Ich bin ein Fan, holt mich hier raus!

On 26. Januar 2012 by gialloblu

Diese Winterpause findet einfach kein Ende. Noch zehn lange Tage, bis Eintracht Braunschweig in Frankfurt endlich wieder Ball und Gegner laufen lässt. Was macht der Mensch, wenn er sich langweilt? Er macht die Glotze an. Was sieht er dort? Zur falschen Zeit auf dem falschen Sender das Dschungelcamp: Eine Gruppe von Menschen, von denen man wenige vor vielen Jahren irgendwo mal gesehen hat. Menschen, die zu wenig Schlaf finden und sich zu einseitig ernähren. Menschen, die in einem fremden Land bei unwürdigen sanitären Verhältnissen unappetitliche Abenteuer erleben. Menschen, die alle stets die gleichen Klamotten tragen. Und wenn sie Pech haben ist auch das Wetter unter aller Sau. Doch die Hoffnung gibt ihnen Kraft: Am Ende, am Tag des Finales, hoffen sie den Sieg zu feiern.

Vielreisende Fans der Nationalmannschaft sind mit der eben beschriebenen Situation eigentlich bestens vertraut – bloß mit dem Unterschied, dass solch ein Erlebnis in ihrer Erinnerung nicht unter dem Begriff Dschungelcamp, sondern unter Europameisterschaft abgespeichert ist: Nerviger Dauerregen? Den gibts nicht nur in Australien, den gabs auch bei der letzten EM bei den beiden kleinen Bergvölkern. Müffelnde Reste toter Fische, die in trüber Brühe treiben? Sowas gibts nicht nur bei der Sternesuche in der Dschungelprüfung, den gabs als „Caldeirada de Peixe“ auch in dieser unglaublich günstigen Taberna in dieser Seitenstraße während der EM in Portugal. Auch im kommenden Sommer sind Parallelen zwischen australischem Dschungel und ukrainischer Steppe vorstellbar: Vielleicht werden EM-Reisende sich ebenfalls zu zehnt ein Plumsklo teilen. Anders als in Australien werden als Mahlzeit zwar keine Geschlechtsteile von wehrlosen Beuteltieren serviert, doch auch eine Soljanka kann für Brechreiz sorgen – zum Beispiel, falls die Dose, aus der sie auf den Teller gekippt wurde, den vergilbten Aufdruck „VEB Feinkost Leipzig – mindestens haltbar bis Ende 1998“ trug. Als humanitäre Hilfe getarnt wurde diese Dose vielleicht erst kürzlich den Bewohnern jenseits der Wolga gespendet.

Statt also bis zum nächsten Januar zu warten, wenn die nächste Gruppe abgebrannter Ex-Promis Down Under in den Regenwald geschickt wird, könnte RTL schon in wenigen Wochen Fans des Nationalteams in der endlosen Walachei zwischen Deutschlands Spielorten Charkow und Lwiw aussetzen: Natürlich dürfen die Kandidaten „weder Russisch noch Ukrainisch sprechen“. Erreichen sie mal eine Stadt könnten sie prüfen, ob „öffentliche Toiletten, Nachtleben usw.“ dem internationalen Standard entsprechen. Vielleicht unterteilt man sie sogar in eine reiche Gruppe, „die in Nachtklubs die schönsten und reichsten Damen sucht“, und in eine arme Gruppe, „die mit öffentlichen Verkehrsmitteln reist, im Hostel wohnt und Sandwichs isst“. Wäre doch eine super Idee, oder?

Das einzige Problem: Der ukrainische Sender 1+1 hatte bereits genau diese Idee. Wer es in diesem Jahr also tatsächlich bis nach Charkov oder Lwiw schaffen möchte – Kartenkontigente bei der EM werden recht klein, Flüge und Unterkünfte extrem teuer sein – kann sich auf dieser Webseite als Teilnehmer bei der Reality Show „Euro 2012: Are they ready?“ bewerben. Also: Anmelden und hinfahren! Land und Leute, öffentliche Toiletten und Nachtleben kennenlernen! Ich sehe schon die Glückstränen der Teilnehmer, wenn sie völlig ausgehungert am Ende der Serie erfahren, dass sie als Lohn für alle Qualen ein Ticket für Griechenland gegen Tschechien gewonnen haben!

Nach dem zu erwartenden Erfolg dieses Formats wird dem letzten Trottel klar sein, dass Reality TV mit Fußballfans der Quotengarant der Zunkunft ist. Wie wäre es also, statt Dschungelcamp, mit einem Eintracht-Fan-Camp? Zehn Fans der Blau-Gelben reisen zu allen Auswärtsspielen der Rückrunde: Es gibt Schatzsuchen („Finde in Frankfurt einen FSV-Fan“). Es gibt Prüfungen, in denen der Kandidat ekelresistent („Trinke ein lauwarmes Altbier in Düsseldorf“), oder einfach nur lebensmüde sein muss („Stehe in blau-gelber Kleidung zwei Minuten an einer Kreuzung in Dresden“). Und nicht vergessen: Immer schön auf die Tips von Doctor Bob achten!

Och nöö, höre ich jetzt viele Leser denken. Leuten zuzugucken, die zwischen toten Fischen tauchen und Snacks mit tierischen Pimmeln und Muschis essen, ist – ganz ehrlich – viel lustiger. Stimmt! Es lebe das Dschungelcamp! Doch vielleicht kann man das Konzept der Sendung aufwerten, indem man auf die abgebrannten und teilweise unbekannten Ex-Promis einfach verzichtet. Wie wäre es, um das Thema Fußball mit einzubinden, wenn man stattdessen zehn Kunden eines niedersächsischen Erstligisten in den Dschungel schickt? Die als Einheitskleidung jeden Tag das Trikot ihres Vereins tragen? Die sich in der täglichen Prüfung unter Fischlaich und Kakerlaken begraben lassen, damit es abends ausnahmsweise mal etwas mehr als immer nur Reis und Bohnen zu essen gibt? Ganz ehrlich, sowas könnte ich jeden Abend gucken. RTL sollte sich schnell die Rechte sichern, denn das 95+1-Camp wäre allein schon wegen des ‚plus eins‘ im Namen für den ukrainischen Sender 1+1 ein äußerst interessantes Konzept. Das 95+1-Camp kann man auch mal über zwei Monate oder Jahre statt nur über zwei Wochen laufen lassen. Wäre aufgrund der längeren Laufzeit in der Produktion natürlich ein wenig teurer, aber man kann ja an anderer Stelle sparen.

Kein Problem: Streicht einfach die Stelle von Doctor Bob!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*