2012 wird super!

On 2. Januar 2012 by gialloblu

Gestern, gleich nach dem Frühstück, also bei Einbruch der Dunkelheit, gingen mein Hund und ich mal kurz vor die Tür. Was erblickten wir? Scherben von kaputten Sektpullen; feuchte Pappreste von Böller-Stalinorgeln; ein halb aus der Verankerung gesprengtes Parkverbotsschild. Und ich erinnerte mich: Es ist der erste Januar, es ist ein neues Jahr! Was bedeutet dieses neue Jahr eigentlich für den gelangweilten Durchschnittsbürger? Für ihn bedeutet es, dass vieles schlechter wird: der Strompreis geht rauf, der Mindestzins bei Lebensversicherungen geht runter, das Renteneintrittsalter geht rauf und im Fernsehen geht Ailton ins Jungelcamp. Doch was bedeutet ein neues Jahr für uns Eintracht-Fans? Dasselbe, wie schon vor einem Jahr: Das neue Jahr wird noch besser als das alte Jahr. Hurra, willkommen im Jahr 2012!

Viele Blau-Gelbe mag dieser Optimismus stutzig machen, denn 2011 erlebten wir das beste Jahr seit Jahrzehnten: Zuerst gewannen wir die Meisterschaft in Liga drei mit neuem Tor- und Punktrekord, danach verbrachten wir die gesamte Hinrunde der zweiten Liga in der oberen Tabellenhälfte. Erst gewannen wir die Bürgerbefragung zur Stadionmodernisierung, danach begannen die Umbauarbeiten. Was kann 2012 für den Eintracht-Fan überhaupt noch besser werden?

Die Antwort auf diese Frage findet man in jenem Land, dessen Bewohner in den letzten Jahren so viele Innovationen entwickelten, die unser tägliches Leben erträglicher und einfacher machen: Erst erfanden sie das Binge Drinking; dann brachten sie der Welt bei, wie man mit etwas Panade, einem Marsriegel und einer Fritteuse eine warme Mahlzeit zubereitet; in spanischen Ferienanlagen lehren sie uns im Sommer, dass eine Arschbombe vom eigenen Balkon der kürzeste Weg in den Swimmingpool ist; und in ihrem Heimatland, in Großbritannien, hat sich 2011 eine Neuerung etabliert, die 2012 hoffentlich flächendeckende Nachahmung in Deutschland finden wird: Wer beim Thema Fußball dem Internet- oder Fernsehnutzer deutlich machen will, dass etwas unerhört Skandalöses passiert ist, muss Bilder verpixeln!

Einen ersten Gehversuch in der fußballbezogenen Verpixelung in Deutschland erlebten wir im August 2011, nach Eintrachts Pokalspiel gegen den FC Bayern: Der Ringkampf zwischen Thilo und dem eifrigen Ordner an der Torlinie wurde in vielen Medien mit einem Foto gewürdigt. Bei bild.de waren die Gesichter beider Kontrahenten zunächst unverpixelt, einen Tag später jedoch verpixelt. Bei spiegel.de sind beide unverpixelt, in der Fotostrecke von newsclick.de ist lediglich Thilos Gesicht verpixelt. Was wäre wohl losgewesen, wenn ein newsclick-lesender Eintracht-Fan beim Anblick des Fotos den jungen Mann mit der Bernd Franke-Fahne identifiziert hätte? Das hätte bestimmt schlimmen Ärger gegeben!

Um in Sachen Verpixelung nun endlich eine einheitliche, klare Linie einzuführen, sollten deutsche Medien sich eine Scheibe bei den Engländern abschneiden – und die besagt, dass im Zweifelsfall verpixelt wird. Nehmen wir als Beispiel Liverpools Stinkefinger Luis Sanchez. Kicker.de zeigte am Freitag in der Spieltagsvorschau für die Premier League diese unverpixelte Wahrheit. Pfui, sowas will die schweigende Mehrheit nicht sehen! Selbst wenn der kicker mit Suarez‘ Foto vielleicht nur daran erinnern wollte, dass es noch genau ein Tag bis Silvester ist. Ästhetisch viel gelungener, gleichzeitig geheimnisvoll und rätselhaft, ist diese Variante auf der Webseite der BBC. Bravo!

Auch dieser Stinkefinger, präsentiert von Karim Bellarabi nach Eintrachts Heimspiel gegen Heidenheim, blieb in deutschen Medien skandalöserweise unverpixelt. Dieses war längst nicht das einzige unschöne Bild, das sich 2011 im Pressekonferenzraum des Eintracht-Stadions bot. Auch ein Trainer kann Samstags optisch ein wenig neben der Spur sein. Zum Beispiel, wenn es – wie böse Menschen munkeln – in Wollitz‘ Heimat, in Kuhstall-Country, immer erst am Sonntag einen frischen Trog voll Wasser für die Haar- und Bartpflege gibt. Man muss ja auch nicht erwarten, dass jeder Mensch jederzeit perfekt aussieht! Dennoch können wir im Fall Wollitz erneut von den Engländern lernen: Bei Sky News werden gelegentlich – zum Beispiel wenn John Terry einen schwarzen Gegenspieler beleidigt oder Wayne Rooney vor der Kamera am Spielfeldrand flucht – Gesichter zwischen Nase und Kinn verpixelt. So hätte Cottbus‘ damaliger Trainer beim Erklären der Niederlage beim BTSV auf Sky News aussehen können. Sein Barbier und sein Frisör wären möglicherweise dankbar gewesen.

Spontan fallen viele weitere Bilder des abgelaufenen Jahres ein, in denen jeder vernünftige Blau-Gelbe den hemmungslosen Einsatz von Verpixelung begrüßt hätte. Sei es in der Tabelle bei den Namen der siebzehn unwichtigen Vereine, die doch nur als Statisten das Teilnehmerfeld auffüllen. Sei es bei solchen Bildern gegnerischer Sportfreunde, bei deren ungeschützten Anblick aus normalen Menschen Vegetarier werden können. Sei es, was 2011 zum Glück nur selten vorkam, beim Anblick eines Horror-Spielstands auf der Anzeigentafel. Sei es beim Anblick bestialischer Finger- und Zungenspiele, mit denen ein paar Kilometer östlich von Braunschweig Spieler feiern, dass sie nicht schon vor der Halbzeitpause ausgewechselt, suspendiert und mit Medizinball unterm Arm zum Straftraining geprügelt wurden.

Aus all diesen Gründen stellen wir zusammenfassend fest, dass 2012 noch besser wird als das alte Jahr. Denn wenn uns irgendwas im neuen Jahr nicht gefallen sollte – dann pixeln wir es ab sofort einfach weg!

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