Winterspiele

On 14. Februar 2012 by gialloblu

Eintrachts zwei Spiele seit Ende der Winterpause lassen sich in zwei Sätzen zusammenfassen. Erstens: Es war schweinekalt! Zweitens: Von der Spielweise der Mannschaft wird im Augenblick auch nicht richtig warm. Das sind doch gute Argumente, gleich mal eine weitere Winterpause einzulegen, oder? Sollte man nicht alle Spiele absagen, bis draußen die ersten Krokusse blühen? Es wäre doch schön für alle Fans, wenn sie den Samstag / Sonntag Nachmittag (oder Freitag / Montag Abend) statt in der klirrenden Kälte im warmen Wohnzimmer hocken dürfen. Und der Spieler regeneriert Geist und Körper, indem er Dinge tut, die auf Fußballer entspannend wirken: im Hochglanzkatalog aus dem Autohaus blättern, an der Playstation Champions League spielen, den persönlichen Ernährungsplan zweimal säuberlich falten und beiseite legen. Klingt doch gut, oder?

Besonders beim Gedanken an Eintrachts nächstes Auswärtsspiel läuft es jedem Spieler und jedem Fan eiskalt den Rücken runter: Am nächsten Montag, abends, tief in den verschneiten Wäldern Westsachsens, soll der BTSV in Aue spielen. Doch das Wetter ist keine Weihnachtspyramide – selbst im Erzgebirge kann man sich das Wetter nicht einfach selber schnitzen! Meine Prognose für Montag: Schnee und Rodel gut, Fußball weniger gut. Man sollte über eine Spielabsage nachdenken!

Wie stehen eigentlich wichtige Wintersportnationen zu der Frage, ob man bei solchen Bedingungen Fußball spielen sollte? Schauen wir also in jenen Staat Europas, der als nächster olympische Winterspiele ausrichten wird: Russland. Und schauen wir in jenes europäische Land, das zuletzt mal Gastgeber olympischer Winterspiele war: Italien. Russland und Italien sind sozusagen Europas Kompetenzzentren in winterlichen Angelegenheiten. Würden Russen und Italiener das Spiel Aue gegen Eintracht stattfinden lassen, wenn sie darüber entscheiden könnten?

Stellen wir uns zunächst vor, Aue würde – wie früher – von den Russen regiert. Die Entscheidung, ob das Spiel stattfindet, darf nur einer treffen: der russische Wismut-Generaldirektor. Der Befehl aus seiner mit Kanonenofen beheizten Holzbaracke lautet: Das Spiel fällt aus, wenn der Wodka auf seinem Schreibtisch einfriert – was erfahrungsgemäß erst bei Außentemperaturen von unter -30° passiert. Der Generaldirektor lässt Zwangsrekrutierte Stadion und Anfahrtwege vom Schnee räumen. „Es gibt kein schlechtes Wetter“, so der Generaldirektor, „es gibt nur schlechte Nahrung“. Also verspricht er den Spielern für die Halbzeitpause Sonderschnaps und eine Extraration Speck für die Kohlsuppe. Fans, denen kalt ist, rät er nach alter Sitte, sich den nackten Oberkörper mit Schnee einzureiben. Das härtet ab! So kann das Spiel am Montag Abend pünktlich beginnen. Aue muss allerdings ohne den Genossen Übungsleiter auskommen, der nach Verfehlung des Punkteplansolls als Saboteur nach Moskau verschleppt wurde, wo er ein paar unangenehme Fragen beantworten muss. Ein Hinweis noch für die Zuschauer, die das Spiel zu Hause am Fernsehempfänger Sachsenwerk Leningrad verfolgen: Aue in den violetten, also den dunklen Fellmützen; Eintracht in gelben, also den hellen Fellmützen.

Stellen wir uns nun vor, in Aue würden Italiener regieren. Der wesentliche Unterschied zum Regime der Russen: Bei den Italienern darf jeder was entscheiden. Zunächst, am Donnerstag vor dem Spiel, entscheidet der Präsident vom Fußballverband: Weil fürs Wochenende Frost angesagt wird, verlegt er alle Abendspiele – einschließlich des Montagsspiels Aue gegen Eintracht – auf den Samstag Nachmittag. Am Freitag entscheidet der Prefetto, der Bürgermeister von Aue, dass das Spiel aus Sicherheitsgründen – am Samstag soll es nämlich ein wenig schneien – um einen weiteren Tag auf den Sonntag, 13:30 Uhr, verschoben wird. (Nein, keine Scherze, dass in Italien sowieso alle Spiele verschoben werden.) Klingt es unrealistisch, dass ein Spiel in den 72 Stunden vor dem Anstoß zwei mal auf einen anderen Wochentag verlegt wird? In Italien gab es sowas am vorletzten Wochenende der Serie A, bei AS Rom gegen Inter Mailand.

Endlich ist Sonntag, also der Tag, an dem auf Wunsch der italienischen Obrigkeit Aue gegen Eintracht spielen soll. Der Platz ist geräumt, die Spieler laufen sich warm, der Schiedsrichter hat seine dicke Strumpfhose angezogen. Eine Stunde vor dem Anpfiff beginnt es zu schneien. Also entscheidet der Sicherheitsbeauftragte im Stadion, dass die Stadiontore geschlossen werden. Es folgen Diskussionen zwischen der Polizei und dem Sicherheitsbeauftragten, zwischen der Polizei und den Rettungsdiensten, zwischen Feuerwehr und dem Vertreter des Fußballverbands. Spieler und Schiedsrichter erhalten vom Verbandsvertreter die Anweisung, in die Kabine zurückzukehren. Dann entscheidet die Polizei, dass der Sicherheitsbeauftragte – eigentlich sollte das Spiel bereits seit 15 Minuten laufen – die Stadiontore wieder öffnen soll. Dort warten, che sorpresa, nur noch ein paar Dutzend Fans. Der Großteil der draußen bibbernden Zuschauer ist nämlich längst schon auf der Heimfahrt.

Dass die Stadiontore wieder offen sind, ist ein positives Signal. Also machen sich die Spieler auf dem Rasen erneut warm und der Schiedsrichter trägt etwas Gesichtscreme auf. Plötzlich diskutiert die Feuerwehr mit der Polizei und den Rettungsdiensten: der Mann von der Feuerwehr hat nämlich entschieden, dass im oberen Bereich der Stehplätze im Gästebereich durch den einsetzenden Schneefall Rutschgefahr besteht. Da er zur Gruppo Operativo per la Sicurezza (operativen Sicherheitsgruppe) gehört, darf gegen sein Veto kein Spiel stattfinden. Da spielt es auch keine Rolle, dass kaum Eintracht-Fans im Gästeblock stehen: Statt der Deutschen Bahn hat nämlich Trenitalia mal vorübergehend den Betrieb in Sachsen übernommen. So konnte der Lokführer der Regionalbahn von Chemnitz Richtung Aue mittags entscheiden, dass bei einsetzendem Schneefall Bahnfahren zu riskant ist. So ließ er seinen Zug einfach in Chemnitz stehen. Um 14:00 kommt im Stadion dann die Durchsage, dass das Spiel aus Sicherheitsgründen nicht stattfinden wird.

Klingt es unrealistisch, dass ein Match eine halbe Stunde nach der urprüglich geplanten Anstoßzeit, nach langem Hin und Her, offiziell abgesagt wird? In Italien gab es sowas am vorletzen Wochenende, beim Spiel der Serie A zwischen Atalanta Bergamo und FC Genoa 1893 (scusa, in italiano).

Was lernen wir aus der Geschichte? Statt von Italien sollten wir uns in Sachen Winterspiele besser an Russland orientieren: Vor General Winter wird nicht kapituliert! Lieber ein Frostkick, der keinen Spaß macht, als ein Rückzug vor dem Gegner Schneeflöckchen! Und ich werde mich drauf einstellen: Aus Solidarität mit allen Blau-Gelben in der Kälte da draußen werde ich mich am Montag Abend mit Schnee einreiben. Dann setz ich mich mit einem Napf heißer Kohlsuppe vor den Fernseher. Und falls um 20:15 Uhr auf sky nur die Wiederholung von Nürnberg gegen Köln und auf sport1 nur Pokern läuft, dann werde ich mir sagen: Vielleicht haben ja doch die Italiener inzwischen den Laden in Aue übernommen. Bestimmt gehen in einer viertel Stunde die Tore vorm Erzgebirgsstadion wieder auf. Dann könnte in einer halben Stunde, falls der Feuerwehrmann nichts dagegen hat, doch noch das Spiel stattfinden. Also dranbleiben!

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