Relegation: Große Spannung und Dramatik

On 16. Mai 2012 by gialloblu

„Relegationsspiele haben in der Vergangenheit eigentlich immer für große Spannung und Dramatik gesorgt. Diesen zusätzlichen Spannungsfaktor wollen wir einfach wieder nutzen, um die Bundesliga und 2. Bundesliga noch interessanter zu machen“, erklärte Holger Hieronymus, damaliger DFL-Geschäftsführer Spielbetrieb gegenüber bundesliga.de, als vor fünf Jahren The Revival of Relegation beschlossen wurde.

Heute, 24 Stunden nach dem Relegationsspiel Düsseldorf gegen Hertha, wissen wir, dass Hieronymus‘ Hoffnungen sich mehr als hundertprozentig erfüllt haben: Gab’s Spannung? Aber sicher! Gab’s Dramatik? Aber hallo! Ist die Bundesliga über Nacht noch interessanter geworden? Absolut! Das Spiel von gestern war heute der große Aufmacher von Tageszeitungen und Nachrichtendiensten. Sogar der Innenminister, der Bundestrainer und die Gewerkschaft der Polizei haben sich zum Spiel in Düsseldorf geäußert. So viel Resonanz beweist: Relegation rockt!

Kein Wunder, denn bei Auf- und Abstiegen geht’s heutzutage mal so richtig um die Wurst: Waren in den Achtzigern Relegationsduelle wie Homburg gegen Uerdingen gegen Saarbrücken gegen Stuttgarter Kickers einfach mal eine Chance mehr als 4000 Zuschauer zum Heimspiel anzulocken, kann ein Abstieg heutzutage für Traditionsvereine existenzbedrohend sein: Hansa Rostock musste letzte Woche im Rathaus betteln, in Kaiserslautern und Aachen ist die Begeisterung für teure Arenen inzwischen komplett verpufft, und bei Hertha könnte der Einstieg eines Großinvestors aus Abu Dhabi bald die Seele des Vereins auslöschen. Vor diesem Hintergrund sorgen Relegationsspiele – und so war es ja ursprünglich auch geplant – in der Tat für einen verdammt hohen Spannungsfaktor.

Die daraus abzuleitende Forderung ist eindeutig: Es sollte in jeder Saison viel, viel mehr Relegationsspiele geben! Nicht nur der Dritte der Zweiten gegen den Drittletzten der Ersten, Düsseldorf gegen Hertha, sondern gerne auch der Viertletzte gegen den Vierten: HSV gegen Pauli. Oder der Neuntletzte gegen den Neunten: Nürnberg gegen Dynamo Dresden. Wetten, dass solche Paarungen auch außerhalb des Rasens für unvergessliche Szenen sorgen können? Eine wirklich leichte Aufgabe gäbe es übrigens für den Achten, Eintracht Braunschweig, gegen den Achten von hinten aus Hoffenheim: Die BSG TSG verlor zuletzt sogar gegen Hertha – Eintracht wäre in der kommenden Saison zurück in der ersten Bundesliga!

Auch an den Schnittstellen zwischen zweiter und dritter Liga könnten jede Menge Relegationsduelle den Fußballkalender im Monat Mai aufwerten: Alle Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte in Liga zwei duellieren sich mit der oberen Hälfte aus Liga drei: So hätten Hansas Fans auch endlich mal die Gelegenheit, den Flecken Sandhausen kennenzulernen – in der Saison 2010/11 blieb dort der Gästeblock wegen der hanseatischen Pyro-Exzesse in Dresden geschlossen.

Ach ja, Pyro-Exzesse. Da war ja gestern was. Gut, man muss die Fans auch verstehen: Da bestellt man sich ein Päckchen Sprengstoff im Internet und beim Auspacken liest man „Mindestens haltbar bis: Saisonende 2011/12“. Da man sich mit dem polnischen Umtauschrecht bei Onlinekäufen nicht so richtig auskennt, fackelt oder böllert man den ganzen Kram dann einfach bei letzter Gelegenheit – also beim zweiten Relegationsspiel – schnell noch ab. Ganz ehrlich: Ich wüsste auch nicht, ob das Zeug nach Ablauf des Verfallsdatums in die gelbe, schwarze oder orange Tonne gehört. Da versteh ich die Leute, die den Kram auf den allerletzten Drücker schnell noch ans Feuerzeug halten.

Das Problem dabei: Böllern und Brennen ist in deutschen Stadien bekanntlich verboten. Herthas Fans böllerten gestern wie damals im Herbst die Dresdner in Dortmund? Dafür gibt es durch den DFB einmal Geisterspiel. Heimfans stürmten gestern den Platz, während das Spiel noch läuft? Da muss anschließend zumindest die halbe Hütte leerbleiben, so wie vor einem Jahr nach dem Frankfurter Platzsturm gegen Köln. Fazit: Relegationsspiele sind richtig aufregend und spannend. Doch am ersten Spieltag der folgenden Saison hätte vielleicht jeder Verein außer Hoffenheim, Ingolstadt und Wolfsburg ein Geisterspiel. Das ist blöd, denn leere Stadien am ersten Spieltag der neuen Saison sehen irgendwie traurig aus. Es wäre auch blöd für die DFL, die so gerne die Vermarktungsmöglichkeiten der Bundesliga im Ausland verbessern möchte. Was also tun?

Aus diesem Dilemma hilft eine längst wieder verbuddelte Idee der englischen Premier League von vor fünf Jahren: Man richtet einen kompletten Spieltag in der Fremde aus: Damals nannte man die Idee „Game 39“ – ein zusätzlicher 39. Spieltag, dessen Spiele in internationalen Wachstumsmärkten wie Fernost, arabische Halbinsel oder Nordamerika ausgetragen werden. Eine Idee vielleicht auch für die DFL? „Spieltag 1“? Am ersten Spieltag der neuen Saison, wenn fast alle Vereine als Folge von Platzsturm und/oder Pyro während der Relegation zu Hause eine (teilweise) Platzsperre haben, verlegen wir die Spiele einfach ins Ausland! Warum auch nicht? Die DFL reaktiviert bekanntlich gerne Ideen, die vor Jahren verworfen wurden – wie wir am Beispiel der Relegation sehen konnten!

So kickt dann am ersten Spieltag der neuen Erstliga-Saison zum Beispiel Eintracht Frankfurt (Platzsperre nach erfolgreicher Relegation gegen den 1.FC Köln) gegen Hannover in Singapur. Eintracht Braunschweig (Platzsperre nach Schmähgesängen gegen Hopp in der Relegation) gegen Wolfsburg in Bangkok. Düsseldorf (Platzsperre nach Platzsturm gegen Hertha) spielt gegen Schalke in Riad, Saudi-Arabien. Pauli (Platzsperre nach Wurf einer Kassenbonrolle Registrierkasse gegen einen HSV-Spieler) spielt gegen Bayern in Miami. Mit diesem auswärtigen Spieltag hätten alle Vereine ihre heimischen Platzsperren aus der Relegation verbüßt, und gleichzeitig im Ausland Werbung für die Bundesliga gemacht!

Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Bei einem ersten Spieltag im Ausland könnten mögliche Troublemaker – ganz im Sinne von Innenminister, Bundestrainer und Gewerkschaft der Polizei – elegant für den Rest der Saison aus dem Verkehr gezogen werden. In Singapur vor Spielbeginn verdautes Gilde an den Zaun gestrullert? Dieser 96-Fan sieht für ein Jahr kein Tageslicht mehr! In Bangkok als grün-weiße Konzernhure rumgelaufen? Prostitution ist in Thailand offiziell verboten – Gemeinschaftszelle mit neun Triebtätern aus aller Welt bis Mai 2013! In Arabien eingeschmuggeltes Alt oder Veltins öffentlich gesoffen? Erst zwanzig Peitschenhiebe, dann ein Jahr Gefängnis! In Miami dem Bullen mal die antifaschistische Meinung an den Kopf geknallt? Prompt gibt’s für den Pauli-Fan ein Jahr im orangen Overall auf einer Karibikinsel ohne Telefon. In Moskau beim Zweitligaauftakt gegen Aalen mal einen Böller in den Innenraum geworfen? Dieser Herthaner darf sich nach 60 Jahren als erster Deutscher wieder im sibirischen Gleisbau beweisen!

In den verschiedenen Gefängnissen und Straflagern dieser Welt würden die Verhafteten selbst als treue Fans zum Glück nichts Wesentliches verpassen: Denn bis Mai 2013, zu den nächsten beiden entscheidenden Spielen ihres Vereins in der Relegation, wären die Meisten wieder auf freiem Fuß. Frisch aus dem Bau entlassen könnten sie beim entscheidenden Spiel der alten Saison wieder fackeln oder den Platz stürmen. Ein Pflichtspiel später, am „Spieltag 1“, gleich ein weiteres mal. Um dann bis zum Ende der Saison 2013/14 wieder im Knast in Indonesien, Katar oder Kalifornien zu verschwinden.

Eine Win-Win Situation? Ich glaube schon: Denn an den restlichen 33 Spieltagen der Saison, zwischen dem internationalen „Spieltag 1“ und der Relegation, wären weder vorzeitige Platzstürme, noch Schmeißorgien von Böllern, noch Raketenbeschüsse von gegnerischen Fans und Spielern zu befürchten. Gebt euch also einen Ruck, ihr Funktionäre von der DFL: Übernehmt diese Idee – auch wenn sie seit heute nicht mehr ganz neu ist. Ihr habt doch schon viel ältere Ideen mit Begeisterung wieder aufgegriffen…

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