Pauli auswärts – Cottbus auswärts: Ein Reisevergleich

On 14. März 2012 by gialloblu

Vor wichtigen Spielen im Norden gibt es auf der Homepage des NDR Teamvergleiche. Elf Spieler plus der Trainer des einen Teams im Vergleich mit elf Spielern und dem Trainer des anderen Teams. Zwölf mal das Duell Mann gegen Mann. Der Bessere der beiden erhält einen Punkt, bei einem Unentschieden werden die Punkte geteilt. In solch einem Vergleich besiegte Eintracht vorletzte Woche den FC Hansa mit 8,5:3,5 Punkten. Eine Woche zuvor verlor der BTSV im Teamvergleich gegen den FC St. Pauli mit 5:7.

Wahnsinnig viel wurde ja in den vergangenen Wochen über jenes Auswärtsspiel bei St. Pauli geschrieben. Dass das Spiel statt mit einem 5:7 mit einem 0:0 endete, interessierte später sowieso nur am Rande: Stattdessen wurde die Frage diskutiert, warum Millionen – ach was: Milliarden – Eintracht-Fans am Sonntag nach Pauli fahren wollten, doch nur ein paar Hundert zwei Sonntage später Richtung Cottbus aufbrachen. Höchste Zeit also für den ultimativen Reisevergleich – Pauli auswärts gegen Cottbus auswärts. Welche Fahrt in die Fremde lohnt sich am meisten für den Eintracht-Fan? Eine Frage, die die Leopedia, der Fachblog für Alkoholkonsum am Vormittag, selbstverständlich beantworten kann!

1) Bimmelnde Wecker
Für Sonntag Morgen den Wecker stellen ist wie am Dienstag einen Sonntagsspaziergang machen – es passt einfach nicht zusammen. Chronische Frühaufsteher bevorzugen die Abfahrtzeit des Zuges Richtung Pauli, da sie morgens um halb sieben auch ohne Wecker wach sind. Chronische Nachteulen fahren lieber nach Cottbus: Samstag Nacht einfach durchmachen bis morgens um halb sechs, und dann stundenweise in den Zügen über Magdeburg und Berlin ein wenig pennen. Unentschieden.

2) Die Fahrausweise, bitte!
Richtung Pauli fragt die Zugbegleiterin bloß norddeutsch-kühl, ob wir für das rumliegende Konfetti, die Luftschlangen und das auf dem Boden rollende Leergut verantwortlich sind: „Natürlich nicht, denn wir sind eben erst in [Ort, der nicht auf der Strecke liegt] zugestiegen.“ Na gut, alles klar. Ganz anders die Zugbegleiterin auf der Etappe nach Cottbus, die ihre Erstausbildung einst bei der Reichsbahn machte. Der Name auf dem Wochenendticket stand dort in Schreibschrift statt mit Druckbuchstaben? Da wurde der Schreiber vor dem ganzen Kollektiv gleich mal anständig ins Achtung gestellt! Fast hätte er als Strafe auch noch, Kniebeugen machend, „Jetzt bin ich junger Pionier“ oder das Aufbaulied der FDJ singen müssen. Eine Fahrkartenkontrolle wie ein Kessel Buntes – ein Punkt für Cottbus auswärts.

3) Plattengülle
Die Anreise nach Pauli, über MeckPomm kommend, führt durch flache und menschenleere Ödnis. Alle viertel Stunde ein Stop an einem Bahnhof, dessen Fenster mit Brettern zugenagelt sind. Daneben ein verfallener Schweinestall, der früher zur LPG gehörte, auf dessen Wand ein gelangweilter Bauer „FC HANSA“ gemalt hat. Anreise nach Cottbus: Genauso flach und menschenleer, jedoch mit finsteren Nadelwäldern. Was die Wenigsten wissen: Hier filmt die ARD ihre Dokumentationen, die spät abends als „Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn“ oder „Am Ende der Welt – in der Heimat der Lappen“ gesendet werden. Dann lieber über bäuerliche Graffiti-Kunst lachen. Ein Punkt für Pauli auswärts.

4) Der Zug endet hier!
Hamburg Hauptbahnhof: Menschenmengen, Rolltreppen, betriebsame Hektik. Cottbus Bahnhof: Den Zug verlassend stürzt man einen halben Meter tief auf den Bahnsteig. Am Ende des Bahnsteigs endlich ein Zeichen der Moderne, nämlich ein Werbeplakat – mit Werbung für Schwangerschaftstests. Ob das Kind aber vom Rico oder vom Ronny ist, kriegt Cora aus Cottbus mit dem Test auch nicht raus. Punkt für Pauli auswärts.

5) Begrüßungs-Jägi
In Hamburg, wie in Magdeburg, führt der erste Weg in eine Lokalität namens Zapfhahn. Typisch für den hanseatischen Gezeitenforscher: Bei der Messung von Pegeln flüssiger Substanzen ist er äußerst akkurat. Also gibts zwei cl Jägermeister und keinen Tropfen mehr! Anders in Cottbus: In der Kneipe auf dem Weg zum Stadion kriegt man für die gleiche Bestellung gleich einen Doppelten hingestellt, der außerdem deutlich überm Eichstrich steht. Prost und Punkt für Cottbus auswärts.

6) Auf zum Stadion!
In Hamburg fährt der Anreisende mit der U-Bahn. Diese macht auf dem Weg zum Millerntor einen Schlenker Richtung Hafen, so dass man aus dem fahrenden Zug mal einen Blick auf Elbe, Kräne und Schiffe werfen kann. Das Problem in Cottbus: Dort ist die U-Bahn so schlecht ausgeschildert, dass wir sie erneut nicht finden konnten! So blieb uns zum Stadion nur der Fußweg, dessen einzige Sehenswürdigkeit – den großen Plattenbau links hinter der ersten Kreuzung – man inzwischen weggesprengt hat. Punkt für Pauli auswärts.

7) Muss mal!
Irgendwann wollen die Frühstücksbiere wieder raus. Schwierig auf Pauli, wenn man nicht vor den Augen der Polizei an die Straßenlaterne pinkeln möchte. Nur die Brache neben dem Flak-Bunker lädt zum wilden Strullen ein. Viel einfacher ist die Situation in so einer Geisterstadt wie Cottbus, wo man alle paar Meter ungestört und unbeobachtet ein warmes Bier in die Ecke stellen kann. Punkt für Cottbus auswärts.

8 ) Eintrittspreise
Das Ticket gezückt steht man vor der (ersten) Sicherheitskontrolle. Pauli: 25 Euro für einen Sitzplatz. Cottbus: Unschlagbar günstige 14 Euro für einen Sitzplatz – nur 56% dessen, was man bei Pauli zahlt! Das ist so, als müsste man im 1-Euro-Shop in Cottbus für jeden Artikel nur 56 Cent zahlen! Oder an der Tanke 89 Cent für einen Liter Super. Hätte ich doch meinen großen Kanister mit in die Lausitz genommen! Punkt für Cottbus auswärts.

9) Jacke auf, Arme auseinander!
Die drei gleichaussehenden 200-Kilo-Klone vor dem Gästeblock in Cottbus sind schon sehr speziell: Einigen Fans wurde der Zutritt verweigert, weil sie Aufkleber dabei hatten oder weil sie einen leeren Jutebeutel in der Jackentache hatten. Wahrscheinlich mussten andere umkehren, weil sie verschiedenfarbene Schnürsenkel in den Schuhen oder Lieder mit negativ-dekadenten Texten auf dem Smartphone hatten. Viel flotter gings bei Pauli – falls man auf dem Weg zum nächsten Kontrollpunkt nicht in eins dieser Wasserlöcher fiel, die wie ganz normale Pfützen aussahen. Punkt für Pauli auswärts.

10) Gibts hier keine Bauaufsicht?
Was in der Glotze wie eine solide gebaute Tribüne aussieht, besteht in Wirklichkeit oft nur aus zusammengeschraubten Stangen und Brettern. Die Blechkiste von Gästeblock in Cottbus sieht zumindest so aus, als wäre sie das Ergebnis planvoller Arbeit. Der Mischmasch aus Stangen und Kunststoffplanen am Millerntor erinnert jedoch eher an ein selbstgebautes Flüchtlingsschiff. Ein kräftiger Windstoß und der gesamte Gästeblock segelt die Elbe hinunter Richtung offenes Meer! Punkt für Cottbus auswärts.

11) Glänzende Perspektiven
Frühlingssonne ist was Feines – außer, man muss während des Spiels ständig blöd in die Sonne blinzeln, so wie im Gästeblock von Pauli. Im Stadion der Freundschaft lässt man die eigenen Fans blinzeln, und nicht die der Gegner. Punkt für Cottbus auswärts.

12) Halbzeitlaune
Die Halbzeitpause eines Spiels markiert so ganz nebenbei auch die Halbzeit der gesamten Auswärtsfahrt und soll hier das letzte Kriterium sein. Doch wie ist die Laune des reisenden Eintracht-Fans zur Halbzeit? An keinem Ort der Welt kann sie besser sein als in Cottbus, denn zur Halbzeit führen wir dort immer mit 1:0. Auf Pauli erlebten Eintracht-Fans letztmalig eine Pausenführung, als Bernd Buchheister noch für den BTSV stürmte. Ein weiterer Punkt für Cottbus auswärts.

Das Fazit des Vergleichs: 7,5 Punkte für Cottbus auswärts, 4,5 Punkte für Pauli auswärts. Cottbus auswärts ist demnach die bessere der beiden Auswärtsfahrten! In der kommenden Saison könnte das Ergebnis sogar noch höher ausfallen – nämlich so deutlich wie der Teamvergleich zwischen dem BTSV und Hansa Rostock auf der Webseite des NDR (siehe oben). Voraussetzung wäre allerdings, dass der FC Energie einen anderen Ordungsdienst im Gästebereich beauftragt. Erst dann werden Eintracht-Fans von uns die Empfehlung kriegen, doch lieber nach Cottbus statt nach Pauli zu reisen…

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