wegen Befehlsverweigerung oder Lauffaulheit eine Geldstrafe in Höhe von jeweils 10.000 Euro auf.

Noch am gleichen Tag setzte es in Nachrichtenmeldungen Kritik sowohl an der Höhe als auch an der Begründung dieser Geldstrafen. Dabei wurde ein Argument angeführt, das auf fast schon absurde Weise präzise ist: Patrick Helmes habe gegen Gladbach eine läuferisch gute Leistung erbracht – denn er sei in dem Spiel angeblich 10.347 Meter und einen Zentimeter gelaufen. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Daten das Unternehmen „Impire sports & facts“ ermittelt, das seit Beginn dieser Saison in den Ligen Eins und Zwei exklusiv Spiele analysiert und ein individuelles Leistungstracking für jeden Spieler erstellt.

Weniger erstaunlich ist, dass von Impire bereitgestellte Daten inzwischen auch von Trainern als Argumente in ihrer Spielanalyse verwendet werden. Der Trick dabei ist, unter Millionen von Daten diejenigen rauszupicken, die die eigene Mannschaft gut aussehen lassen. So erklärte St.Paulis Trainer André Schubert nach der Niederlage in Braunschweig: „Ich habe mir noch einmal genau die einzelnen Daten zum Spiel angesehen. Meine Spieler sind deutlich mehr gelaufen als die Braunschweiger – 112 Kilometer waren es bei uns, 105 Kilometer bei denen. Wir hatten mehr Ballbesitz, und bei uns sind mehr Pässe angekommen als beim Gegner. Aber wir haben das Spiel verloren.“

Auch Eintrachts Trainer Torsten Lieberknecht sollte die Zeichen der Zeit erkennen und ebenfalls auf Grundlage von wichtig klingenden Daten argumentieren. So sagte er nach der letzten Heimniederlage: „Eintracht Frankfurt hat heute ein sehr gutes Spiel gemacht und verdient gewonnen.“ Nein, sowas sagt der moderne Trainer nicht. Wie wäre es stattdessen mit: „Ich habe mir noch einmal genau die einzelnen Daten zum Spiel angesehen. Meine Spieler sind deutlich mehr gelaufen als die Frankfurter – 111 Kilometer waren es bei uns, 109 Kilometer bei denen. Wir hatten mehr Eckbälle, und die meisten Fehlpässe auf dem Platz machte der Frankfurter Constant Djakpa. Aber wir haben das Spiel verloren.“ Klingt doch gleich viel besser!

Und was macht Stalin Magath? Er könnte auf Kritik an den Geldstrafen mit einem Hinweis auf den Spieler-Radar reagieren: Sind die Laufwege auf dem Rückzug grün gekennzeichnet, trabte der Spieler bei maximal 17 km/h. Sind sie hellgrün, betrug die Geschwindigkeit immerhin schon 21 km/h. Oder er verweist auf die Heatmap: An dem Ort, wo ein Spieler sich lange aufhält, ist die Fläche rot markiert. Dort, wo er selten aufkreuzt, strahlt ein helles Gelb. Bummelt ein Stürmer also zu lange in der gegnerischen Hälfte rum, wäre diese Region auf dem Rasen auffällig dunkel. Um mal ein Beispiel für eine Heatmap zu geben – so sah Marc Pfitzners Heatmap vom Spiel gegen Frankfurt aus:

Die komplette erste Halbzeit verbrachte Pfitze auf der Bank, in Halbzeit zwei beackerte er vorwiegend die linke Seite vor der Gegengerade. Während wir uns also alle über den modernen gläsernen Spieler freuen, über dessen Leistung wir alle Details abrufen können, sei an dieser Stelle auf eine weitere Heatmap vom Frankfurt-Spiel hingewiesen:

Hierzu möchte ich erklären, dass die Höchstgeschwindigkeit bei meinem Sprint deshalb so niedrig war, weil ich beim Halbzeitpfiff nur normal statt dringend nötig den gekachelten Bereich aufsuchen musste. Positiv möchte ich die Laufleistung hervorheben: Der Vormittag begann im „Casino Club“, von wo mein Weg zum Leopädisten-Treffen draußen vor „1895 Die Löwenschänke“ führte. Anschließend ging es in Block 8, nach Spielschluss gabs noch ein paar Wolters im „Spektrum“. Sollte meine Gesangsleistung in den letzten zehn Spielminuten nachgelassen haben, lag dies an den Frankfurter Toren zum 0:2 und 0:3 und am daraus resultierenden Stimmungskollaps in der Kurve. Ich hoffe, ich muss jetzt keine 10.000 Euro Strafe zahlen.

Nein, schön ist das nicht, wenn eine eigene Leistung mit all ihren Fehlern für jeden einsichtig ist. Der Fußball in den Ligen Eins und Zwei wird durch gläserne Akteure und einer Flut an ermittelten Daten zwar transparenter, aber nicht unbedingt humaner. Vielleicht sollte man sich einen neuen Namen überlegen, damit die Liga wieder etwas menschlicher erscheint. Den Namen Stalin-Bundesliga würde ich jedoch eher nicht empfehlen.

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