Repräsentative Umfrage

On 15. Januar 2012 by gialloblu

Juten Tach, ick bin der Leopold. Meen Nachbar nennt mich imma Leop-Old, und dit hier is de Leop-Edia, und hier soll ick ma erzähln, wie ick neulich am Telefon zu Ballerei und Böllerei beim Fußball befragt wurde. Dit mitte Technik hier is ooch keen Problem, denn meen Nachbar hat mir dit allet erklärt: Compjuta, kleenet Mikrofon, Sprach’akennung. Leop-Old, dit schaffste, hatt’a zu mir jesagt.

So unjefähr vor nem Monat, und dit is ooch der Grund wieso ausjerechnet icke euch wat zum Thema Böllerei erzähl, klingelte bei mir nämlich et Telefon. Zuerst dacht ick: Dit wird meen Nachbar sein. Dem seine Lieblingsmannschaft, Eintracht Braunschweig, war inne letzte Zeit für ihre Vahältnisse relativ erfolgreich und is im Somma inne zweete Lija uffjestiejen. Zweete Lija Gruppe Nord müsste dit sein wenn ick nich irre. Und nach jedem Punktspiel inne zweete Lija ruft’a mir an und erzählt, wie seine Braunschweija soeben jejen Düsseldorf, Union, Wacker 04 oda weeß der Kuckuck wen jespielt ham. Ick also ran ans klingelnde Telefon – doch da war jar nich meen Nachbar anne Leitung, sondern ick hörte ne mir unbekannte weibliche Stimme!

Da stellte sich de Dame erstmal janz brav vor: Anne sei ihr Name, sie wär vonne Firma sowieso, und sie würden ne repräsentative Umfraje machen, und ob ick ma eene Minute Zeit für sie hätte. Na, da stockte mir ers’ma kurz der Atem, denn de Anne hörte sich sehr jung an – die Kleene war bestimmt noch keene vierzig! „Na klar, ha‘ ick für Sie Zeit, Anne“, sa‘ ick. Da fragt se mir als erstet, ob ick mir für Fußball int’ressier. „Ja wat mein‘ Se wohl“, sa‘ ick zu ihr. „Frü’a, als ick noch jünga war, bin ick imma zu ‚e Heimspiele von Tasmania hinne, zum Stadion inne Oderstraße, gleich hinterm Flughafen Tempelhof.“ Dann erzählt‘ ick ihr kurz de Jeschichte, wieso der Flughafen inzwischen jeschlossen is, wat sich da auffem Jelände inzwischen für ’nen asozjalet Jesindel tummelt, wie ick in Tempelhof und Neukölln jahrelang Droschke jefahrn bin, dass de Tasmania aus Neukölln vor fuffzich Jahrn de Numma eins in Berlin war, wie de Hertha sich damals de Lizenz für de Bundeslija uff Kosten von Tasmania ergaunerte und dass der damalije Bundestrainer Herberjer als Ex-TeBeler aus Prinzip nie nen Tasmanen zur Natjonalelf berufen hätte. Als ick ihr wenig späta alle Namen vonne Helden von Bern uffzählte, untabrach mich Anne: „Gut, Sie interessieren sich also für Fußball. Meine nächste Frage: ‚Das Abbrennen von Pyrotechnik (z.B. Bengalische Feuer) in deutschen Stadien ist derzeit verboten. Ist dieses Verbot richtig?'“

Als ick dit hörte fiel ma fast ‚a Hörer ausse Hand. „Wat is dit denn für ne bescheuate Fraje!?“ Da wollt ick von Anne doch gleich ma wissen, wat se sonst imma so für Frajen stellt, wenn se da von ihr’m Büro aus de Leute anruft: „Jestern villeicht ‚Dit Abbrennen von Autos in Berlin is vaboten. Is dit Vabot richtig?‘ Und morjen villeicht ‚Dit Anzünden von Kindawajen im Hauseinjang is vaboten. Is dit Vabot richtig?‘ Kieken Se ma inne Zeitung, Anne. Jeden Tach brenn‘ irjendwelche Bekloppte irjendwat ab. Die jehörn alle inne Anstalt. Wer kommt denn jetze uffe bekloppte Idee, dass bloß weil et viele machen, man gleich ‚et janze Jesetz abschaffen soll?!“

„Ähm, ich bin mir nicht ganz sicher, ob Sie die Frage richtig verstanden haben“, antwortete Anne. „Soll das Abbrennen von Pyrotechnik in deutschen Stadien verboten bleiben?“ – „Ick hab Se hunnatprozentig vastanden, junge Frau“, sa‘ ick. „Ick kenn diese vamummten Typen, die im Stadion Knalla schmeißen und Rauch machen. Ick hab se doch alle im Fernsehn jesehn. Wenn Se mich frajen sind ‚et exakt de gleichen Typen, die ooch nachts im U-Bahnhof de Leute zusammenschlajen und am ersten Mai Steine inne Fensta schmeißen. Statt im Leben wat zu leisten wolln se imma nur allet kaputt machen. Ick versteh sowat nich. Und ick sach Ihn‘ wat: Frü’a, als Tasmania noch inne Bundeslija spielte, da hats nur een eenz’jet mal Fußball und Pyrotechnik am selben Tach jejeben: Dit war, als Tasmania im Olympiastadion jejen Eintracht Braunschweig spielte. Dit Spiel war nämlich Nammittags an Silvester, und nachts um zwölwe sind wa dann runta uffe Straße und ham jeknallt. Da kam damals aba keen Mensch uffe bekloppte Idee im Stadion wat mit Pyrotechnik zu machen. Und Ultras jab et damals ooch noch keene. Da warn villeicht zweetausend Männekes im Olympiastadion und keena hat irgendwat jesungen, jetrommelt oda abjebrannt.“

„Zum Abschluss hätte ich noch eine Frage“, sagte Anne dann. „Stimmen Sie der folgenden Aussage zu? Das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion ist gefährlich, schadet dem Fußball und sollte daher hart bestraft werden.“ – „Ja, absolut. Hart bestrafen. Imma. Grundsätzlich. Dit is doch ne Katastrophe, watte Jerichte heutzutaje imma de Täter loofen lassen.“ Wat folgte war een kleena Exkurs meinaseits, in dem ick mit Anne meen Wissen üba de KaDeWe-Räuber, jugendliche Serienstraftäter und S-Bahnschläjer teilte. Ick war grad beim Thema freiloofende Triebtäter, als Anne mir untabrach: „Hallo… ‚tschuldigung… Wie ich schon sagte, vielen Dank für Ihre Antworten. Auf Wieder…“

Nee, noch nich ufflejen, Anne! „Stopp!“ rief ick. – „Ja?“ – „Anne, wolln Se noch en paar Telefonnummern für Ihre Befrajung? Ick kenn da ’n paar Leute ausse Kleinjartenanlaje, die kieken ooch jeden Sonnahmd Sportschau und die würden sich bestimmt ooch jerne mit Ihnen üba Pyromanie und Fußball untahalten…“ – „Nein, vielen Dank, nicht nötig…“ – „Anne, jetze ham Se ja meene Numma. Rufen Se eenfach wieda an, wenn Se mal wieda janz repräsentativ wat wissen wolln. Kann ooch vormittags oda abends sein. Denken Se dran, dass unsre Jesellschaft imma älter wird. Und ooch ick werd imma älta. Dit bedeutet, ick werd imma repräsentativa für Ihre Umfrajen! Und wissen Se noch wat, Anne? Wenn Se wieda anrufen, sajen Se eenfach ‚Hier is Anne anne Leitung‘, dit wär lustig, wa? Anne anne Leitung!“ – „Tut-tut-tut…“

Verdammt, dacht ick mir und kiekte uffe Uhr. So schnell kann ne viertel Stunde rumjehn, wenn man nett mit ner jungen Dame plaudert. Ick versteh dit nich, wieso meen Nachbar sich nich befrajen lassen wollte: Bei ihm klingelte im Dezember nämlich ooch et Telefon, und da war de gleiche Firma am Apparat. Aba er sachte sofort: „Nee, vielen Dank, keine Lust auf irgendwelche Befragungen, auf Wiederhören“. Tja, schön blöd.

Bald wird sich de Anne bei mir jedenfalls wieda melden. Denn letzte Woche va’öffentlichte der Deutsche Fußball Verband dit Erjebnis von den ihre repräsentative Umfraje. Seitdem weeß ick, dass ick alle Frajen richtig beantwortet hab: Ick hatte nämlich jenau dit jeantwortet, wat am Ende 80 beziehungsweise 84% von alle anjeruf’nen Leute sachten. Dit is wie beim Jauch mit ‚em Publikumsjoker: Allet üba 70% is de richt’je Antwort, da kannste een druff lassen. In Zukunft reicht dit also, wenn de Anne nur noch mich anruft. Ick bin nämlich sowat von repräsentativ, da broochen die jar keen‘ andern im janzen Land mehr anzurufen!

Und ick kann ma ooch schon denken, wat Anne als nächstet frajen wird. Denn habt’a zufällig ooch dit am Freitag inne Zeitung jelesen? Dass Pyromanen in Griechenland jetze als behindert jelten, dasse deshalb Rabatt uff Strom kriejen und umsonst mitte Bahn fahrn dürfen? Da is et ja keen Wunda, dass de Ultras in Griechenland alle rumfackeln wie de Bekloppten. So wie die hier – dit is nen Film aus Saloniki, den hat mir meen Nachbar letzte Woche da in seinem Eintracht-Intanet jezeigt. Dit Feuer machen de griechischen Ultras natüllich nur deswejen, damit se als Pyromanen Staatsknete kriejen. Wenn et Telefon also demnächst denn klingelt, de Anne is wieda dran und sagt: „Das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion erfüllt für Fans einen wichtigen Zweck, den viele Fernsehzuschauer gar nicht begreifen. Stimmen Sie dieser Aussage zu?“, dann sa‘ ick: „Ja! Jenau so isset! Und Se broochen jar keen‘ mehr anrufen. 84% sajen Ja!“ Und dann erklär ick ihr dit mit ‚em neuen Jesetz in Griechenland, mit ‚em billijen Strom und dem Wochenend-Ticket uff Staatskosten… aba bis dahin hat se bestimmt schon wieder den Hörer uffjehängt.

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