Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko

On 7. Oktober 2011 by gialloblu

Sicherheit geht vor!Montag Abend um halb acht, in der Nähe der Ausfahrt Hansestraße. Mit heißgefahrenen Reifen – die Autobahn von Berlin nach Braunschweig ist lang genug, um am eigenen Opel mal die Schluffen (wie der Rheinländer sagt) auf Temperatur zu bringen – steht man in der Reihe der wartenden PKW vorm Parkplatz. Vor jenem Parkplatz, der Tage zuvor allen Anreisenden aus guten Gründen dringend empfohlen wurde: Erstens gäbe es wegen des Hybrids aus Rummel und Oktoberfest keine Parkmöglichkeiten auf dem Schützenplatz, zweitens sei Großbaustelle auf der Hamburger Straße, und drittens erwartete man einen wahren Besucheransturm – das Spiel Eintracht Braunschweig gegen Fortuna Düsseldorf war fast ausverkauft. Fahrt alle zu diesem Parkplatz, von wo euch ein Shuttlebus ruckzuck zum Stadion bringt!

Nun spielten sich vor diesem Parkplatz jedoch merkwürdige Szenen ab: Der Fahrer des vordersten Wagen öffnete sein Seitenfenster, wechselte ein paar Worte mit einem der vielen Polizisten, wendete und fuhr davon. Die nächsten Autos, das gleiche Bild: kurzes Gespräch, Wendemanöver, Abfahrt. Gespannt ließ ich die Scheibe runter und erfuhr, dass der Parkplatz ausschließlich für Fortunen-Fans reserviert sei: „Ja, das stand falsch in der Zeitung. Dies ist nämlich ein Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko. Deshalb dürfen Braunschweiger und Düsseldorfer nicht den gleichen Parkplatz benutzen. Nur so können wir verhindern, dass rivalisierende Fans im gleichen Shuttlebus zum Stadion fahren“, erfuhr ich. „Viel Glück noch bei der Parkplatzsuche!“

Au weia, dachte ich, plötzlich voller Sorge. Es ist viel zu gefährlich, Braunschweiger und Düsseldorfer im gleichen Bus anreisen zu lassen, denn es ist ein Risikospiel. Hätte ich meine acht Kollegen vom Fanclub Berliner Löwen doch heute Morgen noch gewarnt! Bevor sie Nachmittags in den Reisebus stiegen, der sie gemeinsam mit gut dreißig Fortunen vom Fanclub Havelpralinen von Berlin-Alexanderplatz zur Hamburger Straße brachte!

Die Havelpralinen kennen wir seit 2009, als wir erstmals bei Siege statt Hiebe, dem Kickerturnier für Fanclubs in Berlin, teilnahmen. Im selben Jahr, beim legendären 5:5 im Eintracht-Stadion, gabs am Sonntag Morgen eine verabredete Anreise per Regionalbahn zusammen mit den Fortuna-Fans von der Spreeelite. Rückblickend stelle ich fest, dass wir die Gefahrenlage damals unterschätzt haben müssen, denn zu unserer Sicherheit wurden wir sofort bei der Ankunft in Braunschweig polizeilich voneinander getrennt.

Zurück zum Montag Abend, inzwischen ist es viertel vor acht. Während unser Auto die über hundert Meter lange Reihe der hinter der Haupttribüne abgestellten Polizeifahrzeuge passiert, muss ich an die bedrohlichen Risiken denken, denen unsere blau-gelben Abenteurer am Nachmittag im Bus der Havelpralinen ausgesetzt waren: Dem Risiko, Killepitsch oder Altbier vom Fass trinken zu müssen. Der Gefahr, mit Gruselmucke beschallt zu werden: Entweder mit Karnevalsliedern, oder mit Songs einer inzwischen schwer zu ertragenden ehemaligen Punkband, deren Titelsong der ersten LP von einem Opel und von Schluffen handelte. Ich machte mir ernsthaft Sorgen.

Dabei spielte die Sicherheit der Braunschweiger Busreisenden im Vorfeld durchaus eine große Rolle. Unser Fanclub-Präsi, als Offizier in einer Sanitätsstaffel und als Afghanistan-Veteran eigentlich durch nichts zu erschüttern, verbrachte die Woche vor dem Spiel fast nur noch am Telefon: Abwechselnd waren Fanprojekt, Sicherheitsbeauftragter, SKB und der Einsatzabschnittsleiter Verkehr am anderen Ende der Leitung. Genaue Pläne wurden entworfen, wann von wo bis wo eine Motorradeskorte der Polizei den Bus begleitet, wann und wo die Blau-Gelben aus- und wieder einsteigen dürfen. Bis zuletzt gab es immer wieder Änderungen dieser Pläne.

Wie ich erst Tage später erfuhr, legte der Bus auf der Rückfahrt, ohne sicheres Geleit durch die Polizei, einen völlig ungeschützten Verpflegungsstopp an einem Autohof neben der A2 ein. Wie riskant ist das denn? Bei anderen Spielen mit erhöhtem Sicherheitsrisiko werden Fans ausdrücklich davor gewarnt, in kleineren Gruppen Raststätten und -plätze aufzusuchen. Ich will gar nicht daran denken, was hätte passieren können, wenn unsere acht Braunschweiger vorm McDonalds auf gut dreißig Fortunen getroffen wären. Unterm Sternenhimmel im Jerichower Land hätten sie wohl nur noch Sterne gesehen!

Dank der zahlreichen Sicherheitsmaßnahmen gab es bis zum Ende der Fahrt nur einen einzigen Braunschweiger Leichtverletzten zu beklagen. Es passierte kurz vor der nächtlichen Ankunft am Alexanderplatz: Er stand im Mittelgang des Busses, war im Gespräch mit ein paar Düsseldorfern vertieft, als ein überraschendes Lenkmanöver ihn kopfüber die Treppe runterschickte. Zum Glück ist ihm außer einer angeknacksten Rippe nichts passiert. Doch diese Situation bewies: Bei Risikospielen kann man sich nicht nur auf die vielen, vielen Hundertschaften der Polizei verlassen. Um für alle Risiken einer Fußballreise gewappnet zu sein, sollte man zusätzlich auch einen Sanitäts-Offizier mit Erfahrung im Auslandseinsatz an Bord haben. Dadurch steigen die Chancen, dass man im Ernstfall medizinisch optimal erstversorgt wird, also mit Jägermeister statt mit Killepitsch. Nur so fühlt man sich wirklich sicher, wenn man in Zukunft mal wieder unterwegs zu einem Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko ist!

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