Intertoto-Cup

On 30. Oktober 2011 by gialloblu

Das Jahr, das man jetzt auch an der Leine feiert.Letzten Sonntag schien die Fußballwelt zwischen Oker und Leine irgendwie aus der Balance geraten: In Braunschweig lief’s zuletzt sportlich nicht so rund, doch an der Leine lief’s richtig gut. Wir verloren am Samstag gegen Dresden, doch die gewannen am Sonntag gegen die Bayern. Wir hatten als nächsten Termin ein einseitiges Friendly gegen den MTV Gifhorn am Dienstag, und die durften sich auf ein spannendes Pokalspiel gegen den FSV Mainz am Mittwoch freuen. Mithalten konnten wir nur in der Disziplin „Torschütze mit dem wildesten Namen“: In Gifhorn traf Kanadas Ghanaer Randy Edwini-Bonso für die Eintracht, in Hannover traf vorletzten Donnerstag Kopenhagens Senegalese Dame N’Doye.

Ach ja, am internationalen Geschäft nehmen die ja auch noch teil. Unser Nachbar von der Leine spielt nämlich in der Europa… Europe… European… also in diesem Wettbewerb, in dem auch der aktuell Sechste aus der Ukraine, der Siebte aus Rumänien und der Achte aus Zypern mitmachen dürfen. Die Gegner in diesem Wettbewerb kommen aus Lüttich, Kopenhagen und Poltawa(?). Zur Erinnerung: Als der BTSV einst jedes Jahr in Vierergruppen gegen Gegner aus kleinwüchsigen Nachbarstaaten oder aus dünn besiedelten Provinzen im Ostblock spielte, nannte man sowas Intertoto-Cup. Die Spiele fanden in der Sommerpause oft auf Dörfern vor wenigen hundert Zuschauern statt, und der Gewinner jeder Gruppe durfte sich anschließend Cupsieger nennen. Ein Wettbewerb, ungefähr so prestigeträchtig wie in der Winterpause der Toto-Lotto-Cup in der Turnhalle von Alfeld.

Nun sieht man diesen Sachverhalt auf der Nordtribüne am Maschsee jedoch komplett anders: Beim Heimspiel gegen Kopenhagen hing dort ein Banner mit der stolzen Aufschrift „Intertotocupsieger 1967 – 1972 – 1973„.  Vielleicht ein Hinweis, dass der kleine Europacup inzwischen ähnlich bedeutungslos ist wie der (längst abgeschaffte) Intertoto-Cup? Oder redet man sich an der Leine neuerdings ein, dass man international eine erfolgreiche Geschichte hat? Würde übrigens jemand auf die bekloppte Idee kommen, ein ähnliches Banner beim BTSV zu fertigen, stünde dort: „Intertotocupsieger 1968 – 1970 – 1971 – 1972 – 1975 – 1978 – 1979“. Eine Fahne mit dieser Aufschrift wäre  breit genug, um einen kompletten Block der Südkurve entlang der hinteren Fensterfront zu verhängen.

Dass man an der Leine so stolz auf Erfolge im Intertoto-Cup ist, kann aber auch einen anderen Grund haben: Vielleicht gibt es in der heutigen Fanszene am Maschsee einfach niemanden mehr, der sich noch an den Graupenwettbewerb Intertoto-Cup erinnern kann – ist ja auch schon viel zu lange her, seit Hannoi im Jahre 1989 zum letzten Mal daran teilnahm. Der überwiegende Teil der 96er-Fans entdeckte seine „Alte Liebe“ zum Verein nämlich erst viel später: Begrüßte man zum Beispiel vor zehn Jahren in der Zweiten Liga noch durchschnittlich 10.881 Zuschauer pro Heimspiel am Maschsee, sind es aktuell 44.823. Fast 35.000 Stammkunden hatten also erst im letzten Jahrzehnt ihre rote Erweckung.

Vielleicht kam diese Erweckung beim Sommermärchen 2006, als auf der Fan-Meile schwarz-rot-goldene Blümchenkettenträger auf die Idee kamen, zukünftig am Wochenende schwarz-weiß-grün zu tragen. Möglicherweise im Herbst 2009, als Einheimische zwischen Teelichtern und Teddybären ihre emotionale Bindung zum örtlichen Verein entdeckten. Vielleicht in diesem Jahr, seitdem die großflächig vergünstigte Ticket-Vergabe an die von Wolfsburg erinnert: „Möchten Sie das Event Bundesliga erleben? Abonnenten des Göttinger Tageblatts kriegen 10% Rabatt auf H96-Tickets!“ Möglicherweise glauben viele der zuletzt gewonnenen Fans, dass das Gründungsjahr 96 im Vereinsnamen in Wirklichkeit für 1996 steht. Fest stehen dürfte, dass keiner der hier Aufgezählten auch nur ansatzweise Erinnerungen an den Intertoto-Cup hat.

Doch stopp, warum immer so negativ? Vereinspräsident Martin Kind würde ganz andere Worte wählen: Dem Verein ist es in den letzten Jahren gelungen „die Marke 96 national zu entwickeln“. Neue Konsumentenschichten wurden angelockt, die brav im offiziellen Fanshop einkaufen, die beim Freistoß für die eigene Mannschaft rhythmisch klatschen, bei Führung La Ola machen, die notfalls auch mit TUI-Schaumstoffhänden winken oder mit AWD-Klatschpappen Lärm machen würden. Bei der Kundenakquise war der Verein zuletzt dermaßen erfolgreich, dass neuerdings sogar Europacupspiele gegen Kopenhagen oder Paltowa(?) ausverkauft sind.

Nun, da die Hütte erwiesenermaßen gegen jeden Gegner gefüllt werden kann, scheint der Verein zunehmend bestimmen zu wollen, wer in Zukunft rein in die Arena darf und wer draußen bleiben muss. Schwer zu kontrollierende Gruppen wie die eigenen Ultras scheinen neuerdings nicht mehr erwünscht zu sein. Erst gab es beim Bayern-Spiel jenen merkwürdigen Polizeieinsatz (Zum Vergrößern das kicker-Foto anklicken: Sehen diese Zuschauer eher aus wie a) gewaltbereite Pyromanen, an die sich kein Ordner vor der AWD-Arena rantraut, oder b) ein braver Deutsch-Grundkurs beim Theaterbesuch?). Im Artikel zum Foto drohte Präsident Kind gleich mal mit einer Anhebung der Eintrittspreise im Ultra-Block, wenn dort in Zukunft Pyrotechnik abgebrannt wird. Der Verein kann sich seine Kundschaft inzwischen nämlich aussuchen!

So erschließt sich am Ende dann doch die Bedeutung des Banners „Intertotocupsieger 1967 – 1972 – 1973“: Damals bedeutete dies Fußball auf den Dörfern, vor wenigen hundert Zuschauern. Sollte ein Einzelticket für die Nordtribüne demnächst, wie auf der Südtribüne, 30€ (minus 10% Rabatt für Auswärtige) statt 13€ kosten, gäb’s für jüngere Fans in Zukunft wohl nur noch eine Alternative: Mit der Zweiten über die Dörfer ziehen, vor wenigen hundert Zuschauern. Sozusagen Intertoto-Cup von August bis Mai. Pauli Zwo statt Poltiwo(?)!

Deshalb stelle ich am Ende mit ruhigem Gewissen fest, dass es für Blau-Gelbe absolut keinen Grund gibt, auf den großen roten Nachbarn neidisch zu sein. Jeder Sieg der Roten bringt am Maschsee die moderne, neue Welt des Fußballs einen kleinen Schritt näher. So kann ich auch mit Eintrachts Niederlagen in Paderborn und gegen Dresden, eigentlich auch morgen mit einer Niederlage in Fürth halbwegs gut leben: Denn als Fußballfan kann man heutzutage viel, viel mehr verlieren als nur ein Spiel!

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