Catwalk für Löwen-Fans

On 26. November 2011 by gialloblu

Schon kurios: Jedes der letzten drei Spiele von Union Berlin wurde verspätet angepfiffen. Der Grund: Gästefans hätten aufgrund verstopfter Anfahrtwege oder gründlicher Sicherheitskontrollen den Anfang verpasst. So ging’s für Union auswärts beim BTSV und beim FC Hansa jeweils eine viertel Stunde, zu Hause gegen Fortuna Düsseldorf sogar eine halbe Stunde später los. Frage: Wie lange warten Schiedsrichter mit dem Anpfiff, wenn anreisende Eintracht-Fans noch nicht im Stadion sind, wie z.B. letzte Saison in Rostock? Antwort: nicht eine Minute. Damals stand die blau-gelbe Gemeinde noch im grünen Kessel hinter Rostocks Hauptbahnhof, als das Spitzenspiel der Dritten Liga gnadenlos pünktlich angepfiffen wurde. Bereits zehn Minuten des Spiels waren damals vergangen, als die Shuttlebusse mit den Braunschweiger Fans hinterm Gästeblock angerollt kamen. Eigentlich ungerecht, oder? Auf andere wartet man, auf uns nicht!

Vielleicht gibt es einen einfachen Grund, warum kein Schiedsrichter auf verspätete Braunschweiger Fans wartet: Viele Eintracht-Fans legen nämlich selber keinen Wert darauf, rechtzeitig auf ihrem Platz zu sein. Das war schon ein merkwürdiger Anblick beim Anpfiff unseres letzten Heimspiels gegen Union: Die Gästefans – für die der Anpfiff ja extra verschoben wurde – hatten schon längst ihren Block gefüllt. Nur auf Eintrachts ausverkaufter Haupttribüne waren noch merkwürdig viele Plätze frei. Es dauerte lange, bis jeder Popo seine Sitzschale gefunden hatte. Sehr früh vor Halbzeit- und Schlusspfiff begannen sich die gleichen Plätze wieder zu leeren. Warum bloß? Interessieren sich viele Tribünenbesucher neuerdings nicht mehr für das Spiel unserer Eintracht?

Der Grund für spätes Erscheinen und frühe Aufbrüche scheint ein ganz einfacher zu sein: Seit Beginn der Umbauarbeiten führt der Zugang zu den Sitzen der Haupttribüne über die Tartanbahn zur Mitte der Tribüne. Über die Tartanbahn! Dort ist man endlich mal richtig nah am Spielgeschehen. Man hört, was die Spieler sich zurufen. Man kann einem der Trainer mit ausgestreckter Hand durch die Haare wuscheln. Man kann den Ersatzspielern auf der Bank in die gelangweilten Augen schauen. Man kann dem Schiri-Assistenten die Abseitsregel erklären. Man kann schnell noch ein paar Handyfotos schießen. Man kann den Rollstuhlfahrern in der vordersten Reihe die Sicht versperren. Was für ein Spaß! Deshalb gingen gegen Union viele Tribünenhocker gaaanz langsam über die Tartanbahn zum Platz, obwohl das Spiel schon längst lief. Auf ihrem Platz blieben sie dann vielleicht eine halbe Stunde lang sitzen, bevor sie zehn Minuten vor Halbzeit- oder Schlusspfiff gaaanz langsam die Tribüne über die Tartanbahn wieder verließen. Sehen und gesehen werden! Der neue Catwalk für Löwen-Fans!

Da spielt es dann keine Rolle, dass die blau-gelbe Völkerwanderung Richtung Ausgang in den Schlussminuten – als der BTSV gegen Union auf den Ausgleich drängte – vielleicht ein wenig demotivierend auf die Spieler wirkte. Genau genommen war dieses Verhalten aber auch nicht viel blöder als die zeitgleichen „Wir wolln euch kämpfen sehn!“-Gesänge aus Block 9. Zumindest war es ein denkwürdiger Anblick, wie sich bei Eintrachts Freistoß in der Nachspielzeit hunderte Fans hinter den Absperrgittern auf der Tartanbahn drängten und sich gegenseitig die Sicht nahmen.

Offensichtlich ist der Vereinsführung nicht entgangen, dass sich viele blau-gelbe Tribünengäste gegen Union unnötig lange auf dem Catwalk präsentierten. Kein Wunder also, dass seit gestern auf eintracht.com zu lesen ist, dass morgen während des Spiels gegen Bochum ein Aufenthalt im Bereich der Tartanbahn nicht gestattet ist. Deshalb folgt an dieser Stelle nun ein kleiner Ratgeber, zu welchen Spielminuten der Tribünenbesucher erfahrungsgemäß unbedingt auf seinem Platz sein sollte, und zu welchen Phasen des Spiels er gemütlich über den rotbraunen Laufsteg schlendern kann. Grundlage für diese Empfehlung sind die letzten zehn Pflichtspiele, die der BTSV im Eintracht-Stadion austrug.

In neun der letzten zehn Heimspiele (Ausnahme: St.Pauli) fiel das erste Tor zwischen der 3. und der 18. Minute. In sieben dieser neun Spiele (gegen Heidenheim, 1860, Bayern, Frankfurt, Cottbus, Dresden, Union) ging das Team, das dieses erste Tor erzielte, am Ende als Sieger vom Platz. Nur falls das erste Tor in der 7. Minute fiel (gegen Aue und Düsseldorf), endete das Spiel unentschieden. Eine weitere Auffälligkeit ist, dass in den zehn Heimspielen zwischen der 76. und 85. Minute ebenfalls viele Tore (insgesamt sieben) fielen.

Deshalb folgende Empfehlung an den morgigen Tribünenbesucher: Kurz nach dem Eintracht-Gong um 13:22 Uhr die Tartanbahn betreten; zehn Minuten lang über den Catwalk schlendern und um 13:32 (3. Spielminute) den Sitzplatz einnehmen; eine viertel Stunde lang sitzen bleiben (bis 13:47, 18. Spielminute) und das Spiel beobachten; zwischendurch „TOR!“ brüllen oder „Mannmannmann dooh!“ brummeln; aufstehen, ganz langsam über den Catwalk zurück Richtung Ausgang gehen (bis 13:57, 28. Spielminute), dabei in die Kamera winken; zu Hause bei Mutti anrufen und ihr schonmal erzählen, wie das Spiel ausgehen wird; ein Wolters trinken; Becherpfand einlösen; die Hände waschen, weil man gleich etwas essen will; bei der Gelegenheit schnell mal Pipi machen und anschließend erneut die Hände waschen; eine Bratwurst essen; zwischendurch, während der Halbzeitpause, den zahlreich in der Nähe stehenden Eintracht-Fans verraten, wie das Spiel ausgehen wird; weil’s so kalt ist nach Ende der Pause einen Glühwein trinken; nochmal Mutti anrufen und Bescheid sagen, dass sie pünktlich um viertel nach drei Kaffee aufsetzen und die Adventskerze anzünden soll; erneut Becherpfand kassieren, nochmal Pipi gehen; sich ab 14:50 (66. Spielminute) wieder auf dem Catwalk präsentieren; um 15:00 (76. Spielminute) für weitere zehn Minuten den Platz einnehmen (bis 15:10); das Spiel anschauen; zwischendurch möglicherweise „TOR!“ brüllen oder „Mannmannmann dooh!“ brummeln; fünf Minuten vor Beginn der Nachspielzeit aufstehen und zum letzten Mal für heute den Laufsteg abschreiten, bevor die stehenden Freistoßgucker den Durchgang versperren; mit der ersten Straßenbahn nach Hause fahren.

Doch Achtung: Sämtliche angegebene Zeiten können sich um eine viertel Stunde verschieben – falls die Bochumer Gästefans morgen nicht rechtzeitig das Stadion erreichen!

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