Reise- und Sicherheitshinweise: Dynamo Dresden

On 3. April 2012 by gialloblu

Kürzlich besuchte ich die Webseite des Auswärtigen Amtes, die Warnungen und nützliche Hinweise für alle Reiseziele dieser Welt enthält. Für alle Reiseziele? Nein, denn es fehlt zum Beispiel Eintrachts Reiseziel vom Ostersamstag. Doch aus einleuchtenden Gründen ist das Auswärtige Amt nicht für Dresden zuständig.

Viele Ratschläge, die man bei auswaertiges-amt.de findet, erinnern den Leser daran, wie sicher man doch in der Heimat lebt: „Machen Sie sich kundig, wie Sie sicher zum Spiel kommen und wie Sie nach Spielende das Stadionumfeld schnell und sicher verlassen können“, werden Besucher von Fußballspielen in Buenos Aires gewarnt. „Auf auffällige Kleidung sollte beim Straßenbummel verzichtet werden“, schreibt die Seite über brasilianische Großstädte. „Reisende sollten unbedingt Menschenansammlungen meiden“, heißt es über den Bürgerkriegsstaat Syrien. „Am Wochenende sollte man sich nur in Gruppen in den Innenstädten aufhalten und stets Vorsicht walten lassen“ schreibt man über Südafrika. Nach diesen Eindrücken mag so mancher Eintracht-Fan denken: Eigentlich schade, dass das Auswärtige Amt nichts für den Fernreisenden schreibt, den es Richtung Rudolf-Harbig-Stadion verschlagen hat. Denn die Textbausteine von Argentinien bis Südafrika könnte man doch wortwörtlich auch für Sicherheitshinweise in Dresden verwenden, oder?

Zur Erinnerung: In der letzten Saison reisten wir zu fünft, einschließlich zwei Vätern mit jeweils einem Sohn, zu Eintrachts Spiel bei Dynamo. Wir parkten den PKW am Bürgersteig vor dem offiziell empfohlenen Gästeparkplatz an der Strehlener Straße, von wo wir direkt Richtung Gästeblock gingen. Nach Spielschluss machten wir uns sofort auf den Rückweg. Die Bilanz des Besuchs: Auf dem Weg zum Gästeblock wurden wir noch ganz harmlos von mehreren Kapuzenträgern mit schwarz-gelben Schals angerempelt. Auf dem Rückweg kamen an der Bürgerwiese ähnliche Typen aus dem Gebüsch gesprungen, versuchten uns als Gruppe zu trennen und brüllten uns ins Ohr, dass wir uns verpissen sollen und dass wir was auf die Fresse kriegen werden. Letzteres passierte allerdings erst wenige Meter später am Lennéplatz, wo etwa ein Drittel der an der Straßenbahnhalte abhängenden Dynamo-Fans plötzlich angerannt kam, uns jagte und den Beutel mit unserer Zaunfahne klaute. Sobald heute jemand sagt: „Dynamo-Fans sind alles Verbrecher“, denke ich mir: Nö, nicht alle, sondern nach meiner Erfahrung bloß ein Drittel. Die Zweidrittelmehrheit ist nämlich absolut friedlich: Die gucken ganz friedlich zu, was das andere Drittel so treibt.

Im Laufe dieses Dresdner Nachmittags wurde an unserem Auto übrigens auch ein Außenspiegel abgetreten, so dass unser materieller Schaden dem Preis von knapp 100 Dynamo-Geistertickets entsprach – eine Währung, die man in Dresden bestens kennt, und die eben auch für die außerordentliche Loyalität vieler Dynamo-Fans steht: Ein mit über 30.000 Geistertickets „ausverkauftes“ Stadion für das Geisterspiel gegen Ingolstadt! Auch gelang hunderten Dresdnern der Eintritt zum Spiel bei Eintracht Frankfurt, wo Gästefans wegen der Krawalle in Dortmund eigentlich ausgeschlossen waren, und leisteten so einen Beitrag, dass der Ausschluss von Gästefans aus dem Strafenkatalog des DFB verschwinden soll. Zum Glück, denn ohne Gästefans ist die Stimmung im Stadion nur halb so gut! Andererseits darf man sich in Dresden auch mal ernsthaft fragen, ob diese typische Progromstimmung gegenüber Gästefans – die wir schon bei früheren Besuchen bei Dynamo erlebten, die auch Fanclubs anderer Vereine dort schon erlebten – am Ende nicht denselben Effekt haben wird: Besteht dein idealer Samstag darin, dass man dir kurz vorm polnisch-tschechischen Dreiländereck auf offener Straße eine ballert und die Klamotten rupft, bevor du im frisch verbeulten Auto zurück nach Hause fährst? Lautet deine Antwort Nein, wirst du Dresden wohl nie wieder freiwillig besuchen. Und dann wirds irgendwann auch mal ziemlich leer sein im Dresdner Gästeblock.

Damit am kommenden Samstag individuell anreisende Fans möglichst sicher an- und abreisen können, übernehmen wir gerne den Job, für den eigentlich die Eintracht-Homepage zuständig wäre, und erteilen im Stil des Auswärtigen Amtes ein paar Sicherheitshinweise für Reisende nach Dresden. Im Prinzip gelten die gleichen Verhaltensregeln wie für Reisen nach Argentinien, Brasilien oder Südafrika – mit der Ausnahme, dass man sich weder über ein Visum, noch über Cholera oder Malaria Gedanken machen muss:

„Außerhalb des Stadions sollten Reisende stets Vorsicht walten lassen und sich nur in Gruppen bewegen. Auf blau-gelbe Kleidung sollte beim Straßenbummel verzichtet werden. Die Menschenansammlungen zwischen dem Gästeparkplatz Strehlener Straße und Stadion (Haltestelle Lennéplatz, total-Tankstelle an der Gerhart-Hauptmann-Straße) sind unbedingt zu meiden. Um sicher zum Spiel zu kommen und nach Spielende das Stadionumfeld schnell und sicher zu verlassen wird empfohlen, den eigenen PKW im Parkhaus am Hauptbahnhof abzustellen, von wo Gäste nach Ankunft des Entlastungszugs (um 11:15 Uhr) gemeinsam mit den anderen Eintracht-Fans in Shuttlebussen zügig zum Stadion gefahren werden.“

Zwei aus unserer letztjährigen Fahrgemeinschaft – ein Vater und sein Sohn – können am Samstag nicht dabei sein. Denn sie wohnen inzwischen in Südafrika, da Papa beim Auswärtigen Amt arbeitet. Ob die beiden dort schon mal auf dem Weg in die WM-Arena ihrer neuen Heimatstadt, wo die blau-gelben Mamalodi Sundowns aus der Premier Soccer League manchmal spielen, überfallen wurden? Nach allem, was ich weiß, nein. Vielleicht sind ja Reisen in Länder wie Argentinien, Brasilien und Südafrika für Reisende gar nicht so wahnsinnig gefährlich, wie immer behauptet wird.

Oder zumindest nicht so gefährlich wie ein Auswärtsspiel bei Dynamo Dresden.

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