Online-Journalismus: Höher, schneller, weiter – schlampiger?

On 30. Mai 2012 by togo

Zwei Veteranen, die man in den 70ern überall traf: Opel Kadett B und VW Käfer. Spitze? Keine 130 ;)Alles wird schneller. Die Autos zum Beispiel. Noch Anfang der Siebziger konnte ein Mittelklassefahrzeug maximal vielleicht 130 km/h fahren – wenn es denn bergab ging, wie in den Kasseler Bergen. Mittlerweile sind diese 130 km/h Richtgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen – bis auf Smart (abgeriegelter Motor) und Dacia (- hier bitte eigene Begründung einsetzen -) schafft das so ziemlich jeder zeitgenössische PKW locker aus der Hüfte. Oder auch der Fußball. Ich habe mir letztens noch einmal das WM-Finale von 1974 angeschaut. Im Vergleich zu heute war das reiner Standfußball. Wenig athletisch, wenig Gerenne. Welcher Weltklassespieler früherer Zeiten würde es denn mit seiner damaligen Spielweise jetzt noch in die Bundesliga schaffen? Wahrscheinlich keiner, machen wir uns da nichts vor.

Auch die Berichterstattung ist schneller geworden. Im Zeitalter des Internets erwartet die Leserschaft umgehende und umfassende Informationen. Im Kampf um Reichweite und Klicks gilt dabei nicht selten: wer sich zu viel Zeit lässt mit einem Artikel, verliert. Denn die Konkurrenz schläft nicht und veröffentlicht, sobald sie meint etwas zu haben. Auf der Strecke bleiben dabei nicht selten – mittlerweile ist es eher die Regel – die journalistische Sorgfaltspflicht und die Pflicht zur Objektivität. Schlampige Recherche einerseits, viel zuviel eigene Meinung andererseits – das Internetzeitalter tut dem Qualitätsjournalismus nicht gut. Noch auf dem gleichen Blatt Papier steht dabei das Problem, dass die Verlage die Gehälter ihrer Redakteure – dem wachsenden Arbeitsaufwand und -druck entgegen – immer weiter senken. Aktuell streikt gerade die Belegschaft der Nordwest-Zeitung in Oldenburg. Der Grund? Der Verlag ist aus dem Tarifvertrag ausgestiegen, hat dazu eine eigene Leiharbeitsfirma gegründet, über die qualifizierte Redakteure zu Niedriglöhnen und ohne arbeitsrechtlichen Schutz an die eigenen Redaktionen verliehen werden. Aber die NWZ ist bei weitem nicht das einzige Medium, das so vorgeht. Bundesweit finden sich solche Negativbeispiele. Qualitätsjournalismus zum Dumping-Preis? Geht nicht. Gibt’s nicht.

Ein weiterer Grund für den wachsenden Druck auf die traditionellen Medien sind die wie Pilze aus dem Boden sprießenden Online-Portale. Die veröffentlichen ihre Beiträge gern noch schneller und noch schlechter recherchiert (und mit noch mehr eigener Meinung garniert) als die Zeitungen und Magazine. Im Forum des BSV Kickers Emden stieß ich jetzt auf einen Artikel eines solchen Portals, der sich perfekt als Anschauungsobjekt eignet. Denn der Verfasser baute in den nur wenige Absätze langen Text über einen Gastspielauftritt des deutschen Double-Siegers Borussia Dortmund beim SV Meppen mehrere eklatante Fehler ein, die bei einer sorgfältigen Recherche leicht hätten vermieden werden können. Der User Embdena fand: „Das ist der mit ABSTAND schlechteste Artikel den ich je gelesen habe. Wurde der von einem Hund geschrieben? Da stimmt ja mal so gut wie gar nichts in dem Text.“ Auf Nachfrage erklärt Embdena dann auch gleich, was alles nicht stimmt. Die Leopedia, Euer Online-Fachmagazin für belastbaren und faktensicheren Journalismus, hat diese Erklärungen einfach mal abgekupfert. In der Tages- und Magazinpresse heißt so etwas dann übrigens Eigenrecherche. Fürs einfache Vergleichen bitte diesen Link öffnen und geöffnet lassen – Stand Mittwoch 11:30 Uhr hat der Verfasser die Fehler noch nicht korrigiert. Es kann aber sein, dass das noch passiert. Online-Portale bessern regelmäßig nach, was eine Tageszeitung nicht kann. Auch die Leopedia, Euer Duden-Ersatz im Internet, tut das. Allerdings nur bei haarsträubenden Rechtschreibfehlern. Versprochen.

  1. Florian Kringe wird nicht in Meppen auflaufen. Er wechselt bekanntlich zum 1.FC Köln
  2. Julian Koch wird zum MSV Duisburg ausgeliehen, ist auch nicht dabei.
  3. Daniel Ginczek (nicht Ginszek) ist kein Neuzugang. Er war bisher lediglich vom BvB an den VfL Bochum ausgeliehen. Dortmund möchte ihn weiter ausleihen, Ginczek wird also wohl auch nicht in Meppen auflaufen.
  4. BvB-Coach Jürgen Klopp wird keinem seiner Spieler einen extralangen WM-Urlaub gestatten, weil keine Weltmeisterschaft stattfindet.
  5. Sven Bender wurde aus dem Kader der Nationalmannschaft gestrichen und wird deshalb keinen Extra-Urlaub nach der Europameisterschaft benötigen.
  6. Leonardo Bittencourt wird einen guten Monat vor dem Zeitpunkt des Testspiels wieder fit sein – voraussichtlich.

Sechs einfache Fehler in einem kurzen Text – mehr als nur ein Symptom unserer schnellen Zeit. Und in diesem Fall sogar ärgerlich für das Portal, denn der Artikel beschreibt eine durchaus realistische Version: Borussia Dortmund wird aller Voraussicht nach mit einer arg ausgedünnten Truppe im ehemaligen Hindenburg- und heutigen Emslandstadion (sehr originell, nebenbei bemerkt) auflaufen. Diese Aussage aber tritt in den Hintergrund, weil die handwerklichen Fehler zu schwer wiegen. Und das ist wohl dem Tempo geschuldet, mit dem heute veröffentlicht werden muss: die Sorgfalt bleibt auf der Strecke, und damit auch der journalistische Anspruch. Denn was bringt es den Lesern, wenn Artikel zwar schnell erscheinen, dafür aber voller Fehler stecken? Früher war nicht alles besser – aber manches eben schon.

2 Responses to “Online-Journalismus: Höher, schneller, weiter – schlampiger?”

  • Natürlich war früher alles besser – da gab’s bei der Leopedia z.B. noch Stadionquizze 😉

  • Sehr guter Artikel, habe mir so darüber nie Gedanken gemacht, aber es fehlt IMO noch, dass der Schreiberling noch einige Dortmunder Spieler falsch geschrieben hat, auch etwas, was man als Journalist eigentlich zumindest in diesem Maße nicht bringen kann. Im Artikel steht „Pericic“, der Spieler trägt allerdings den Namen Perisic, Robert Lewandowski endet bei nordwestsport auf „y“ und Lucas Barrios wird dort „Lukas“ genannt.
    Zudem ist mindestens eine Sache dort zu sehen, bei der man schon in der Grundschule lernt, dass man das vermeiden sollte und zwar, dass man am Satzanfang sich möglichst nicht wiederholen sollte(allgemein sollte man versuchen, Abwechslung reinzubringen). Im vierten Absatz fängt ein Satz mit „Und“ an(sowieso kein sehr guter Satzanfang, „Außerdem“ oder „Zusätzlich“ wären besser), dann kommt ein Satz mit 5 Wörtern, daraufhin wieder ein mit „Und“ beginnender Satz.
    Ich weiß nicht, ob ich jemals einen schlechteren Artikel gesehen habe, mehrere Rechtschreibfehler, mehrere inhaltliche Fehler, dazu kommt beispielsweise ja noch die bereits im Blogeintrag angesprochene eigene Meinung(„Und der deutschen Elf ein Ausscheiden in der Vorrunde zu wünschen, nur damit eine attraktive Mannschaft in Meppen aufläuft – das geht ja nun doch zu weit.“-Muss jeder Meppener für Deutschland sein und warum darf er sich nicht wünschen, dass sein Verein zum 100.Jubiläum nicht mal gegen den einen oder anderen bekannteren Speiler spielt?).
    Danke auf jeden Fall für diesen Artikel und wenn ich schon dabei bin für den Blog, finde es super, dass es einen Blog von Eintrachtfans gibt, der sich um das Thema Fußball und Eintracht dreht und dabei viele sehr interessante Themen aufgreift und das auch noch gut sowie häufig auch mal lustig. 🙂

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