Krokodilstränen, Theaterdonner und die Gefahr, einen Präzendenzfall zu schaffen

On 9. März 2012 by togo

In Aachen hat der FC St. Pauli unlängst übrigens 1:2 verloren.Das Rückrundenspiel unserer Löwen beim FC St. Pauli ist bereits Geschichte. Trotzdem schafft es der Hamburger Verein partout nicht raus aus der Leopedia. Warum? Weil es immer etwas zu berichten – und zu kommentieren – gibt über ihn. Dieses Mal geht es um Krokidilstränen, Theaterdonner und die Gefahr, einen Präzedenzfall zu schaffen. Und um ein Heimspiel gegen Hansa Rostock, das endlich einmal vollkommen friedlich ablaufen soll. Zumindest, wenn es nach dem Willen der Hamburger Polizei geht.

Zur Geschichte: für den 22. April sieht der Spielplan die Partie St.Pauli gegen Rostock vor. In den vergangenen Jahren wurden diese Spiele regelmäßig begleitet und umrahmt von diversen Aktionen und Einlagen erlebnisorientierter Anhänger beider Lager. Für die Polizei bedeutet das natürlich eine Menge Arbeit. Denn ihre Aufgabe ist es nun einmal, die Selbstdarstellung der einzelnen Gruppen, die oft genug daraus besteht, Anhängern der anderen Farben eins auf die Nase zu geben, zu unterbinden. Auch am 22. April wird die Hamburger Polizei wieder Höchstleistungen bringen müssen. Denn Ausschreitungen bei Spielen der beiden Vereine sind so sicher wie das Amen in der Kirche. Wobei es müßig ist, die Schuldfrage zu diskutieren. Da mögen sich zwei nicht, so etwas gibt es immer wieder. Belassen wir es einfach dabei.

Jetzt hat die Hamburger Polizei von sich aus im Vorfeld agiert und dem FC St. Pauli auferlegt, für diese Partie keine Karten an Gästefans abzugeben. Die Rechnung ist simpel: wenn kein kampfbereiter Gegner da ist, werden die einheimischen Kampfsportler nichts zu tun haben und es bleibt friedlich. Vergleichbar vielleicht mit einem Kampf von Klitschko I oder II – die steigen auch nicht in den Ring, wenn der Gegner nicht in die Halle kommt. Klingt logisch, oder?

Der FC St. Pauli hat von der Hamburger Polizei eine Untersagungsverfügung für die Zweitligapartie gegen den FC Hansa Rostock am Sonntag, den 22. April 2012, erhalten. Die Verfügung erlegt dem Verein auf, keine Eintrittskarten an den F.C. Hansa Rostock für das Spiel im Millerntor-Stadion weiterzugeben.

Der FC St. Pauli, der sich ja gern mal wehrt – zuletzt gegen die bereits gesenkte Strafe für den Kassenrollenwurf in Frankfurt – will das natürlich nicht hinnehmen. Aus Prinzip. Denn wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt. Und weil man die Rostocker Fans so lieb hat, dass man sie unbedingt dabei haben möchte. Also verdrückt man ein paar Krokodilstränen und lässt beim Verwaltungsgericht prüfen, ob die Polizei eine solche Unterlassungsanweisung überhaupt erteilen darf.

Darf sie. Fußballspiele sind trotz ihres oft hochoffiziellen Charakters doch nach wie vor Privatvergnügen. Der DFB ist keine Behörde, die DFL keine Anstalt öffentlichen Rechts. Die Polizei hat also jedes Recht, eine privatwirtschaftliche Veranstaltung soweit zu reglementieren, dass die von ihr ausgehende Gefahr für die Öffentlichkeit möglichst gering ist. Sie hat dazu sogar die Pflicht. Das weiß natürlich auch der FC St. Pauli, der den Theaterdonner bestens zur Selbstinszenierung nutzen kann und wird. Spätestens, wenn man die nicht an die Gäste zu verkaufenden Tickets der eigenen Anhängerschaft anbieten konnte, sind auch die Krokodilstränen Geschichte.

Wenn es nach der Hamburger Polizei geht, bleibt der Zug mit den Fans von Hansa Rostock draußen vor der Stadt.

Wenn es nach der Hamburger Polizei geht, bleibt der Zug mit den Fans von Hansa Rostock draußen vor der Stadt.

Aber halt: so ganz sinnlos ist das Einschreiten des FC St. Pauli nicht! Denn natürlich besteht auch die Gefahr, dass hier ein Präzedenzfall geschaffen wird, der eine Bewegung in Gang setzt, die uns allen nicht gefallen wird, aber der DFL und dem modernen Fußball über alle Maße nutzt. Denn wenn die Hamburger Polizei mit ihrer Unterlassungsverfügung durchkommt, werden andere Ortsbehörden bald folgen. Auch das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Erst werden es wirklich die Randale gefährdete Spiele sein, zu denen Gästefans keine Karten mehr bekommen. Aber wenn das System funktioniert – und das wird es – werden andere Partien folgen. Harmlosere. Bis irgendwann gar keine Gästefans mehr im Stadion erlaubt sein werden. Der perfekten, familienfreundlichen Inszenierung des Fußballs stünde dann nichts mehr im Wege. Denn die lästigen Pyroshows der Ultras wären zu dem Zeitpunkt sicherlich auch schon Geschichte.

Gut möglich also, dass der FC St.Pauli da, ohne es zu wissen, einen ganz wichtigen Kampf führt: den Kampf um das Recht, Gäste beherbergen zu dürfen. Und irgendwie auch ein Kampf gegen die schöne neue, klinisch reine Fußballwelt der DFL. Die wird die Hamburger Polizei zwar nicht beauftragt haben, sieht den Vorgang aber sicherlich mit viel Sympathie.

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