Lernen von Lieberknecht: Interviews für Fortgeschrittene

On 1. März 2012 by gialloblu

Der Trainer einer Profimannschaft ist heutzutage ja Experte für alles: Er kann seiner Mannschaft ein System vermitteln. Er erkennt, welchem Spieler er zart das Händchen streicheln muss, welcher Spieler einen Tritt in den Hintern benötigt, und welcher Spieler sogar alle drei Minuten einen Tritt in den Hintern benötigt. Zur Gattin des Vereinspräsidenten muss er stets nett und charmant sein. Ganz nebenbei soll der Trainer am Wochenende auch die richtigen Spieler auf den Platz schicken. Sonst noch was? O, ja: Der Trainer muss mit dem fiesesten aller Gegner klarkommen – mit dem Freund von Presse, Funk und Fernsehen.

Besonders TV-Kommentatoren und Field-Reporter halten sich gerne für größere Nummern als Spieler oder Trainer. Kein Wunder: Spieler und Trainer können schon nächste Woche völlig weg vom Fenster sein, doch so ein Reporter kann auch kurz vorm Rentenalter noch einen Job in einer Talkshow im Ersten oder in einer Kochsendung im Zweiten finden. Entsprechend arrogant treten die Herren mit dem Mikrofon gegenüber Spielern und Trainern gerne auf. Wer ein Trainer-Interview mit den Worten „Guten Tag, schön Sie zu sehen, geht’s Ihnen gut?“ beginnt, gilt in Fernsehkreisen voll als Mädchen. Am besten, man lässt den Trainer zu Beginn des Interviews gleich mal stramm stehen: „Nur drei Punkte in der Rückrunde, schlechteste Mannschaft in der Liga. Was ist los?“

Da weiß der Trainer gleich mal, wo der Hammer hängt. Der Reporter ist hier die Nummer eins, der Trainer darf sich ab der ersten Sekunde rechtfertigen. Als Reporter hätte man natürlich auch sagen können: „In der Rückrunde punktgleich mit dem Herbstmeister aus Düsseldorf. Was ist los?“. Es wäre genau so wahr, aber nur halb so lustig.

Doppelt lustig wird ein Interview allerdings, wenn der Trainer doppelt so schlau ist wie der Interviewer vom Fernsehen. So geschehen am letzten Sonntag bei Sky, als Field-Reporter Rolf „Rollo“ Fuhrmann vor dem Spiel versuchte, Eintracht-Trainer Torsten „Totte“ Lieberknecht auf den Pott zu setzen. Angesprochen auf „nur drei Punkte, schlechteste Mannschaft, blabla“ konterte Totte mit einem Klassiker, der in diesem Artikel bereits Thema war: „Bei uns ist die Kacke echt am dampfen.“

Diese Antwort war ziemlich schlau, denn sie löste beim Interviewer die zu erwartende Reaktion aus: Rollo dachte an dampfende Kacke, also setzte er das Gespräch mit der erstbesten Info fort, die ihm zum Thema dampfende Kacke einfiel: „Und jetzt fehlen auch noch Theuerkauf mit Magen-Darm und Kruppke…“ Dampfende Kacke und Magen-Darm! Wer an dieser Stelle an Zufall glaubt, irrt total. Denn Lieberknecht ist ein Meister der Psychologie. Unser Totte wusste, mit welch einfachem Trick er Rollo dazu bringen konnte, über fehlende Spieler statt über vergeigte Rückrundenspiele zu sprechen. Genial!

Statt nach abwesenden Spielern hätte Torsten „The Mentalist“ Lieberknecht den Rollo auch dazu bringen können, über die Taktik fürs Pauli-Match zu sprechen. Totte hätte nur folgenden Zaubersatz sagen müssen: „Bei uns ist doch echt alles voll am Arsch“. Rollo hört das Wort Arsch, denkt sofort an Arschgesicht und sagt: „Heute muss die Mannschaft aber ein anderes Gesicht zeigen als in der ersten halben Stunde in Aue.“ Da kommt kein Wort mehr zu dieser blöden Rückrundentabelle! Stattdessen könnte Lieberknecht erklären, mit welchem taktischen Geniestreich er Pauli in den kommenden 90 Minuten an den Rand einer Heimniederlage bringen wird. Doch Totte ist schlau und verrät seine Taktik-Tricks grundsätzlich erst nach dem Abpfiff.

Tatsächlich ist Lieberknecht solch ein Magier der mentalen Manipulation, dass er Rollo im Interview auf jedes denkbare Thema hätte bringen können: Angenommen, Totte hätte sich im Winter ein paar Neuverpflichtungen in der Abwehr gewünscht. Er hätte gesagt: „Bei uns kannste echt den Laden zumachen.“ Rollo hört das Wort Laden, also denkt er an Geschäft und ans Kaufen. „Hätte Eintracht angesichts der Ausfälle von Henn, Correia, Bohl und Theuerkauf im Januar noch weitere Spieler wie Bicakcic kaufen sollen?“, wäre prompt die nächste Frage gewesen. Oder: Statt über die aktuelle Saison, die er innerlich längst schon abgehakt hat, will Totte lieber über Eintrachts tolle Zukunftsaussichten sprechen: „Bei uns liegt doch echt alles in Trümmern.“ Rollo hört das Wort Trümmer, und denkt an Abriss und an Bauarbeiten: „Und  bald gehen nach dem Abriss der Rampe ja die Bauarbeiten an der Haupttribüne endlich weiter“, hätte sein nächster Satz gelautet. Oder Totte sagt: „Bei uns geht hier echt alles den Bach runter.“ Bach, Warne, den Bach runter, die Warne runter. „Und nächsten Samstag schickt ihr dann Hansa Rostock runter in die Dritte Liga“, hätte Rollo zum weise lächelnden Eintracht-Trainer gesagt.

Bloß bei einem Satz hätte Rollo mal richtig grübeln müssen, wenn er von Lieberknecht gekommen wäre: „Bei uns stinkt’s echt zum Himmel.“ Himmel – Was heißt Himmel noch mal auf Englisch? „Echt jetzt, Sky stinkt?“ hätte Rollo wohl geantwortet. Aber solch eine fiese Falle hätte Lieberknecht, der stets faire Meister der Psychologie, seinem Interview-Partner natürlich nie gestellt.

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