Wie die Antifa die 11 Freunde linkte

On 10. Oktober 2012 by togo

An dieser Stelle sollte ursprünglich ein Artikel stehen über die Vorkommnisse im und rund ums Eintracht-Stadion vom Sonnabend. Von den Hintergründen, warum eine ehemalige Eintracht-Fangruppierung (auch wenn sie stets betont hat, „No Fans“, also keine Fans, zu sein) plötzlich und ohne Anlass gegen den Verein und die Fans schießt – mit Unterstützung aus Bremen und Hamburg (denen unsere Fanszene nun wirklich piepegal ist). Der Text war fast fertig, da kam mir unter die Augen, was die Kollegen von aBSeits in Zusammenarbeit mit Fanpresse-Sprecher Robin Koppelmann gerade veröffentlicht haben. Im Ernst, derart sachlich und unaufgeregt habe ich es nicht hinbekommen. Und es muss keine Dutzende von Texten geben, die einem teilweise tauben Publikum (wie wir es beim Facebook-Profil der 11 Freunde gerade erleben) zu erklären versuchen, warum Braunschweig kein Neonazi-Problem hat – aber ein Problem mit einer spätpubertären, in ihrer Eitelkeit gekränkten Gruppierung, die vorgibt Eintracht zu lieben, den Verein aber lediglich zur Selbstdarstellung nutzt und ihm dabei sehenden Auges schweren Schaden zufügt. Wer also – kurz und prägnant – die Hintergründe zu den UB01 lesen und verstehen will, wieso Eintracht über Nacht ein Neonazi-Problem angedichtet wurde, der tut das am besten bei aBSeits – oder auch auf Eintrachts Webseite, denn hier ist eine bemerkenswert offene und inhaltlich komplett unterschreibbare Erklärung zu finden. Was man auf jeden Fall wissen muss, ist dass die UB mittlerweile einige personelle Deckungsgleichheiten mit der Antifa in Braunschweig aufweisen.

Die Leopedia, Euer Online-Fachmagazin für saubere Recherche und journalistische Sorgfaltspflichten aber wird an dieser Stelle etwas anderes tun: die 11 Freunde blamieren. Halt, nein, das hat das ehemalige Indie-Fußballmagazin gestern bereits ganz allein erledigt. Da veröffentlichte der Redakteur Andreas Bock nämlich ein Interview mit dem Gründer einer Gruppe, deren einziger Zweck es ist, Neonazis im Eintracht-Stadion aufzuspüren und die dafür sogar eine – inhaltlich allerdings nicht haltbare und fehlerbehaftete – Broschüre herausgegeben hat. Blöd nur, dass es den Gesprächspartner, einen gewissen Martin Schmidt, offensichtlich gar nicht gibt. Auch das Impressum in der viel kritisierten Broschüre ist falsch. Für Journalisten ist die Sorgfaltspflicht, die auch das Gegenrecherchieren von vermeintlichen Fakten beinhaltet, ein wichtiger Teil des Berufsethos. Diese Überprüfung der behaupteten Zustände in Braunschweig aber hat sich Andreas Bock geschenkt. Er lässt seinen nicht-existenten Gesprächspartner aus dem Kästchen plaudern und eine Menge schmutziger Wäsche waschen, ohne sich zu vergewissern, dass diese Aussagen auch der Wahrheit entsprechen. Schlimmer noch: Durch die Wahl der Überschrift „Rechte Ordner und Nazi-Hools bei Eintracht Braunschweig“ erhebt er die Aussagen „Schmidts“ zum Faktum. Dabei hätte eine einfache Nachfrage bei der Polizei gereicht, um die Haltlosigkeit der Vorwürfe zu erfahren. Auch diese Nachfrage hat Bock nicht unternommen.

Da zeitgleich auch die taz einen inhaltsähnlichen – also ebenso falschen – Artikel ins Netz stellte, darf davon ausgegangen werden, dass jemand (die Antifa Braunschweig?) nach dem Spiel gegen den VfL Bochum am Sonnabend entsprechende Pressemitteilungen verschickt hat. Während man von der taz weiß, dass sie es mit der Trennung von Artikel und Kommentar nicht so ernst nimmt und hauptsächlich Klientel-Publizismus betreibt, darf man von den 11 Freunden allerdings durchaus enttäuscht sein. Denn das Berliner Magazin, das seit 2010 zum Medienkonzern Gruner+Jahr gehört, stand bisher durchaus für sauber recherchierte, liebenswerte Inhalte. Diesen Ruf kann das Magazin vorerst nicht mehr aufrecht erhalten, zu groß sind die handwerklichen Fehler, die man sich in diesem Fall geleistet hat. Dazu kommt – ein NoGo in der Diskussionskultur – dass die 11 Freunde gestern einen Diskussionsthread auf Facebook, der hauptsächlich dem Artikel kritisch gegenüber stehende Stimmen beinhaltete, kurzerhand und ohne Ankündigung löschten. Genutzt hat es nichts – die Diskussion fand an anderer Stelle statt.

Die Frage, ob ein Interview mit „Schmidt“ jemals stattgefunden hat oder ob er dieses Interview lediglich aus der Pressemitteilung konstruierte, kann uns nur Andreas Bock selbst beantworten. Der Redakteur der 11 Freunde aber schweigt. Ein kurzer Fragenkatalog, den die Leopedia an die Berliner Redaktion des Magazins schickte, blieb inhaltlich unbeantwortet. Allerdings meldete sich 11 Freunde-Chefredakteur Philipp Köster vor Ablauf der Frist und teilte mit, dass er im Urlaub weile, Andreas Bock die Fragen also selbst beantworten solle. Das hat Bock leider nicht getan.

Diese Fragen baten wir zu beantworten (Anmerkung: zum Zeitpunkt des Verfassens wussten wir noch nicht, dass sowohl das Impressum der Broschüre falsch ist als auch dass Martin Schmidt offensichtlich gar nicht existiert. Diese  Fakten wären sonst in die Fragen eingeflossen):

1. Warum veröffentlicht das Fußballmagazin 11 Freunde, dessen Stärke doch eigentlich die gewissenhafte Recherche ist, ein solches Interview, ohne den Wahrheitsgehalt der Aussagen des Interviewpartners gegenzurecherchieren?

2. War Herrn Bock zum Zeitpunkt des Verfassens des Artikels der Zusammenhang zwischen UB / Antifa / Bündnis bekannt? Falls ja, warum wird darauf nicht eingegangen?

3. War Herrn Bock zum Zeitpunkt des Verfassens des Artikels die Vorgeschichte der UB / deren Auftreten und Verhalten in der Kurve / die Stadionverbote bekannt? Falls ja, warum wird darauf nicht eingegangen?

4. War Herrn Bock zum Zeitpunkt des Verfassens des Artikels die inhaltliche Kritik an der Broschüre bekannt? Falls ja, warum wird darauf nicht eingegangen?

5. Wie ist es – rein zeitlich – möglich, innerhalb derart kurzer Zeit einen Artikel zu verfassen, der Vorkommnisse thematisiert, die am Sonnabend nachmittags erst geschehen sein sollen? Präziser: Wurde Herrn Bock das Thema von Herrn Schmidt explizit angeboten? Und falls ja: wie ist es mit den Grundsätzen journalistischer Sorgfaltspflicht zu vereinbaren, einen „mit heißer Nadel“ gestrickten einseitigen Artikel zu veröffentlichen?

6. Warum reagiert die Redaktion der 11 Freunde nicht auf die massiven Proteste, die seit Veröffentlichen des Artikels besonders über Facebook eintreffen?

7. Warum wird ein kompletter Diskussionsfaden mit hauptsächlich kritischen Stimmen ohne Vorankündigung gelöscht, sodass die gesamten Beiträge verloren gehen?

8. Warum wird der fragliche Artikel nicht wie sonst üblich bis zur Klärung der Sachlage von der Seite genommen?

Ihr seht, diese Fragen sind durchaus beantwortbar. Hätte Andreas Bock uns auf die Fragen geantwortet, wir könnten einiges besser verstehen und einordnen. Wir dürfen gespannt sein, was sich in der Sache noch tut. Was erst einmal bleiben wird ist ein angeknackster Ruf Eintrachts, denn natürlich gibt es Menschen, die an der Wahrheit gar nicht interessiert sind, sondern nur zu gern an den braunen Sumpf im Eintracht-Stadion glauben. Den Gegnern und Neidern des BTSV haben die Ultras Braunschweig mit ihrer egoistischen und eitlen Aktion also wertvolle Munition geliefert. Es wäre zu wünschen, dass sie sich jetzt endgültig aus dem Stadion zurückziehen. Denn das Klima ist spätestens jetzt komplett vergiftet. Und wir sind uns sicher, dass wir im Namen des absoluten Großteils der Eintrachtfans sprechen: wir wollen keine Politik im Stadion, weder rechte noch linke – wir wollen unsere Eintracht sehen! Eine begeisternde, intakte Mannschaft, die uns aktuell viel Freude bereitet und uns die Zeiten in den Dunkelkammern der Drittklassigkeit gerade vergesen lässt. „Danke“, Ultras Braunschweig, dass Ihr uns diese Freude zumindest für ein Spiel und die Tage danach versaut habt. Und „danke“, dass Ihr Eintrachts Ruf aus egoistischen Gründen beschädigt habt. „No Fans“ – ja, wenigstens damit habt Ihr recht.

11 Responses to “Wie die Antifa die 11 Freunde linkte”

  • Ah da wurde einer nicht so erwähnt, wie er wollte.
    Armer Jung. Brauchst jetzt nicht so zu tun, als wenn Ihr riesig vernetzt seid und sonst wie viele.
    Wenn dem so wäre, bräuchtet Ihr nicht überall in den Medien so rum heulen!
    Und jetzt geh wieder zu einen, euch zugeneigten, Schmierblatt hetzen.

    Gott, seid Ihr nervig.

  • 1. Veraltete Ist-Beschreibungen aus den Achtzigern und Neunzigern (inkl. veralteten Fotomaterials)
    2. komplettes Ausblenden der Entwicklungen seitdem
    3. diverse strafrechtlich relevante Verstöße gegen das Persönlichkeitsrecht
    4. Falscher Name im Impressum, um keine persönliche Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen zu müssen

    Eine solche Publikation ist keine Broschüre, weil sie nicht aufklären will, sondern lediglich bloßstellen – sich selbst aber versteckt der Ersteller hinter einem falschen Namen. Wer eine ernsthafte Diskussion anregen will, geht einen anderen Weg als diesen.

    Aber im Artikel geht es nicht um die Broschüre – sondern darum, wie man die 11 Freunde verarscht hat (könnte man wissen, wenn man den Artikel gelesen hätte). Die Versuche, die Diskussion auf diese Publikation zu reduzieren, ist untauglich und lenkt nur ab.

    Gruß nach Hannover!

  • Und was in der Broschüre ist bitteschön falsch?

  • Sehr aufmerksamer Beitrag Herr Meier!
    Nichts leichter als das…Da DIE Antifa oder ihre regionalen Splittergruppen auch sehr offen und nach Außen hin kommuniziert und sich darstellt.
    Im Gegenteil, man diffamiert zwar andere in der Öffentlichkeit und gibt zweifelhafte Broschüren mit Fotos raus ohne aber selber mit Namen oder Gruppierungen dahinter zu stehen.
    Genauso verhält es sich beim Zeigen der Spruchbänder, wo mit Kapuzen vermummte Ihre Botschaften ins Rund des EINTRACHT-Stadions halten.
    Also bitte sachlich bleiben….
    Wer von der „Antifa“ nun im Detail dafür verantwortlich ist, grenzt an Haarspalterei. Und was Sie dort fordern, sollten Ihre linken Symphatisanten selbst erst einmal liefern.

  • Danke,Danke und nochmals Danke für eure Recherche!!!Jetzt kann ich wieder schlafen.Ein Leben lang immer nur der <3 BTSV <3 oldschool Gruß aus Gifhorn

  • „Spalter!!!“

    Wie wahr, wie wahr.

    UB ite domum.

    Loretta

  • Ich finde auch, man sollte bei der Antifa zwischen Volksfront der Antifa und antifaschistischer Volksfront unterscheiden!

  • Schön das ihr anderen vorwerft nicht richtig zu recherchieren, es selbst aber nicht tut! Woher wißt ihr denn, dass „UB mittlerweile einige personelle Deckungsgleichheiten mit der Antifa in Braunschweig aufweisen“? Es gibt gar nicht die „Antifa“. In Braunschweig gibt es mindestens zwei Antifa-Gruppen und noch ein paar weitere Gruppen, Organisationen und Initiativen, die sich sicher auch als „antifaschistisch“ verstehen aber vielleicht nicht so sehr den Schwerpunkt auf „Antifa“ legen. Also erst infomieren, dann schreiben!

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