Rakete Eintracht: Volle Energie!

On 16. September 2011 by gialloblu

Heute auf den Tag genau vor vier Jahren war der BTSV eigentlich in der gleichen Situation wie heute. Am 16. September 2007 dachte ich mir: Na super, wir haben letzten Freitag einen Punkt bei den Fischbrötchen geholt. Und jetzt, am Wochenende, kommt Cottbus. Wäre doch prima, wenn wir das Spiel gewinnen.

Gut, einen kleinen Unterschied gibt es, wenn man die heutige Situation mit der von vor vier Jahren vergleicht: Damals hatten wir Freitags bei Werder II gepunktet, diesmal bei Hansa II (Das muss deren Zweite gewesen sein – niemals würde einer der laut Selbstauskunft acht beliebtesten deutschen Vereine [siehe: Über FC Hansa Rostock] so eine Rumpeltruppe auf den Platz schicken). Okay, noch ein Unterschied: Damals spielten wir in der Regionalliga Nord, heute in der Zweiten Liga. Oh, da fällt mir ein weiteres Detail auf: Damals waren wir als Neunzehnter Tabellenletzter, heute sind wir Tabellenvierter. Ach, das seh ich jetzt erst: Damals hieß unser kommender Gegner Cottbus II, diesmal wird es Energies Erste sein. Verblüfft stelle ich fest: Der BTSV schwebt inzwischen in ganz anderen Sphären als noch vor genau vier Jahren.

Damals waren wir also Neunzehnter in einer zweigeteilten, drittklassigen Regionalliga. Bedeutet, dass jeweils 18 Mannschaften aus vier Ligen – Erste und Zweite Bundesliga, Regionalligen Nord und Süd – sportlich stärker waren als der BTSV. Da waren allerdings auch ein paar Giganten der Fußballkunst dabei: FSV Oggersheim; SC Pfullendorf; SC Verl. Gegen Spitzenteams der Oberligen wie Holstein Kiel, Chemnitzer FC oder Preußen Münster hätten wir damals bestimmt auch verloren. Mit anderen Worten: Heute vor vier Jahren waren wir ungefähr die Nummer 80 in Deutschland.

Doch wo steht der BTSV heute? Vor uns stehen 16 von 18 Erstligisten: Der Letzte, der HSV, würde zur Zeit sogar gegen eine Mixed-Mannschaft der Stadtteilschule Stellingen verlieren. Der Vorletzte, Lautern, verlor zu Hause neulich 0:3 gegen die Bayern, steht also exakt auf unserem Level. Dazu kommen noch drei Zweitligisten, die in der Tabelle vor uns stehen. Fazit: Aktuell ist der BTSV ungefähr die Nummer 20 in Deutschland.

Von Platz 80 auf Platz 20 in genau vier Jahren – so manches Ranking sähe heute anders aus, hätten auch andere seit 2007 einen ähnlich kometenhaften Aufstieg erlebt. Bleiben wir zunächst beim Fußball: Rosenborg Trondheim, vor vier Jahren noch auf Platz 80 im UEFA Team Ranking für Europas Vereine, wäre bei einem ähnlichen Aufschwung inzwischen heißer Kandidat fürs Achtelfinale der Champions League. Stattdessen scheiterten die Männer aus dem kühlen Norden bereits in der Quali zur Euro League an Zyperns 96 Überraschungsvierten, obwohl sie mit Rade Prica einen ehemaligen Stürmer der achtbeliebtesten deutschen Mannschaft im Kader haben! In der aktuellen FIFA Weltrangliste der Nationalmannschaften hätte Mexiko den Platz 20 inzwischen räumen müssen für Kuba, Mosambik oder Kap Verde, die vor vier Jahren alle in den Top-80 der Weltrangliste standen. Hätte sich mal eins dieser drei Länder den phönixhaften Höhenflug des BTSV zum Vorbild genommen!

Umgekehrt kann Eintrachts Leistung der letzten vier Jahre natürlich auch ein Ansporn für diejenigen sein, die heute noch tief im finsteren Keller hocken. Den aktuell Achtzigsten im deutschen Vereinsfußball findet man rechnerisch auf den Plätzen acht der drei Regionalligen. Würde ihnen eine eintrachtmäßige Auferstehung gelingen, gäbe es im September 2015 ein wahres 80er-Jahre-Revival in Liga Zwei: Liebe Stadionregie, bitte spielt „I’ve Been Looking for Freedom“, wenn der SV Meppen unseren Rasen betritt. Oder „Cheri Cheri Lady“, wenn Hessen Kassel aufläuft. Oder, eher ein 70s-Revival, „Am Tag, als Conny Kramer starb“, falls in vier Jahren der RWE aus seiner sportlichen Gruft zurückgekehrt ist.

Doch auch in der Parallelwelt außerhalb des Fußballs hätte so manche Positionskletterei von 80 auf 20 seit 2007 für Aufsehen gesorgt: Libanon, in der Bruttoinlandsprodukt-Tabelle ehemals auf Rang 80, hätte inzwischen die Schweiz überholt. Kate Moss, 2007 laut TIME Magazine noch in den Top-80 der einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt, wäre in diesem Jahr an EZB-Chef Jean-Claude Trichet vorbeigezogen. Hildesheim stünde in der Kriminalitätsstatistik inzwischen vor Offenbach, Lennox in der Liste der beliebtesten Jungennamen vor Moritz, die Stadtwerke Köln umsatzmäßig vor der Deutschen Bahn. Und der Chinesische Schopfhund hätte, kläff-kläff, den Dalmatiner aus den Top-20 der beliebtesten Hunde in Deutschland verjagd. Wir würden diese Welt nicht wiedererkennen, wenn es in den letzten vier Jahren mehr raketengleiche Aufsteiger wie den BTSV gegeben hätte!

Doch wie bei jedem Flug einer Weltraumrakete folgt auf das spektakuläre Schauspiel des Raketenstarts irgendwann die Phase, in der die Raumkapsel nur noch sanft durchs All schwebt: Vor vier Jahren glückte der Start der Rakete Eintracht vom Weltraumbahnhof Hamburger Straße mit einem 5:0-Feuerwerk gegen Cottbus II. Am kommenden Samstag wäre man sowohl in der Kommandozentrale als auch auf der Besuchertribüne schon mit einem knappen Sieg äußerst zufrieden. Und dann werden wir sehen, wohin der weitere Weg ins Unbekannte führt. Vielleicht entdecken wir am Ende ja noch eine unbekannte Galaxie, in der Hansa Rostock tatsächlich der achtbeliebteste Verein ist. Deshalb: Volle Energie!

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