Neue Hymnen für 2012/13 (Teil 1): SC Paderborn 07

On 29. März 2012 by gialloblu

Vergangene Woche gab’s ein Unwetter der besonderen Art an der Elbmündung: Nicht das übliche Gedöns, das man sonst so von der Küste kennt – also Orkanböen, Hochwasser, Sturmflutwarnung – sondern zur Abwechslung einen richtig heftigen Shitstorm: Und der blies dem Sender Radio Hamburg mal so ordentlich die Ziegel vom Dach.

Was war geschehen? Ein Moderator hatte Lotto King Karls HSV-Hymne „Hamburg, meine Perle“ angesichts des ja fast schon feststehenden Abstiegs einfach mal auf die zweite Liga umgedichtet. Teilweise war dies gar nicht nötig, denn Zweitligisten der kommenden Saison wie der FC Energie („Wenn du aus Cottbus kommst, kommst du eigentlich aus Polen.“) oder Hertha und Union („Wenn du aus der Hauptstadt kommst, scheißen wir auf dich und dein Lied.“) kommen sowieso schon in Lotto Kings Originalversion vor. Bereits an diesen kurzen Versen erkennt man: „Hamburg, meine Perle“ ist ein Lied für die ganz zarten Feingeister, in dem jeder sportliche Gegner musikalisch liebevoll umarmt wird. Lotto King Karl stellt sich bei HSV-Heimspielen nur deshalb singend auf die Hebebühne, weil er – fast noch besser als Xavier Naidoo oder John Lennon – uns Menschen miteinander versöhnen und unsere Welt friedlicher machen will. So ist Lotto King Karl!

Leicht kann man sich King Karls blankes Entsetzen vorstellen, als er letzte Woche folgende Hasszeile in der Zweitligavariante von Radio Hamburg ertragen musste: „Wenn du aus Aue kommst, sind deine Eltern wohl Geschwister.“ Heftig! Gegnerische Torwarte brechen an jedem Wochenende weinend im Strafraum zusammen, wenn sie nach einem Abstoß diese Worte aus der Südkurve zu hören kriegen – und zwar seit Jahrzehnten! Welcher Klassiker wird wohl für die nächste Textzeile entstaubt? „Wenn deine Mudda aus Duisburg kommt, schwitzt sie beim Kacken“? Werden in weiteren Stufen der Eskalation sogar alte Blondinen- / Manta- / Häschenwitze aus der Gruft geholt, um sie auf Zweitligisten umzureimen? Stoppt diesen Wahnsinn, vernichtet dieses Lied, bevor zwischen Hamburg und Sachsen ein Krieg ausbricht! Denn die sächsische Presse machte sofort mobil: Diese Wutschrift erscheint aktuell bei google an erster Stelle, sobald man „Inzest, Inzestvorwürfe, Morddrohung, Sachsen“ als Suchbegriffe eingibt.

Dass ausgerechnet sein für Frieden und Fanfreundschaft werbender Song für billige Stehplatz-Parolen missbraucht wird, kränkte den Lotto King sehr. So sehr, dass er prompt seinen Boykott des Oster-Megahit-Marathons von Radio Hamburg androhte. Außerdem schickte er dem Sender in den Tagen des Shitstorms eine Abmahnung. Denn mal ehrlich: Wo kämen wir denn hin, wenn Leute irgendwelche Melodien kapern dürfen, einen eigenen Text drauflegen und das Ganze dann auch noch bei youtube hochladen? Das wäre ja so, als wenn man einen Song der Hair Metal-Band Twisted Sister aus den Achtzigern mit einem neuen Text versieht, zum Beispiel mit „Werdet zur Legende“, das Ganze dann von den Spielern der Eintracht singen lässt und im Internet veröffentlicht. Hätte Twisted Sister früh genug mit Lotto Kings Anwalt gesprochen, könnte die Band sich heute viel mehr Termine beim Frisör und viel weniger eng sitzende Hosen leisten.

Doch was lehrt uns die ganze Geschichte? Erstens: Vereine, die ihre Liga verlassen – und für diese Idee sind wir Radio Hamburg sehr dankbar – sollten sofort den Text ihrer Vereinshymne aktualisieren. Zweitens: Eintrachts nächster Gegner, der SC Paderborn, ist im Aufstiegsrennen noch dick dabei, könnte nächste Saison also erste Liga spielen. Ein Grund für uns, Eintrachts Gegner vom Freitag Abend mal eine erstligataugliche Variante seine Hymne anzubieten. Völlig frei von Inzest, Inzestvorwürfen, oder was falsch informierten Zeitgenossen sonst noch so zu Ostwestfalen/Lippe einfällt. Eine schwierige Mission, denn Paderborns Hymne hat kaum zu toppende Lyrics:

Der liebe Gott singt uns ein Lied
von Glanz und Gloria und Sieg.
Hier unten auf dem Fußballfeld,
hier ist der Mittelpunkt der Welt.
Paderborn – erhebe dich und lauf,
Paderborn – denn Helden geben nie auf.
Und dein Name, Musik in unseren Ohr’n,
SC Pa-haha-derborn!

Natürlich gönnen wir Paderborn den Aufstieg, da wir unseren BTSV lieber gegen interessante Vereine spielen sehen. Sollte der SC Paderborn 07 (gegründet 1985) tatsächlich ins Oberhaus rutschen, würde es dort oben gleich ein wenig strenger nach neureicher Retorte riechen. Also wäre die folgende vielleicht eine Variante, wie man Paderborns Hymne nach einem Aufstieg umdichten könnte:

Der liebe Gott singt keine Lieder,
denkt er an Teams der ersten Liga:
erst Pillen, Golfsburg, Hoffenheim,
und nun PB’s Fusionsverein.
SCP – gegründet in ’nem Jahr
SCP – als Kohl schon Kanzler war.
Prickelnd wie ein Samstag im Möbelhaus,
du Nachfolger vom TuS Schloß Neuhaus!

4 Responses to “Neue Hymnen für 2012/13 (Teil 1): SC Paderborn 07”

  • …und ich sage Euch, es war schon ein echter Verlust, das der Radio Hamburg Osterhasenmarathon so ganz und gar ohne auch nur eine einzige Zeile geschweige denn ein Ton von Loddar äh Loddo King Karl abgelaufen ist. Ich habe mich in Sack und Asche gehült, in’s Kissen geweint und die Sekunden gezählt, bis Ostern vorbei war, damit der King seine Songs für dieses einen Sender wieder freigibt.
    Ob das allerdings bemerkt wird weiss ich nicht, da ich ihn seltenst auf anderen Sendern höre, ausser natürlich ich schalte 90elf ein und erwische die eine Minute vor Anpfiff im Volksparkstadion, wo er dann aus der Retorte über die Soundanlage schmettern darf.

  • Eine Pointe fehlt noch:

    Dieser „Ehren-Song des SC P…“ (http://www.youtube.com/watch?v=m8rR6Wc86zI) erinnert doch von der Melodie hier sehr fatal und ausgerechnet an – „Hamburg, meine Perle“, oder?
    Weiß dies der allseits geschätzte Barmbek-Barde?
    Bekommt er dafür sogar Tantiemen?
    Oder ist die Melodie gar eine uralte Volksweise, die beide – völlig unabhängig von einander – zu Perlen der Pop-Kunst verarbeitet haben?

    mfG, Maschrod-Lion

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