Erster!

On 3. Oktober 2011 by gialloblu

Für die Vorschau auf Eintrachts heutiges Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf ermittelte die WAZ eine Gemeinsamkeit zwischen beiden Vereinen: Sie rechnete aus, dass beide Klubs zu den drei heimstärksten Mannschaften im bezahlten Fußball zählen. In den letzten 18 Heimspielen holte der BTSV 44 Punkte, der FC Bayern 45, Fortuna sogar 52 Punkte. Seit Samstag, seit Saarbrückens Auswärtsklatsche in Regensburg, bilden die gleichen drei Mannschaften nicht nur zu Hause, sondern auch in der Fremde eine Top Drei: Sie sind die Vereine, die auswärts in Pflichtspielen am längsten ungeschlagen sind: Fortuna seit dem 18. März, der BTSV seit dem 12. März, die Bayern seit dem 5. März. Man kann das Heimrecht also drehen und wenden wie man will – das Spiel der beiden anno 1895 gegründeten Vereine ist zur Zeit offensichtlich das Spitzenspiel im deutschen Fußball.

„Ja, nee, schon klar“, höre ich einige Leser jetzt laut denken. „Spitzenspiel im deutschen Fußball. Wenn Fortuna Düsseldorf zu Besuch kommt. Haha!“ Und ihr habt Recht, einige Leser: Nicht Eintracht gegen Fortuna ist ein Spitzenspiel – sondern einfach nur das Spiel, in dem die Eintracht spielt. Der Gegner ist in Wirklichkeit völlig nebensächlich, denn Braunschweig ist die Nummer eins. Tatsache – und wir können es beweisen!

Statt der letzten 18 Heimspiele hätte die WAZ aus Wolfsburg in ihrer Vorschau sich ja mal die letzten 18 Punktspiele in der Fremde ansehen können. Platz drei teilen sich in dieser Wertung Hertha BSC und Jahn Regensburg mit jeweils 34 Auswärtspunkten. Nicht zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte Zweiter, mit 35 Punkten, ist Bayer Leverkusen. Aus Platz eins, mit unübertreffbaren 37 Punkten: Eintracht Braunschweig – Erster!

Oder kurz ein Blick auf die gefährlichsten Torjäger: Wieviel Minuten braucht im Durchschnitt eine herausragende Torfabrik, bis es beim Gegner einschlägt? Nehmen wir den Torschützenkönig der WM 2006: In 312 Punktspielen in Bundesliga und Serie A schoss Miroslav Klose 124 Tore. Unter Berücksichtung von Ein- und Auswechslungen entspricht dies einem Tor etwa alle 190 Minuten. Der Torschützenkönig der WM 2010, Thomas Müller, netzt im Profibereich etwa alle 200 Minuten ein. Mario Gomez, Torschützenkönig der EM 2012, trifft durchschnittlich alle 90 Minuten – ein Wert, bei dem selbst Lionel Messi (ein Punktspieltor in 110 Minuten) neidisch aus der Wäsche guckt. Doch wer ist in dieser Wertung Erster? Nicht wundern – es ist ein Braunschweiger. Pierre Merkel traf in seiner Profikarriere (5 Minuten, 1 Tor) durchschnittlich alle 5 Minuten. Braunschweig ist erneut Erster!

„Ja, nee, schon klar“, höre ich jetzt unsere vielen Leser aus Niedersachsens Hauptstadt laut denken. „Auch unsere Stadt ist in vielen Dingen Erster.“ Ein Einwand, der berechtigt ist: So ging der Preis Bahnhof des Jahres, nachdem der örtliche Hauptbahnhof aus Steuermitteln vom Expo-Etat ordentlich aufgeräumt und aufgepimpt wurde, 2004 nach Hannover. Das Konzept von einem Bahnhof, von dem kein einziger Zug Richtung Kackstadt fährt, hatte die Jury offensichtlich überzeugt. Und Ende September gab es sogar den zweiten Titel: Hannover ist nun offiziell die Lärmhauptstadt Deutschlands. Glückwunsch!

„Lärmhauptstadt?“ höre ich mich jetzt selber fragen, „Was soll das denn sein?“. Eine kurze Recherche ergibt: Das Fraunhofer-Institut untersuchte für viele Großstädte die Lärmbelastung pro Stadtfläche, denn zu viel Lärm macht aus unauffälligen Einwohnern auf Dauer unheilbare Psychopathen. Besonders bemerkenswert an der offiziellen Karte des deutschen Lärmmeisters: Es gibt in Zentrumsnähe nur eine Oase der Ruhe, südlich von der Innenstadt. Es handelt sich um den Maschsee und den direkt westlich angrenzenden Bereich, wo eine Arena steht. Nun ist klar, weshalb der Besucherschnitt in der Arena heute viermal so hoch ist wie noch im alten Stadion vor zehn Jahren: Der Einheimische schätzt die Ruhe, die im inzwischen geschlossenen Rund herrscht, und die sich so wohltuend vom nervigen Krach im Rest der Stadt unterscheidet. Berücksichtigt man neben Straßenlärm auch die akustische Belästigung durch die ortstypische Tierwelt, ist die Arena der letzte Ruhepol, der in der ganzen Stadt noch Stille bietet:

„Ach, und wie sieht so eine Karte für Braunschweig aus?“ ahne ich jetzt viele Leser fragen. Dazu Folgendes: Das Fraunhofer-Institut erstellte Lärmkarten für 27 deutsche Städte mit mehr als 250.000 Einwohnern. Dies bedeutet, dass die Nummer 28 mit ihren 248.867 Einwohnern (sagt wikipedia), nämlich Braunschweig, Deutschlands größte Stadt ist, die nicht untersucht wurde. Erster unter den nicht untersuchten Städten! Kein Problem, da wir ebenfalls Erster in der Disziplin „Sowas kriegen wir auch selber hin“ sind. Also bretterte der Leopedia-Peilwagen mit seinen Hochleistungsmikrofonen über Braunschweigs Straßen, wobei die Mikrofone neben ein wenig Lärm vor Allem angenehme und schöne Klänge aufnahmen. Deshalb heißt die aus diesen Aufnahmen entstandene Braunschweiger Karte auch nicht Lärmkarte, sondern Soundkarte. Im Gegensatz zu den anderen 27 Großstädten liegt das Dezibel-Zentrum von Braunschweig übrigens nicht mitten auf einer Straßenkreuzung:

Damit ist Braunschweig mit Abstand Erster unter den wohlklingenden Großstädten Deutschlands! Kein Wunder, dass die Einheimischen alle so entspannt und fröhlich sind! Ein Grund mehr also für Düsseldorfer Fans, sich auf den heutigen Besuch beim Spitzenspiel in der Löwenstadt zu freuen. Siebzig Kilometer weiter westlich sind sämtliche Highlights der Hinrunde übrigens schon längst abgehakt: Bereits im August gab es das Topspiel der Bundesliga-Lärmstädte (gegen Nürnberg, 2. Spieltag) und den Oberknaller der Städte mit den ausgezeichneten Bahnhöfen (gegen Berlin, 3. Spieltag). Da hilft am Maschsee nur noch eins: Ohren zuhalten, oder das Kind-Hörgerät rausnehmen, genervt auf den Straßenverkehr starren und auf weitere Spitzenspiele im neuen Jahr hoffen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*