Energia Chóśebuz – Eintracht Brunszwik

On 8. März 2012 by gialloblu

Stell dir vor, du bist Nationaltrainer, und eine WM steht vor der Tür. Erster Gruppengegner: Nigeria. Wer schlau ist, verabredet kurz vor dem Turnier noch ein Testspiel gegen einen Gegner aus der gleichen Region mit einer ähnlichen Spielweise – zum Beispiel gegen Kamerun oder Elfenbeinküste. Jetzt stell dir vor, eine EM steht vor der Tür. Erster Gegner: Irland. Da wäre ein Test gegen Schottland ideal, damit die eigene Truppe sich an hohe Bälle und robuste Gegenspieler mit Mundschutz gewöhnt. Gut vorbereitet zu sein bedeutet oft, im Ernstfall erfolgreich zu sein.

Und nun stell dir vor, du bist Eintrachts Trainer Lieberknecht, und deine Mannschaft ist im Wintertrainingslager in Spanien. Der Plan für die Rückrunde sieht vor, dass ein entscheidender Schritt Richtung 40-Punkte-Marke bei Energie Cottbus gemacht wird. Ideal wäre deshalb ein Testspielgegner, der Chóśebuz (so der sorbische Name von Cottbus) irgendwie ähnelt: Vielleicht ein Gegner aus Polen? Also testete Eintracht Brunszwik (so nennt man unsere Blau-Gelben auf Wislas Webseite) gegen Wisla Krakau, damit wir auf das Spiel im Land der Sorben am Sonntag optimal vorbereitet sind.

Aus Sicht der Eintracht-Fans war der Wintertest gegen Wisla Krakau auch aus einem anderen Grund interessant: Jeder, der damals über den Spielverlauf informiert sein wollte, musste aus Mangel an Alternativen Wislas polnischem Live-Ticker vertrauen. Eigentlich kein Problem in Zeiten von google translate. Werden als Übersetzung jedoch Sätze wie „Reichel erschossen, Waffen Pareiko“ oder „Ein Sieg Eintracht einer der Fans feierten, sangen Opern-Stimme, einer der Gesänge seines Teams“ angezeigt, muss man als Fan vielleicht kurz mal nachdenken, was diese Worte bedeuten sollen. Kein Einzelfall, wenn man berücksichtigt, wie Highlights aus Wislas letztem Liveticker automatisch übersetzt werden.

Theoretisch könnte es ja sein, dass am kommenden Sonntag sämtliches Personal von Sky, Eintracht-Fanradio und Eintrachts Liveticker auf der zweispurigen Autostrada zwischen Berlin und Chóśebuz im Stau stecken bleibt, so dass die wenigen Eintracht-Fans, die am Sonntag nicht in die Lausitz reisen, auf den sorbischen Liveticker von Energia angewiesen sind. Deshalb an dieser Stelle, sozusagen als Trainingslager für zu Hause bleibende Fans, eine kleines Verständnistraining: Was will Energias Liveticker uns sagen, wenn nach google translate (Sorbisch – Deutsch) folgender Spielverlauf angezeigt wird?

————————————————————————————————————————————

0″ – Willkommen im Stadion von Freundschaft. Tausende Proletariacki lokal heute hier wollen sehen siegen Energia Chóśebuz. Haben verlassen moderne Haus von Platte oder Kirche wahre oder trinke Halle und nun hier. Rivale in Farben gelb und blau ruft sich Eintracht Brunszwik.

0″ – Leider heute kein Leben Fernsehen auf Zahl Kanal Himmel noch Radio supportski Eintracht weil zu schnell gestanden in Stau auf Baustelle Autostrada und noch länger in Dialog mit Polizei Volk. Aber zum Glück hier stehen unser Fern Schreiber, so machen Leben Ticker für alle Fanatyki von Fußball, ob West ob Ost.

0″ – Bisher hier einmal Treffen beide Klubs. 2005 spannend bis letzte Minute als groß Mann schwarz entschied Schlacht für Energia in Zeit von Nachspiel. Westliche Revanchisten von Eintracht heute sicher suchen Revanche, sagt Genosse Wojciech, von Beruf Politkommissar. Er mit Flasche Wässerchen neben mir sitzend zu meine Sicherheit, immer genau guckend was schreibe.

1″ – Teilnehmer auf Wiese und jetzt schlagen an. Chóśebuz in rot, Brunszwik in gelb. Oder, für wer diese Seite lesen mit modern Monitor monochromski, Chóśebuz in dunkel und Brunszwik in hell.

12″ – Rangelov erschossen, Waffen Davari.

19″ – Auf Tribuna der ehemalige Chóśebuz Trainer Wollmütze. Kapitalistische Klub Osnabrycki ihn gestern Abend vor Tür gesetzt wie Hund voll Floh, bloß weil verloren null sieben in offen Bach. Hier bei uns, Dank überlegene System, sogar Job sicher wenn du in Kombinat besoffen geklaut Klopapier und danach eingeschlafen neben laufend Maschine.

27″ – Kruska erschossen, Waffen Davari. Jesus Maria! Politkomissar Genosse Wojciech jetzt öffnet zweite Flasche Wässerchen. Zweite Flasche immer Glück Flasche.

41″ – Sörensen erschossen, Waffen Davari. Jesus Maria und Josef!

43″ – Gleich Pause Halbzeit. Frohe Botschaft das Billets für Euro 2012 in Lausitz, Polen und Ukraine planmäßig pünktlich gekommen aus Kombinat für Druck, Technik und Drucktechnik. Zu erwerben Billet Spiele Euro Gruppe E Lausitz gegen Schottland in Chóśebuz und Lausitz gegen Argentinien in Budyšin möglich gleich in Pause Halbzeit an gleiche Tisch wo auch Verkauf von Bier und gebraten Gurke.

45″ – Halbzeit. Tore null null. Jetzt Kapelle der Akademia Militaria auf Wiese. Spielen neueste Meister Kompositionen internationaler Standard, soeben produziert in Kombinat für Kunst musikalisch: „Schatzi, schenk mir ein Letscho“, „Finger im Steiß, Spreewald Kreis“, „Es gibt nur einen Bau – Braunkohle Tage Bau“ und „10 Plansoll erfüllende Frisösen“. Genosse Wojciech ekstatisch auf Tisch tanzt, dabei schlagend im Takt Schuh gegen Kühl Turm von Fern Schreiber. Ich geh jetzt holen Bier, Gurke und Billet für EM kommende Sommer.

46″ – Ohne Adlung, ohne bitten Kurt, beide letzte Woche gelbe oder rote Karton, Chóśebuz für Brunszwik so gefährlich wie kleine Feldmaus für große hungrige Katze. Doch nun zwei Wechsel bei Energia: Neu in Spiel Veterani Miriuta und Kron hart, beide früher bei Chóśebuz, beide reaktiviert, zu große Überraschung von Feind. Nicht hat gerechnet mit wie schlau heute Gegner.

47″ – Kron hart am Ball erstes Mal. Heilige Maria, bei Kron hart muss Genosse Wojciech sofort denken an Maria Kron und harte Getränke. Dawei dawei, er mir steckt Devisen in Hand, soll mich setzen auf Schwalbe und besorgen Flasche Maria Kron aus Intershop. Befehl ist Befehl. Werde sein zurück in zehn Minuten. Solange kein Leben Ticker.

67″ –  Nach zwanzig Minuten, bei uns sowas nennen pünktlich, wieder zurück aus Intershop. Noch null null sagen Genosse Wojciech als wieder aufgeweckt. Rabauki in Käfig für Brunszwik singen Lied zu Ehren von 1967. Keine Ahnung warum.

68″ – Aua! Jesus und Maria! Politkommissar mir eben zerbrochen leere erste Flasche Wässerchen über Schädel weil ich für Sekunde vergessen, das 1967 war Jahr von siebte Parteitag von Partei, wo beschlossen das in unser Paradies für Arbeiter nun sechs Tage Woche statt sieben Tage Woche. Ja ja, 1967 ein großartiges Jahr, sogar wissen singend blau gelbe Lohn Sklaven aus nicht sozialistisches Ausland.

81″ – Rangelov erschossen, Waffen Davari. Jesus, Maria, Josef und Kruzifix!

87″ – Miriuta erschossen, Waffen Davari. Jesus, Maria, Josef, Kruzifix und verdammte Hure von Babylon!

90″ – Für Brunszwik jetzt richtig Kacke am dampfen. Kron hart erschossen, Waffen Davari. Jesus, Maria, Josef, Kruzifix, verdammte Hure von Babylon und verfluchte Wechsler von Geld in Tempel in Jerusalem!

90+3″ – Klein Mann schwarz in gelb und blau, geil Edwin kleine Baum aus Japan, fummeln rum um drei Verteidiger, Bummski Tor, null eins, und Pfiff Ende. Becher für Bier und Stücke von gebraten Gurke wie Aeroplan kommen geflogen aus Kurva Chosebuz. Ein Sieg Eintracht einer der Fans feierten, sangen Opern-Stimme, einer der Gesänge seines Teams.

90+5″ – Genosse Politkommissar sagt ich Schuld an diese nationale Tragödie weil mein Standpunkt Klasse zu wenig klar und zu wenig progressive Einstellung. Polizei Volk mich gleich nimmt mit. Sagt für mich vielleicht bald wieder sieben Tage Woche in Kanal Bau, so wie für alle Proletariacki vor 1967.

90+5+1″ Verabschiede mich bis zum nächsten internationalen Wettkampf zu Hause, gegen Fortuna aus Deutschland kapitalist. Doch vielleicht ich mich verabschiede viel viel länger. Auf Wiedersehen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*