Kiew

On 13. November 2011 by gialloblu

Vorgestern, am 11.11.11, gabs im Olympiastadion von Kiew ein Spiel zwischen Gelb-Blau und Weiß. Das Spiel endete – was kaum jemand den Gelben vorher zugetraut hätte – unentschieden. Man könnte sagen: Geschichte hat sich wiederholt, denn vor langer langer Zeit, 66 Tage nach dem 7.7.77, machte sich eine andere gelb-blaue Mannschaft auf die Reise, um im Olympiastadion von Kiew ebenfalls gegen ein Team in weiß ein Unentschieden zu erkämpfen. Die Rede ist in diesem Fall nicht von Ukraine gegen Deutschland, sondern vom UEFA-Cup-Spiel zwischen der damaligen Übermannschaft der Sowjetunion, Dinamo Kiew, und der Übermannschaft für jeden Eintracht-Fan, dem BTSV.

Mancher mag sich jetzt fragen: Damals lag Kiew doch noch in der Sowjetunion, heutzutage aber in der Ukraine – Kann mir das jemand mal leicht verständlich erklären? Kein Problem für die Leopedia, der Spezialistin der blau-gelben Geschichtsverdrehung!

Also: Mitte der Siebziger Jahre war die Sowjetunion eine Weltmacht, die von Sibirien bis kurz hinter Helmstedt reichte. Dinamo Kiew hatte die besten Fußballer dieses Riesenreichs und galt als unbezwingbar. Doch dann kam die kleine, tapfere Eintracht zu Besuch: In gelben Trikots und blauen Hosen, mit dem Jägermeister-Logo auf der Brust. Wolfgang Frank – der dieses Spiel später als das größte seiner Karriere bezeichnete (5. Artikel von unten) – erzielte in Kiew diesen Treffer, durch den der Eintracht im Rückspiel ein 0:0 zum Weiterkommen reichte. Der Bär war erlegt, der Mythos der Unbesiegbarkeit war gebrochen, unterdrückte Völker wagten sich nun zu erheben. Erst Dinamos Ausscheiden gegen den BTSV, dann der Rückzug der Roten Armee aus Afghanistan – damit war die Sowjetunion politisch erledigt und zerlegte sich in lauter Teilstaaten.

Einer dieser Teilstaaten ist die Ukraine. Dort erinnerte man sich voller Dankbarkeit an die Eintracht, mit deren Husarenstreich im September 1977 der lange Weg zur Unabhängigkeit begann. Also wählte die Ukraine die Farben des BTSV, Blau-Gelb, als neue Nationalfarben. Nach dem Wahlbetrug von 2004 erinnerte man sich ans Jägermeister-Logo auf dem Trikot, also gab man der dann folgenden Revolution jene Farbe, die weltweit den Kräuterlikör symbolisiert: Es war die Orangene Revolution. Zusammenfassend kann man sagen: Was die Solidarnosc für Polen, war die Eintracht für die Ukraine.

Diese Entwicklung ahnte der sowjetische Geheimdienst schon vor Jahrzehnten und ließ sämtliches Filmmaterial von den beiden Spielen in Kiew und in Braunschweig in geheimen Staatsarchiven verschwinden. Oder – um an dieser Stelle nun die blau-gelbe Geschichtsverdrehung zu beenden – es endete beim NDR in der Mülltonne und wurde zur Entsorgung in den Ostblock geschickt. Vor einem Jahr tauchte über einen ukrainischen youtube-User ein 3-Minuten-Clip vom Rückspiel im Eintracht-Stadion auf: Szenen mit deutschem Originalkommentar, noch mit eingeblendeter Uhr für den Cutter, also kein Mitschnitt, der so im Fernsehen gesendet wurde. In Fankreisen ist dieses Video inzwischen relativ bekannt und wurde über 7.000mal angeklickt.

Vorletzte Woche entschloss sich ein anderer youtube-User aus der Ukraine, zwei weitere Videos vom Spiel Eintracht gegen Kiew hochzuladen, aus denen der eben erwähnte 3-Minuten-Clip zusammengestellt wurde. Jeweils ein Video pro Halbzeit, jeweils über eine Viertelstunde, insgesamt also eine halbe Stunde. Vermutlich ist das mehr Material, als im deutschen Fernsehen vom Spiel Eintracht – Dinamo je zu sehen war: Das Spiel wurde damals nicht live übertragen, sondern erst spät abends in einer Zusammenfassung gezeigt, die pro Spiel üblicherweise 20 Minuten lang war. Diese zwei Videos sind – ohne Übertreibung – das mit Abstand Informativste, Beste und Umfangreichste, was ich als Film im Internet über Eintracht Braunschweig aus den 70ern je gesehen habe. Man kriegt einen ausführlichen Eindruck von der damaligen Taktik unter Trainer Zebec. Auch die Frage, ob damals der Support im Eintracht-Stadion besser war als heute, kann nach Ansicht der Videos wohl endgültig beantwortet werden.

Diese beiden Videos sind in Deutschland übrigens noch völlig unbekannt, denn man findet sie nur, wenn man Eintracht Braunschweig auf kyrillisch (Айнтрахт Брауншвейг) als Suchbegriff bei youtube eingibt. Bisher wurden beide Teile erst 20 Mal angeklickt. Erst 20 Mal?! Eigentlich enttäuschend, wie selten sich unsere blau-gelben Freunde an der kyrillischen Tastatur dieses kleine Highlight aus Eintrachts Vereinsgeschichte angesehen haben. So wenig Dankbarkeit – nachdem wir doch soooo viel für die Unabhängigkeit ihres Landes getan haben…

BTSV – Dinamo Kiew, 1. Halbzeit (15 Minuten)

BTSV – Dinamo Kiew, 2. Halbzeit (14 Minuten)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*