Platzsturm-Chaos und Prozess-Wahnsinn: Das war die Sommerpause der Schande!

On 24. Mai 2012 by gialloblu

Die Bilder erinnerten an Pearl Harbour oder an die Bombennacht von Dresden: Kamikaze-Kutten, unaufhaltbare Ultras, brennende Bengalos, fliehende Fußballer. Vor den Fernsehgeräten Millionen wehrloser Zuschauer, die Mitte Mai das Relegations-Gemetzel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC live erleben mussten. Trauma, Tränen, Tribünen-Taliban!

Doch wie zwei Phönixe aus der Asche abgebrannter Bengalo-Fackeln stiegen in den beiden Monaten nach der Düsseldorfer Chaos-Nacht zwei Sportanwälte zu Superstars der nationalen und internationalen Sportgerichte auf: Hertha Winkel und Lotte Advokat!

Erst zündete Hertha Winkel ein juristisches Feuerwerk vor dem internationalen Sportsgerichtshof CAS, wo sie im Juni den Hauptstadtclub vertrat: In ihrem Schlussplädoyer schilderte Sie dem 85-jährigen Richter aus der Mongolei auf so eindringliche Weise, wie die Blau-Weißen aus Todesangst vor diesen rot-weißen Krawallbrüdern und -schwestern in den letzten zwei Minuten der Nachspielzeit das Tor nicht treffen konnten. Außerdem habe der Schiedsrichter 27 Sekunden zu früh abgepfiffen. Daraufhin entschied der Richter, dass es eine Woche vor Beginn der neuen Zweitligasaison, also morgen, ein Wiederholungsspiel geben soll. Doch diesmal werden die feigen Gewalttäter keine Chance haben: Denn der Richter entschied, dass alle Zuschauer beim Kauf einer Karte unterschreiben müssen, dass sie weder Fan-Idioten noch Bengalo-Chaoten sind. Würde unsere Justiz immer so hart und konsequent durchgreifen wie dieser mutige mongolische Richter, gäbe es schon längst nicht mehr dieses grausame Gewaltproblem in deutschen Stadien!

Wenige Stunden nach dem Urteil des CAS ließ dann Lotte Advokat ihre erste juristische Bombe platzen: Sie setzte vor dem DFB-Sportgericht durch, dass die Spielvereinigung Lotte als zusätzlicher Aufsteiger neben Borussia Dortmund II in die dritte Liga aufsteigen darf. „Der Richter folgte meiner Argumentation, dass Rot-Weiss Essen im Heimspiel gegen den Meister der Regionalliga West, gegen Dortmund II, zu wenig Widerstand leistete“, so Lotte Advokat. „RWE verzichtete auf einige Stammspieler. Drei Spieler von RWE ließen sogar auf eine eigene Niederlage wetten. Gegen so einen Gegner wäre Sportfreunde Lotte doch auch aufgestiegen!“ Wir finden: Spieler, die absichtlich verlieren, machen den Fußball fast so sehr kaputt wie Bengalo-brennende Chaos-Chaoten!

Angespornt durch ihren Erfolg vor dem DFB-Sportgericht löste die listige Lotte eine Prozesswelle aus, auf der viele Vereine reiten wollten: Acht Zweitligisten klagten, weil ihre direkten Konkurrenten Sonntags gegen Rostock spielen durften, nachdem der FC Hansa am Freitag ein paar Stammspieler wegen übertriebener Partylaune suspendiert hatte. Zwölf Erstligisten klagten, weil ihre Konkurrenten Samstags gegen Wolfsburg spielen durften, nachdem Magath am Donnerstag die halbe Stammelf unwiderruflich aus dem Kader gestrichen hatte. Die Folge: Die Bundesliga hat in dieser Saison drei Meister, sieben Champions League-Teilnehmer und keinen Absteiger – außer vielleicht Hertha BSC, dass sich jedoch noch durch das Widerholungsspiel gegen Düsseldorf retten kann. Hat der Haupstadtverein also auf die falsche Strategie, auf das falsche Pferd gesetzt? Hätte er sich auch besser von Lotte Advocat vor Gericht vertreten lassen sollen?

„Nein“, findet Sportanwältin Hertha Winkel. „Meine Strategie, mit den Panikbegriffen Platzsturm, Gemetzel und Blutvergießen wahllos Spielergebnisse anzufechten, hat sich bisher in allen Fällen bewährt.“ Ihr unglaublichster Coup: Sie erstritt für Rot-Weiss Essen das Recht, in der kommenden Saison in der zweiten Liga zu spielen. Für Rot-Weiss Essen! Zweite Liga! Allein für diese Leistung gebührt Hertha Winkel der Jura-Nobelpreis, der jährlich in Kopenhagen verliehen wird. Ein Titel, der – mindestens so sehr wie ein Sieg im Eurovision Song Contest – unbedingt wieder zurück nach Deutschland gehört!

Doch wie kam es zu dieser juristischen Jahrhundertleistung? Wir erinnern uns: Hertha Winkel hatte auf der Suche nach Opfern von fangesteuerter Fußballgewalt Fälle von Platzstürmungen aus den letzten zehn Jahren aufgerollt. Fälle, um die sich die Aktenschubser unserer chronisch laschen Justiz jahrelang nicht gekümmert haben. „Vor zehn Jahren gab es einen Platzsturm, als beim Aufstiegsendspiel zwischen Eintracht Braunschweig und Wattenscheid 09 in der Nachspielzeit das 2:1 fiel“, so Hertha Winkel. „Im Jahrbuch 2001/2002 von eintracht.com steht auf Seite 82, dass drei Minuten Nachspielzeit angezeigt waren. Auf Seite 85 steht: 15:47 Uhr: Schlusspfiff! Drei Minuten Nachspielzeit wären jedoch frühestens um 15:48 Uhr vorbei gewesen! Und zwischendurch war ja sogar noch ein Tor gefallen! Mit anderen Worten: Wie bei Fortuna gegen Hertha pfiff der Schiedsrichter eindeutig zu früh ab. Und wie bei Fortuna gegen Hertha standen in der Nachspielzeit hasserfüllte Fan-Fanatiker am Spielfeldrand, so dass der Gegner Angst vor einem Blutbad haben musste!“ Wer sich dieser messerscharfen Analyse nicht anschließt, schmuggelt wahrscheinlich selber Messer ins Stadion um Elfmeterpunkte aus dem Rasen zu schneiden!

Kein Wunder, dass dieser Fall beim Braunschweiger Platzsturm-Pöbel für große Aufregung sorgte. Unbeeindruckt vom blau-gelben Mob ordnete der 85-jährige CAS-Richter von den Osterinseln eine Wiederholung des Spiels Eintracht gegen Wattenscheid in Originalbesetzung an: Eintracht spielte mit Veteranen wie Uwe Zimmermann (50) und Daniel Teixeira (44). Wattenscheid mit Halil Altintop (Trabzonspor) und Hamit Altintop (Real Madrid). Das Wiederholungsspiel endete 3:3, so dass RW Essen in der Abschlusstabelle der Saison 2001/02 nachträglich an der Eintracht vorbei zog. Da das DFB-Schiedsgericht zuvor entschieden hatte, dass aus technischen und terminlichen Gründen die Saisons von 2002/03 bis 2011/12 nicht komplett wiederholt werden können, hat der Positionstausch unmittelbare Auswirkung auf die kommende Saison: Der neue Regionalliga-Dritte von 2002, Eintracht Braunschweig, spielt kommende Saison in der Regionalliga. Der neue Regionalliga-Zweite und Zweitliga-Aufsteiger von 2002, RW Essen, spielt in der kommenden Saison in der zweiten Liga. Gerechtigkeit darf keine Grenzen kennen, erst recht keine zeitlichen Grenzen!

„In dieser Angelegenheit ist das letzte Wort allerdings noch längst nicht gesprochen“, behauptet Sportanwältin Lotte Advokat, die inzwischen den BTSV vor Gericht verteidigt. „Wir untersuchen gerade ein anderes, entscheidendes Spiel aus der Saison 2001/2002: RW Essen verlor zu Hause gegen den späteren Regionalligameister, VfB Lübeck, mit 0:1. Sollte RW Essen, wie so oft, gegen einen Tabellenführer mit einer geschwächten Mannschaft gespielt haben, vielleicht sogar gewettet haben, werden wir vor dem DFB-Sportgericht darauf plädieren, dass Eintracht Braunschweig zum zusätzlichen Aufsteiger der Saison 2001/2002 erklärt wird – ähnlich wie beim Fall Sportfreunde Lotte in der abgelaufenen Saison!“

Dieser Klage gibt die Anwältin von RW Essen, Hertha Winkel, jedoch kaum eine Aussicht auf Erfolg: „Dass RW Essen zu Hause 0:1 gegen Lübeck verliert, ist doch vollkommen normal. Ich erinnere an den letzten Spieltag vor vier Jahren!“ Ihre Mission bei RWE hätte allerdings spätestens an jenem Sonntag im Mai enden müssen, als hunderte Radau-Rowdys nach dem Spiel zweier Traditionsmannschaften den Rasen des Georg-Melches-Stadion stürmten und selbst eine Vereinslegende wie Ente Lippens nur knapp einem Blutbad entkam.

In einem Punkt sind sich die beiden Phönixe unter den Sportanwälten jedoch einig – bei der Antwort auf die Frage, wer Schuld am sommerlichen Tsunami aus Klagen und Prozessen ist: „Sie wissen ja, in welcher Stadt das Bundesverfassungsgericht seinen Sitz hat“, so die Sportanwälte Winkel und Advokat. „Der Auslöser war, bereits einen Tag vor Fortuna gegen Hertha, Jahn Regensburg. Denn der SSV Jahn ging, um in seiner Relegation erfolgreich zu sein, tatsächlich den ganzen weiten Weg bis nach Karlsruhe!“

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