Nagelprobe für DFB und DFL: darf Düsseldorf so aufsteigen?

On 16. Mai 2012 by togo

Der Rasendieb von DüsseldorfNach nicht einmal einer halben Minute Spielzeit schien der Drops gelutscht: da hatte Maximilian Beister im Rückspiel der Bundesliga-Relegation das 1:0 erzielt. Fortuna Düsseldorf ganz klar auf Bundesliga-Kurs. Mich hat’s gefreut – aus alten Zeiten habe ich noch Sympathien für diesen Verein mit dem gleichen Gründungsjahr wie unsere Eintracht. Alles war bereit für einen langweiligen Fußballabend: Hertha BSC Berlin war aus dem Rennen, und dass diese Mannschaft im Rheinstadion wirklich noch zwei Tore schießen würde, daran glaubte doch niemand mehr.

Hertha tat es aber doch. Und weil Düsseldorf auch noch einmal traf, stand es kurz vor Schluss 2:2. Hertha spielte trotz Unterzahl ein starkes Powerplay, und die Fortunen schienen stehend ko. Das 3:2 für Berlin lag in der Luft. Nach einem Konter des Zweitligisten dann das Unglaubliche: Düsseldorfer Fans missdeuteten einen Pfiff (?) des bis dahin hervorragend leitenden Schiedsrichters Wolfgang Stark und begannen mit den Aufstiegsfeierlichkeiten – blöderweise auf dem Rasen, und noch vor dem Abpfiff. Die Spieler beider Teams flüchteten in die Kabinen, es dauerte zwanzig Minuten, bis das Spielfeld wieder frei war. Einer dagegen war weg: ein Düsseldorfer Fan hatte sich zu dem Zeitpunkt bereits den Elfmeterpunkt ausgeschnitten und als Souvenir eingesteckt…

Mit viel Überredungskunst gelang es Schiri Stark, die Hertha zum Weiterspielen zu bewegen. Und hier kommen wir zur Bewertung: ich bin der Meinung, dass es für die Berliner Spieler nicht zumutbar war, noch einmal auf den Rasen zurückzukehren. Todesangst hätten sie gehabt, heißt es in den Medien. Das ist nachvollziehbar. Denn man stelle sich einmal das Szenario vor, die Berliner hätten wirklich noch zum 3:2 getroffen. Wer will garantieren, dass der Düsseldorfer Mob dann nicht durchgedreht wäre? Dass man den Platz trotz Polizei und Ordner problemlos binnen Sekunden stürmen konnte, hatte man ja bereits bewiesen.

Vor der von Düsseldorfer Zuschauern verursachten Unterbrechung war Hertha am Drücker. Die wenigen Sekunden, die Stark dann noch nachspielen ließ, konnten sie nichts mehr ausrichten – mental wohl blockiert, allerdings hatte sich der Gegner auch zwanzig Minuten erholen können. Deutlicher irregulär kann ein Spiel wohl nicht zu Ende gehen.

Hertha BSC erwägt Protest gegen die Spielwertung. Das ist nicht nur ihr Recht, sondern sogar ihre Pflicht. Denn es wäre unerträglich, wenn der deutsche Fußball nach diesen Vorkommnissen sofort wieder zur Tagesordnung überginge. Schiri Wolfgang Stark hat gestern Abend das Richtige getan, damit die Situation nicht eskaliert. Bei einem Abbruch wäre der Mob wohl ausgerastet. Weitere Schritte obliegen jetzt dem Sportgericht des DFB und der DFL. Mit „Tatsachenentscheidung“ kommt man dieses Mal nicht davon. Stark hat wohl einen Regelverstoß begangen, als er trotz der offensichtlichen Bedrohung wieder anpfiff. Dieser Regelverstoß aber war in der Situation richtig. Trotzdem fanden die letzten 50 Sekunden irregulär statt. Denn den Berlinern war ein Weiterspielen angesichts der Bedrohung durch den Düsseldorfer Mob nicht zuzumuten. Hertha-Manager Michael Preetz hatte Schiri Stark vor dem Wiederanpfiff ausdrücklich gefragt, ob er für die Sicherheit der Berliner Spieler garantieren könne. Das soll Stark verneint haben. Eine ehrliche Antwort, aber sie macht klar, um was es gestern Abend ging, als Stark zu Ende spielen ließ: Deeskalation. Die Wahl des kleinsten Übels, wenn man so will.

Wir dürfen gespannt sein, wie die Verbände jetzt urteilen. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass Düsseldorf so nicht aufsteigen darf – ein Platzsturm der eigenen Fans hat den Gästen die Chance genommen, sportlich den Klassenerhalt zu schaffen, das steht außer Frage. Dieser Umstand muss bedacht werden. Auch, dass das Spielfeld zu dem Zeitpunkt bereits beschädigt war – es fehlte ja nicht nur der Elfmeterpunkt. Die einzige logische Konsequenz wäre wohl ein Wiederholungsspiel unter Ausschluss der Zuschauer. Oder ein Entscheidungsspiel an einem neutralen Ort – auch ohne Fans. Allerdings spielt der Fortuna hier der Termindruck der Verbände in die Karten, denn die EM in Polen und der Ukraine steht unmittelbar vor der Tür. Freie Termine für ein solches Spiel gibt es keine. Und ein etwaiges Entscheidungsspiel erst nach der Europameisterschaft stattfinden zu lassen, ist für beide Vereine nicht zumutbar – die gesamte Saisonplanung läge bis dahin auf Eis, ein unglaublicher Nachteil gegenüber der Ligenkonkurrenz.

Ich möchte jetzt nicht in der Haut der Funktionäre stecken. Noch viel weniger aber möchte ich jetzt mit dem Düsseldorfer Fan tauschen, der sich den Elfmeterpunkt aus dem Rasen ausschnitt. Denn sein Bild wird Teil sämtlicher Saisonrückblicke werden, quasi ein Vollhonk für die Ewigkeit.

Was meint Ihr? Tatsachenentscheidung? Oder sollte es ein Wiederholungsspiel geben?

One Response to “Nagelprobe für DFB und DFL: darf Düsseldorf so aufsteigen?”

  • Das Chaos war groß gestern Abend und man kann das Ende wohl zurecht als irregulär bezeichnen. Der Platzsturm war leider etwas zu früh, so dass die oben beschriebene Situation entstand. Dort hätte man früher auf die Fans einwirken müssen, die ja zum Teil schon vor der 90. Minute über die Banden kletterten.

    Allerdings finde ich es schwierig, hier ein Wiederholungsspiel zu forden. Bei unserem Aufstieg 2002 fand auch ein verfrühter Platzsturm statt, aber da war der Skandal wohl nicht so groß, das Geschehen abseits der Medien.

    Ganz unabhängig von moralischen Kriterien hab ich mich gestern bestens unterhalten gefühlt. Und das es knallt bei Relegationsspielen, naja das ist ja fast vorprogrammiert, bei der Sache um die es geht. Hatte was von römischen Gladiatorenspielen, von dehnen einige Behaupten, dass der Fußball ja die moderne Version sein soll.

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