Warum Lübeck so böse zu Domi war

On 20. August 2012 by gialloblu

Welch ein netter, lauer Sommerabend in Lübecks Lohmühle. Eintracht steht nach einem souveränen und stimmungsvollen 3:0 in der zweiten Runde des DFB-Pokals! Keine Überraschung, denn die zweite Runde erreichen wir sowieso fast jede Saison, zuletzt im Jahr… 2005. Und beim VfB Lübeck gewinnen wir sowieso fast immer, zuletzt im Jahr… 1962. Nur zwei kleine Wermutstropfen trübten diesen gelungenen Abend. Tropfen Nummer eins: Das Lübecker Tribünenvolk pfiff Domi Kumbela, Eintrachts Torfabrik, permanent aus.

Dokumentiert wurden diese Pfiffe auch im kicker-Ticker: „19:41 Uhr: Kumbela wird bei Ballkontakt ausgepfiffen, nachdem er sich hier bereits das eine oder andere enge Duell geliefert hat.“ Überhaupt präsentierte sich der kicker-Ticker in besserer Form als die grün-weißen Gastgeber: Als der ehemalige Nachwuchsrote Moritz M. nach einer Tätlichkeit gegen Domi K. vom Platz flog („20:27 Uhr: Marheineke tritt gegen Kumbela nach und wird folgerichtig vom Platz gestellt.“), kriegte er im kicker-Ticker die ultimative Eselskappe aufgesetzt: Das Portrait zeigt den Rotsünder im roten Trikot des Derbyverlierers und Pokalrausfliegers vom Oktober 2003. Doppelt rot gleich doppelt peinlich! Gleichzeitig handelt es sich bei Marheinekes Nachtreten gegen Kumbela um Wermutstropfen Nummer zwei vom Freitag Abend: Das Lübecker Spielervolk trat nach Domi Kumbela, Eintrachts ballernde Tor-Bazooka. Wie majestätsbeleidigend und unverschämt ist das denn?

Fairerweise muss man hinzufügen, dass es durchaus einen guten Grund gibt, warum der Lübecker – tretend als Spieler, pfeifend als Zuschauer – Domi Kumbela irgendwie bremsen wollte. Verlässt man nämlich die Lohmühle Richtung Innenstadt, passiert man an der Grenze zur Altstadt das Wahrzeichen Lübecks, das Holstentor. Zwischen den beiden Türmen steht in goldenen Buchstaben eine Botschaft auf Latein: „CONCORDIA DOMI FORIS PAX“ – was von Unwissenden wohl als „Eintracht innen, draußen Friede“ übersetzt wird.

Als Eintracht-Fan fällt man auf so einen Quatsch nicht rein: DOMI soll „innen“ heißen? Haha! CAESAR würden diese Spaßvögel wahrscheinlich mit „außen“ oder „daneben“ übersetzen. Nein, DOMI steht einfach nur für Domi Kumbela! CONCORDIA DOMI heißt „Eintrachts Domi Kumbela“! Aus FORIS macht dieser Latein-Übersetzer unter anderem „Tür“ und „Pforte“ – der alte Römer kannte das Wort „Tor“ nicht, da im Kolosseum bei Spielen mit Löwen geschossene Tore noch nicht Spiel entscheidend waren. CONCORDIA DOMI FORIS heißt also „Tor für Eintracht durch Domi Kumbela“, woraufhin draußen (außerhalb der Altstadt, an der Lohmühle) PAX (Frieden, Ruhe) herrscht. „Domi Kumbela schießt ein Tor für Eintracht, und dann ist Ruhe da draußen an der Lohmühle“. So lautet die tatsächliche, die wahre Übersetzung der lateinischen Botschaft am Lübecker Holstentor. Dies ist der Grund, warum der Lübecker am letzten Freitag – tretend als Spieler, pfeifend als Zuschauer – die tickende Torbombe Domi Kumbela mit allen Mitteln entschärfen wollte.

Als Nicht-Lübecker kann man sich wohl kaum vorstellen, welch immense Wirkung die düstere Prophezeiung am Holstentor seit 1478 auf die Lübecker Bevölkerung hatte. „Gräme dich nicht, meine geliebte Tochter, weil du den elendigen Pleitier und Hochstapler namens Bendix Grünlich heiratetest“, sprach Mutter zu Tony, als die Kutsche das Holstentor passierte, heißt es schon im Roman „Die Buddenbrooks“. „Denn eines Tages wird Domi ein Tor für Eintracht schießen, und spätestens dann ist unsere einst so stolze Familie und unsere Stadt sowieso dem Untergang geweiht.“ Auch das dichtende Konjunkturprogramm für Lübecker Pfeifenhändler und Schnauzbart-Barbiere schrieb mit letzter Tinte vor dem Holstentor sitzend: Iran, du friedlichster Golfstaat, meine Liebe gilt dir. Domi, Peacemaker der Eintracht, schenk mir ein Foto von dir!

Drei Tage sind nun seit Eintrachts erstem Schritt Richtung Pokalfinale vergangen. Die Jahrhunderte alte Vorhersage vom Holstentor hat sich im Jahr 2012 nicht erfüllt, denn statt Domi Kumbela schoss Eintrachts Kevin Kratz die entscheidenden Tore da draußen an der Lohmühle. Möglicherweise wird sich nun auch eine ähnlich alte Vorhersage, die aus dem Kalender der Maya fürs Jahr 2012, genauso wenig erfüllen. Doch ein Detail überraschte mich, als ich die Hansestadt an der Trave nach Eintrachts Triumph im Pokal wieder verließ: Am Holstentor steht seit Samstag CONCORDIA KEVIN FORIS PAX. Keine Ahnung, was dieser Satz bedeuten soll. Aber vielleicht kriegen wir in der nächsten Runde den Derbyverlierer und Pokalrausflieger vom Oktober 2003 auswärts zugelost – und dann werden Domi, Kevin & Co dort mal zeigen können, wie dieser Satz zu übersetzen ist…

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