Warte, warte noch ein Weilchen

On 31. August 2012 by gialloblu

Gestern war ja mal richtig was los in der Stadt an der Leine: Abends die Krawalle vor dem Spiel am Maschsee („Das ist inakzeptabel“, kommentierte 96-Präsident Martin Kind am Freitag die Vorkommnisse rund um den 5:1-Sieg gegen den polnischen Meister Slask Breslau.) Bereits zuvor, gestern Vormittag, hatte die Presse den Ultras von Hannover größte Aufmerksamkeit geschenkt, weil beim Spiel gegen Schalke am Sonntag eine Fahne mit dem Bild des Massenmörders Haarmann geschwenkt wurde. („So etwas ist absolut inakzeptabel“, sagte 96-Präsident Martin Kind.) Zusammenfassend kann man sagen: Aus Sicht von 96-Präsident Kind war der gestrige Tag rekordverdächtig inakzeptabel.

A propos Kind: Als Außenstehender kann man ja nur spekulieren, warum die rote Kurve sich so sehr mit Fritz Haarmann identifiziert, dass man ihn auf einer Fahne würdigt. Wohl kaum, weil Haarmann vor hundert Jahren Kinder in der Hannoverschen Nachbarschaft sexuell missbrauchte. Bestimmt nicht, weil er sich am Bahnhof mit sogenannten Puppenjungs vergnügte. Dass er das Fleisch von seinen zwei Dutzend Mordopfern in Konserven füllte und an ein Restaurant in der Nachbarschaft verkauft haben soll, kann eigentlich auch nicht der Grund für diese Bewunderung sein. Die Kommentare unter dem Artikel bei BILD Online führen den Leser jedoch auf eine Spur, die so heiß wie hausgemachte Brühwurst ist: „Merkt ihr es noch, als Kind hat mir meine Oma das Haarmann Lied vorgesungen. Das gehörte als Hannoverkind dazu wenn man Böse war“, schrieb ein Leser. „Warte, warte noch ein Weilchen, dann kommt Harmann auch zu dir. Mit dem kleinen Hackebeilchen und macht Leberwurst aus dir.“

Noch nie machte ich mir Gedanken darüber, wie es wohl sein muss, als Hannoverkind aufzuwachsen. Irgendwie freudlos, extrem durchschnittlich und recht langweilig, würde ich vermuten. Von Großeltern hätte ich jedoch erwartet, dass sie ihren Enkeln Lieder vorsingen, in denen schwimmende Enten oder vom Fuchs gestohlene Gänse eine Rolle spielen. Stattdessen erfreut man an der Leine den Enkel mit einem Lied, an dessen Ende Klein Hanno als Hackfleisch oder Leberwurst in der Dose endet. O ja, eine traumatische Kindheit kann so Einiges erklären, was im späteren Leben schief läuft.

Als Präsident Kind gestern erfuhr, dass in der heimischen Arena seit Jahren – inakzeptabel! – eine Fahne mit dem Bild von Fritz Haarmann geschwenkt wird, drohte er mit prompter Verbannung dieser Fahne aus dem Block. Doch was passiert anschließend? Welche lokale Größe würde der Mob in der roten Kurve anstelle von Haarmann auf einer Fahne ehren? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden befragten wir Hannovergroßeltern, welche Lieder sie ihren Hannoverenkeln vorsingen, wenn die abgestumpften Blagen mit dem Lied über Haarmann ums Hannoverrecken nicht mehr zu schocken sind. Um es vorweg zu nehmen: Es gibt jede Menge Alternativen!

Ein Großelternpaar berichtete uns von einem Lied, in dem ein unabhängiger Finanzoptimierer eine Rolle spielt. War das Hannoverkind böse, klopft dieser Fremde an die Kinderzimmertür und schnappt sich das Sparschwein. Statt von den paar erbettelten Cent typische Dinge kaufen zu können, über die Hannoverkind sich freut – Bubbletea, Crackpfeife, eine Zwille um auf Katzen zu schießen – wird dieses Geld nun langfristig investiert: in eine steuersparende Riesterrente, auszahlbar ab 2077, oder in eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Klein Hanno soll furchtbar geweint haben, als dieses Lied ihm zum ersten Mal vorgesungen wurde, berichteten die Großeltern stolz.

Er pinkelt an den Pavillon und schlägt mit dem Regenschirm zu. Ein Satz, der viel über typische Wohnverhältnisse und über das Wetter in der Stadt an der Leine aussagt. Einst wurde dem Hannoverkind das Lied über diesen Prinzen von Oma und Opa vorgesungen. Heute glaubt Hannoverkind, dass gegnerische Spieler aus Angst vor Pipi an der Hauswand und Angst vor einem kreiselnden Regenschirm keinen Ball mehr treffen, sobald dieses Portrait auf einer Fahne der roten / grün-weiß-schwarzen Ultras zu sehen ist.

„Warte, warte noch ein Weilchen, dann kommt das Kind zu dir. Wenn du nicht hören willst, kommt es mit dem Hörgerät zu dir.“ Brutal wird in diesem Lied mit der Angst von Kindern vor Zahnspangen, Kassenbrillen, Hörgeräten und anderen orthopädischen Hilfsmitteln gespielt, die den Kopf in eine Großbaustelle verwandeln. Hilfsmittel, die dafür sorgen, dass das Hannoverkind aus der roten Kurve nie einen Freund oder eine Freundin fand. Ein Lied, das, von Hannovergroßeltern gesungen, eine massive Wirkung auf den pubertierenden Hannoverenkel hat.

Was der 96-Präsident wohl sagen würde, wenn er die drei Fahnen, die als Ersatz für das Banner mit dem Mörder Haarmann bereit stehen, heute schon kennen würde? Dasselbe, was er sagen würde, wenn man ihn mit folgenden überraschenden Neuigkeiten konfrontieren würde: Es gibt noch immer Stehplätze in Stadien. 50+1 ist noch immer nicht abgeschafft. Martin Kind würde sagen: „Inakzeptabel!“

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