Mit dem Geißbock auf Entschleunigungstour

On 31. Juli 2012 by gialloblu

Sommerpause. Bei diesem Wort denkt der Fußballprofi nicht nur an schweißtreibende Trainingslager, sondern auch ein paar Ferienwochen. Denn er soll ja auch entspannen, damit er in der kommenden Saison seine maximale Leistung bringen kann. Doch wie entspannt man am besten? Die Antwort weiß dieser Bauernhof in der Nähe von Bad Segeberg: Ein Spaziergang mit einer Hausziege – sei es mit einem Weibchen, also einer Ziege, oder mit einem Männchen, also einem Geißbock. Ein Spaziergang mit Ziege oder Geißbock ist erholsam und stressmindernd. Denn beim Spaziergang mit dem bockigen Vierbeiner lernt der Mensch, jeden Zeit- und Leistungsdruck zu vergessen.

Sommerpause und Geißbock. Bei diesen beiden Worten denkt jeder Braunschweiger an Eintrachts erstes Pflichtspiel nach der Sommerpause, am kommenden Sonntag gegen den Geißbock-Club aus Köln. Erbsenzähler wollen rausgefunden haben, dass Eintrachts sportliche Bilanz gegen den 1.FC Köln seit Jahrzehnten tierisch schlecht ist. Doch in Wirklichkeit sind Spiele gegen den Geißbock-Club für die Eintracht wie Entspannungspaziergänge mit einem Geißbock. Unterbricht nicht auch ein Mönch sieben Mal am Tag die Arbeit für ein stilles Gebet? Eintracht Braunschweig verzichtete besonders in den folgenden sieben Spielen gegen den Eff Zeh auf das ungesunde Streben nach Erfolg, das so typisch für den modernen Fußball ist:

DFB-Pokal (Hinspiel) – 14.04.73 – Eintracht-Stadion – 5:0 für Köln
Viermal traf der BTSV im DFB-Pokal auf die Geißböcke, und viermal zog Köln in die kommende Runde ein. Doch die wahren Sieger waren Eintrachts Spieler. Überstunden und Zusatzschichten durch Siege im Pokal? Nicht mit Eintracht! Mehr Zeit für Familie, Hund und die elektrische Eisenbahn! Eine bessere Work-Life Balance! Dieses 5:0 Sieg brachte den Kölnern in doppelter Hinsicht Pech. Erstens: Nach dem hohen Auswärtssieg verkaufte Köln kaum Karten fürs Rückspiel. Zweitens: In der Verlängerung des Endspiels wechselte sich Günter Netzer ein – Minuten später schoss er Gladbach mit dem Tor des Jahres zum Sieg! Eintrachts Profis genossen den Tag vermutlich am Strand von Fehmarn oder Rimini. Alles richtig gemacht!

1. Bundesliga – 31.08.1977 – Müngersdorf – 6:0 für Köln
Handschuhs lange Sperre und Popivodas Abstellung zur Nationalmannschaft – wie groß war die Enttäuschung, als Eintracht daraufhin den Meistertitel 1977 verpasste! Wie groß waren die Erwartungen, als im Sommer 1977 Paul Breitner und Hasse Borg verpflichtet wurden! Von beruflichen Enttäuschungen und Erwartungen sollten Fußballer sich außerhalb der Kernarbeitszeit (Samstags von 15:30 bis 17:15 Uhr) niemals unter Stress setzen lassen. Ob an jenem Mittwoch Abend der Weinkenner Paul Breitner in Eintrachts Kabine fürs Getränke-Catering zuständig war? Völlig entspannt rutschte Eintracht ins Mittelfeld der Tabelle ab, wo das Leben längst nicht so hektisch und nervenaufreibend wie an der Tabellenspitze ist.

1. Bundesliga – 08.09.1979 – Müngersdorf – 8:0 für Köln
Erneut ein 0:6 aus Braunschweiger Sicht – diesmal sogar in einer einzigen Halbzeit! In der modernen Leistungsgesellschaft ist es wichtig, am Wochenende mal komplett abschalten zu können. Dies gelang der Eintracht an jenem Samstag in vorbildlicher Weise. Braunschweigs Abwehr stand wie eine Bank – wie eine Sitzbank beim gemütlichen Conny. Eintracht verabschiedete sich am Ende der Saison in die zweite Liga, wo das Leben längst nicht so stressig wie in der ersten Liga ist.

1. Bundesliga – 25.08.1984 – Eintracht-Stadion – 3:1 für Köln
Das bis heute letzte Mal, dass der Geißbock-Club zum Saisonauftakt in Braunschweig spielte. Gleichzeitig bis heute die letzte Saison, in der Eintracht in der ersten Liga spielte. Die Kölner wirbelten wie bekloppt über den Platz und schossen Tore. Eintrachts Spieler erfreuten sich am sommerlichen Duft des Rasens und der Gänseblümchen. Später ergriffen Kölns Spieler Jobs, in denen man sich komplett blamieren kann: sei es als Buchautor (Toni Schumacher) oder als Radkappen-Trainer (Pierre Littbarski). Und Eintrachts Spieler? Die Hälfte des Kaders, so die Vereinigung der Vertragsfußballer, entspannte nach Karriereende vollkommen entschleunigt in der sozialen Hängematte – der sicherste Weg, um Arbeitsstress aus dem Weg zu gehen!

Regionalliga Nord – 10.10.2003 – Eintracht-Stadion – 3:2 für Köln II
Warum soll man sich gegen große Vereine überfordern, wenn man ein paar Klassen tiefer auch gegen ihre zweiten Mannschaften verlieren kann? Vor der Industrialisierung ging der Mensch bei Einbruch der Dunkelheit mit den Hühnern schlafen. An jenem Freitag Abend legte Eintrachts Abwehr ein zweiminütiges Nickerchen ein, als Joshua Kennedy mit einem späten Doppelpack das Spiel drehte.

Regionalliga Nord – 23.04.2005 – Eintracht-Stadion – 1:1 gegen Köln II
Aufstiegskampf bedeutet Stress pur. In so einer brutalen Situation müssen Spieler auch mal Schwächen zeigen dürfen. In der zweiten Hälfte zeigten Eintrachts Feldspieler vor allem Schwächen im Abschluss, so dass trotz drückender Überlegenheit das 2:0 nicht fiel. Fünf Minuten vor Schluss durfte auch Torwart Stuckmann mal Schwäche zeigen: Nach seiner zu kurzen Abwehr zappelte der Ball im Netz, was für entspannt fröhliche Gesichter sorgte – bei Eintrachts Aufstiegskonkurrenten aus Paderborn und Lübeck.

2. Bundesliga – 09.02.2007 – Eintracht-Stadion – 1:0 für Köln
Wie grausam und zynisch ist eine Gesellschaft, die den Wert des Menschen an seiner beruflichen Leistung definiert. Ist Eintrachts Verteidiger Banecki als Mensch weniger wert, weil er – wie in Eintrachts letztem Spiel gegen Köln – mal den Ball ins eigene Tor köpft? Nein! Ist Leozinho als Mensch weniger wert, weil sein Elfmeter in die Arme von Torwart Wessels rollt? Nein! In Eintrachts damaliger Truppe der Unfähigen hatten einige vielleicht den falschen Beruf gewählt. Sowas soll allerdings auch in den besten Familien vorkommen.

Die Duelle zwischen Eintracht und dem Geißbock-Club der letzten vierzig Jahre lehren uns, dass beide Vereine völlig verschiedene Wege beschritten: Hier die Eintracht, die stressmindernd mit gemütlichem Tempo durchs Leben spazierte, wie ein Tourist mit einem Geißbock an der Leine. Dort der 1.FC Köln, der stets dem kurzfristigen Erfolg hinterherhechelte, wie ein Investmentbanker kurz vorm Herzinfarkt. Und trotzdem stehen beide Vereine heute, wenige Tage vor dem ersten Spieltag, auf exakt dem gleichen sportlichen Level: gleiche Liga, gleicher Punktestand.

Deshalb unser Tip an Köln: Kopiert doch mal unser Erfolgsrezept der letzten vierzig Jahre: Stresst euch nicht. Entschleunigt. Rennt am kommenden Sonntag nicht wie bekloppt jedem Ball hinterher. Denkt daran, dass der Sonntag ein Tag der Ruhe und der seelischen Erhebung ist. Und ihr werdet sehen, dass die kommende Saison viel gesünder und viel weniger stressig wird als die letzte Saison…

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